Zusatzmaterialien zur Folge 04

Gibt es Alternativen zur Demokratie?

Interessierte Hörerinnen und Hörer finden auf dieser Seite weiterführende Informationen zum Sendungsthema als Zusatzmaterial. Philosophische Neulinge und Fortgeschrittene erwarten ganz unterschiedliche Angebote zum Stöbern, Überfliegen oder Weiterdenken. Zeitmarkierungen erleichtern die  Bezüge zur Sendung für Lehrkräfte; Seitenangaben verweisen Multiplikatoren auf die Manuskripte.

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Die Materialien wurden zum Zugriffszeitpunkt 24.11.2014 erstellt von:
Sebastian Boll, M. A.; Dr. des. Jakob Krebs; OStR i. H. Sabine Reh
Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main

 

Inhalt

1. Perspektiven
– 1.1 Demokratie als Beteiligung ↓
– 1.2 Zum philosophischen Hintergrund
2. Konzepte
– 2.1 Fassadendemokratie
– 2.2 Postdemokratie
– 2.3 Demokratischer Protest ↓
– 2.4 Demokratisierung ↓
– 2.5 Alternativen? ↓
3. Personen
4. Didaktik

Tagxedo Demokratie

 

1. Perspektiven

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Was sollen wir tun und wie wollen wir leben? Die Folgen zwei und drei des Funkkollegs behandelten einige entwürdigende Wirtschaftsweisen und unseren Umgang mit Toleranz. Folge vier schließt den ersten Block des Funkkollegs zur praktischen Philosophie ab. Gefragt wird nach den Bedingungen der Möglichkeit zu echter politischer Beteiligung. Die Rubrik „Perspektiven“ bietet zunächst einige allgemeine Hinweise auf die Relevanz des Sendungsthemas und seine philosophischen Hintergründe. Spezifische Erläuterungen folgen dann in der Rubrik „Konzepte“.

1.1 Demokratie als Beteiligung

Bezug Manuskript: S. 3, 11; Bezug Audio: 0:30, 12:20

Demokratie:
Die Regierung des Volkes
durch das Volk für das Volk.

Abraham Lincoln

Online-Audio-Podcast (hr2 – 14:44)
Crashkurs Demokratie
Demokratie ist für die meisten unter uns eine ganz selbstverständliche Angelegenheit. Wieso reden dann einige von einer Krise der Demokratie? Der Radiobeitrag diskutiert besorgniseregende Entwicklungen, wie etwa die geringe Wahlbeteiligung in bildungsfernen Schichten. Problematisch ist das, weil Politikerinnen und Politiker sich dementsprechend wenig an den am schlechtesten Gestellten einer Gesellschaft orientieren. Gleichzeitig erscheint die Demokratie mit der Aufarbeitung der aktuellen Finanz-Krisen als ausgehöhlt und erpressbar. Zwar gilt die deutsche Demokratie als eine der stabilsten der Welt, doch warnt man auch hier vor der entdemokratisierenden Dynamik einer Fassadendemokratie.

Online-Artikel (bpb)
Demokratie – Geschichte eines Begriffs (Hand Vorländer)
Von der Antike bis zur Gegenwart unterliegt “die” Demokratie so vielen Deutungskontroversen, dass eine Definition kein neutrales Unterfangen scheint. Staaten, die sich als Demokratien bezeichnen, weisen in ihrer politischen Ordnung oft beträchtliche Unterschiede auf. Der verlinkte Artikel erläutert kurz und knapp einige wichtige Stationen der philosophischen Diskussion über Arten und Werte demokratischer Systeme. Hier erfährt man beispielsweise von den Vorbehalten, die ausgerechnet Platon und Aristoteles gegenüber der Herrschaft des Volkes hegten.

Online-Portal (demokratie.geschichte-schweiz.ch)
Demokratiegeschichte
Das private schweizer Online-Portal informiert umfassend über die Demokratie, ihre Geschichte und ihre größten Herausforderungen. Eine Definition findet sich links auf der Startseite. Zentrale Elemente der für die verantwortlichen Politiker und das Volk gleichermaßen anspruchsvollen Regierungsform sind: Die politische Gewaltenteilung, ein gleiches und allgemeines Wahlrecht, die Gewähr von Grundrechten einzelner Individuen sowohl gegenüber dem Staat als auch gegenüber einzelnen Gruppierungen, Meinungs- und Pressefreiheitfreiheit, sowie Demonstrations- und Versammlungsfreiheit. Die Seite bietet weiterführende Informationen zu unterschiedlichen Aspekten, die für die Demokratie wesentlich sind, zum Beispiel Menschenrechte, Demokratietypen, Rechtsstaatlichkeit etc.

Online-Videos (bpb – engl. OmU 10 x – 6:00)
10 Questions About Democracy
Zehn Fragen zur Demokratie widmet sich die Bundeszentrale für politische Bildung in diesen englischsprachigen Kurzfilmen, die mit deutschen Untertiteln versehen wurden. Menschen aus verschiedenen Ländern der Erde verleihen ihrer Meinung Ausdruck, zum Beispiel Anders Fogh Rasmussen, der ehemalige Ministerpräsident Dänemarks, ein Filmemacher und andere Künstler, aber auch Normalbürger wie ein New Yorker Taxifahrer. Die Stellungnahmen regen zum Nachdenken und Diskutieren an. Wie schon der Titel verrät, widmet sich jeder Film einer demokratisch brennenden Frage, wie beispielsweise:

  • Warum sollte man sich die Mühe machen zu wählen?
  • Ist Demokratie für jeden gut?
  • Kann Terrorismus die Demokratie zerstören?
  • Können Politiker das Problem des Klimawandels lösen?

Online-Dossier (bpb)
Demokratie in Deutschland
Demokratie bedeutet, dass die Herrschaft vom Volk ausgeübt wird. Jeder Einzelne hat viele Möglichkeiten, sich in politische Prozesse und Entscheidungen einzubringen: Institutionalisiert in Parteien, Vereinen oder Bürgerinitiativen, durch Wahlen und soziales Engagement. Auch wer die politische Berichterstattung verfolgt und im Freundeskreis diskutiert, nimmt am politischen Leben teil. Die parlamentarische Demokratie leitet ihre Rechtfertigung (Legitimation) von der Zustimmung ihrer Bürger ab. Diese drückt sich aus in der Teilnahme (Partizipation) am Prozess der politischen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung. Das Dossier erläutert unter anderem folgende Aspekte:

Politische Partizipation bpb

Politische Partizipation – Beispiele für Beteiligungsmöglichkeiten

Online-Quiz (bpb)
Demokratiequiz für Einsteiger
Zehn Fragen zur politischen Geschichte der Bundesrepublik und Europas können Sie sich in diesem Online-Quiz stellen. Die Antworten sind kommentiert und werden am Ende im Rahmen einer Auswertung zusammen gefasst. Links führen zu weiterführenden Informationen. Ein weiteres Online-Quiz zur Demokratie von Geo.de stellt zusätzlich Bezüge zur politischen Philosophie her.

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1.2 Zum philosophischen Hintergrund

Bezug Manuskript: S. 6, 19; Bezug Audio: 4:30, 23:00

Aus der Demokratie entwickelt sich,
wenn Freiheit im Übermaß bewilligt wird, die Tyrannei.

Platon

Online-Interview-Transkript (Deitelhoff, Forst, Gosepath, Menke – polar)
Warum eigentlich Demokratie?
Dieses umfängliche Interview-Transkript erlaubt einen strukturierten Überblick über das Denken von vier prägenden Forscherpersönlickeiten am Exzellenzcluster Normative Orders. Anhand von präzisen Fragestellungen können jeweils mehrere parallele Antworten verglichen werden. Ist beispielsweise die Demokratie tatsächlich nur die berühmte aller Staatsformen? Ist Demokratie ein gesellschaftliches Fundament oder nur ein Element, das zu anderen Elementen wie etwa Gerechtigkeit oder Freiheit in Spannung stehen kann? Ist sie wirklich alternativlos und wie verträgt sich das mit dem gesellschaftlichen Versprechen auf eine Wahlfreiheit? Die Interviews führte die politische Zeitschrift polar: Politik|Theorie|Alltag, die auch ihren Standpunkt zum politischen Diskurs offenlegt.

Online-Interview-Transkript (Hauke, Celikates, Schiller – Information Philosophie)
Kritische Gesellschaftstheorie heute
Ein ebenfalls hochkarätiges Forscher-Trio antwortet hier auf hohem akademischen Niveau auf Fragen zur Lage der kritischen Gesellschaftstheorie. Hinterfragt wird, ob konservative Denkmuster heute das offene gesellschaftskritische Denken verdrängen. Verschiedene Bestimmungen der kritischen Theorie werden diskutiert, aktuelle Ansätze aufgezeigt und schließlich auf die Wegbereiter Adorno und Horkheimer zurückbezogen.

Online-Audio-Podcast (Oskar Negt – 24:23)
Demokratie muss man lernen, lebenslang
Anlässlich seines 80. Geburtstags äußerte sich der Sozialphilosoph Negt in diesem Interview zum Zustand der Demokratie, zu ihren Gefährdungen und zur Rolle der Philosophie.  Auch der ehemalige Assistent von Habermas kritisiert die aktuelle Tendenz hin zu einer Marktgesellschaft (Thema der zweiten Folge des Funkkollegs). Markwirtschaftlich ausgerichtete Regierunsformen könnten gerade jene Potentiale beschneiden, die zur Demokratie befähigen. Gegen die umgreifende Mutlosigkeit erinnert er daran, dass das Suchen nach Alternativen eine Voraussetzung für die Demokratie ist und dass dieses Denken gelernt werden muss.

Online-Artikel (Ulrike Weichert – PDF, 28 S.)
Was kann Politische Philosophie?
Dieser akademische Artikel präsentiert auf hohem Niveau Ideen und Probleme der politischen Philosophie im Sinne des 1973 verstorbenen politischen Philosophen Leo Strauss. Von Beginn an gab es in der Philosophie eine Reflexion politischer Belange, die sich bis heute weiter differenziert. Verschiedene Einzel- und Unterdisziplinen widmen sich inzwischen mit unterschiedlichen Methoden sowohl empirischen, praktischen als auch theoretischen und normativen Fragen. Neben Erläuterungen zu methodologischen Besonderheiten problematisiert der Artikel die Gefahr der philosophischen Korruption, die die politische Philosophie in den Dienst eines Herrschaftssystems stellt.

Online-Vorlesung (Peter Niesen – 12 x 70:00)
Einführung in die Politische Theorie
Diese aktuell noch laufende Vorlesung an der Uni Hamburg führt in den Gegenstand, die Geschichte und die Diskussionen der Politischen Theorie ein. Nicht nur ideengeschichtlich berühren die Vorlesungsthemen viele Aspekte der politischen Philosophie. Die Vorlesung wird samt Präsentationsfolien angezeigt. Niesen promovierte bei Habermas in Philosophie und begann danach seine Lehrtätigkeit in der Gesellschafts- und Politikwissenschaft. Die fortlaufende Veranstaltung des Wintersemesters 2014/15 ist verfügbar über das Lecture2go-Portal der Uni Hamburg.

Online-Vortrags-Mitschnitte (Philip Pettit – engl. 2 x 60:00)
Gerechtigkeit und Demokratie
Eine differenzierte Perspektive auf die Tugenden der Demokratie skizziert der amerikanische Philosoph Pettit in diesen beiden englischen Vorträgen. Er diskutiert im ersten Vortrag die Unterscheidung von Demokratie und Gerechtigkeit, denn demokratische Entscheidungen seien nicht automatisch gerecht. Der zweite Vortrag argumentiert für den Vorrang der Demokratie vor der Gerechtigkeit. Pettit ist L.S. Rockefeller Universitätsprofessor für “Politics and Human Values” an der Princeton University, an der er Philosophie und Politische Theorie lehrt. Die Vorträge fanden statt im Rahmen der Frankfurt Lectures, einer öffentlichen Veranstaltungsreihe am Exzellenzcluster Normative Orders.

Online-Vorlesungs-Aufzeichnungen (Yale Open Course – engl. 24 x 45:00)
Introduction to Political Philosophy
Entlang zentraler philosophischer Texte untersuchen diese Vorlesungen die politische Philosophie auf ganzer Breite. Verschiedene geschichtliche politische Philosophien werden zusammen mit entsprechenden Formen politischer Institutionalisierung behandelt. Themen sind beispielsweise Platons Idee der gemeinschaftlichen Polis, Hobbes’ Vorstellung eines Souveräns, Lockes konstitutive Regierungsform, sowie Rousseaus Demokratieverständnis. Zu diesen Videos gehört ein gleichnamiger offener Online-Kurs der Yale University.

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2. Konzepte

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Die Rubrik „Konzepte“ greift zentrale philosophische Ideen der Sendungen auf und verweist mit Hilfe kurzer Erläuterungen und Kommentare auf vertiefende Ressourcen wie Internet-Portale, Online-Videos und klassische Bücher. Auch hier kann nach eigenem Ermessen und Vorwissen übersprungen oder tiefer eingetaucht werden.

2.1 Fassadendemokratie

Bezug Manuskript: S. 3, 10; Bezug Audio: 1:30, 10:30

Seit der Finanzkrise ist die Frage, inwieweit es noch
möglich ist, den Kapitalismus politisch zu steuern.

Christoph Menke

Begriffsbestimmung (Demokratiezentrum Wien)
Elitendemokratie
In einer Elitendemokratie ist die politische Führung zwar vom Volk gewählt, repräsentiert aber nicht deren ethische Ansprüche. Bei der Wahl geht es lediglich um den Tausch von Stimmen gegen politische Expertise. Diese Minimalkonzeption ensteht als resignative Abwendung von der “klassischen” Demokratielehre des 18. Jahrhunderts, die viel mehr das Gemeinwohl betonte. Der Wähler erscheint unter einer elitären Perspektive als eigennütziger und kurzsichtiger Konsument, der für die politischen Dienstleistungen einer gebildeten und abgehobenen Elite mit seiner Stimme zahlt. Inwiefern diese Konzeption Platons Idee einer philosophischen Aristokratie ähnelt, lässt sich oben unter dem Stichwort Demokratie: Geschichte eines Begriffs nachlesen.

Online-Artikel (FAZ)
Einspruch gegen Fassadendemokratie (Bofinger, Habermas, Nida-Rümelin)
Mit diesem Artikel kommentierten 2012 zwei renommierte Philosophen und ein Volkswirtschaftler die Nachwirkungen der Finanz-Krise. Die Europäische Union drohe zu einer marktkonformen Fassadendemokratie zu verkommen, die dringend in eine sozialstaatliche Bürgerdemokratie zurückzuverwandeln sei. Diskutiert wird dazu eine konkrete Strategie zu einer Reform der Währungsunion, an der auch die Rolle Europas im Rahmen der Weltpolitik hänge. Den Text gibt es auch als PDF (5 S.).

Online-Video (96:00)
Demokratie oder Medienherrschaft? (bpb)
Mit der Rede von einer Postdemokratie ist meist das schleichenden Aushöhlen demokratischer Strukturen und Prozesse gemeint. In diesem Streitgespräch zwischen Evelyn Roll, Thomas Meyer, Thomas Krüger und Carolin Emcke wird der Einfluss der Medien auf den politischen Willensbildungsprozess diskutiert. Haben die Medien längst die Politik „kolonisiert“ wie es der Politikwissenschaftler Thomas Meyer behauptet? Nutzen Repräsentantinnen und Repräsentanten der Parteiendemokratie die Medien, um sich selbst immer neu zu inszenieren, ohne jedoch offen zu kommunizieren? Mit der Thematisierung einer marketing-geschulten Mediokratie (Meyers Buch) stellt sich die wichtige Frage, inwiefern durch die Massenmedien soziale Selbstverständigungsdiskurse behindert werden, die für eine belastbare Demokratie nötig sind.

Online-Interview-Transkript (The European)
Unsere Demokratie wird von Reichen bestimmt (James Fiskin)
In diesem Interview legt der Stanford-Professor Fishkin dar, inwieweit Reichtum und Macht inzwischen demokratische Systeme korrumpiert haben. Vor diesem Hintergrund formuliert er Wege zur Veränderung und Verbesserung unserer Demokratie. Dabei gehe es gerade nicht um einen erzwungenen Konsens, sondern um die öffentliche Diskussion auch konträrer Argumente. Es müsse ein institutioneller Rahmen geschaffen werden, in dem Menschen mit relevanten Informationen versorgt werden können. Nur wenn Menschen außerdem der Raum zum kritischen Nachdenken zugestanden werde, seien durchdachte Entscheidungen zu erwarten.

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2.2 Postdemokratie

Bezug Manuskript: S. 4, 16; Bezug Audio: 2:00, 19:30

Wahlen allein machen noch keine Demokratie.
Barack Obama

Begriffsbestimmung (bpb)
Postdemokratie
Den Begriff der Postdemokratie prägte der englische Politikwissenschaftler Colin Crouch. Er kritisiert damit die Entwicklung moderner, grundsätzlich demokratisch verfasster Gesellschaften, in denen die Bürger jedoch kaum noch an politischen Prozessen partizipieren. Die politischen Repräsentanten geraten ihrerseits zunehmend unter den Einfluss finanzstarker Interessengruppen und handeln häufig nicht im Sinne des Gemeinwohls. Dies hat einen Legitimitätsverlust zur Folge. Die in vielen westlichen Gesellschaften zu beobachtende Politikverdrossenheit führt der englische Politologe darauf zurück, dass die Bürger ihr Vertrauen in eine vom Lobbyismus geprägte politische Kultur verloren haben. Die Bundeszentrale für politische Bildung bietet online Zugang zu einer Ausgabe der von ihr veröffentlichen Zeitschrift APuZ (Aus Politik und Zeitgeschichte) mit dem Thema Postdemokratie.

Online-Video-Interview (Claus Leggewie – 78:00)
Postdemokratie – jenseits der Nationalstaaten?
Dieses Interview im “Streitraum” der Bundeszentrale zur politischen Bildung ist eines in einer ganzen Reihe, die auch das Stichwort Postdemokratie mehrfach aufgreift. Leggewie lotet hier ein Denken jenseits der scheinbar alternativlosen Wachstumsfantasien aus, die die Diskussionen um die Bewältigung europäischer Krisen dominieren. Er verweist als Gegengewicht auf vielversprechende Möglichkeiten europäischer Zusammenarbeit – zum Besipiel auf dem Sektor der erneuerbaren Energien, der viel mehr in der politischen Öffentlichkeit diskutiert werden müsste. Leggewie ist Direktor am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und nannte sein aktuelles Buch Mut statt Wut: Aufbruch in eine neue Demokratie.

Online-Interview-Transkript (Hauke Brunkhorst – Information Philosophie)
Auslaufmodell Demokratie?
Der Titel dieses Interviews verdankt sich einer gleichnamigen Tagung zum 80. Geburtstag von Habermas. Nicht nur dort wurden aktuelle Probleme postdemokratischer Tendenzen akademisch diskutiert. Der Philosoph, Soziologe und Bildungsforscher Brunkhorst kritisert in diesem Interview einerseits die Entstehung einer international herrschenden Klasse jenseits demokratischer Egalität und Kontrolle. Andererseits sieht er in der damit einhergehenden Schaffung globaler Institutionen auch eine Chance auf eine weltgesellschaftliche Erneuerung der Demokratie.

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2.3 Demokratischer Protest

Bezug Manuskript: S. 8, 14; Bezug Audio: 7:00, 16:00

Ich glaube, dass wichtige demokratische Prozesse
ohne Aufregung gar nicht in Gang kommen.

Roland Koch

Online-Artikel (Wolfgang Kraushaar – bpb)
Die Occupy-Bewegung
Die Occupy-Bewegung began in den USA 2011 mit dem Protestaufruf “Occupy Wallstreet!”, ohne dass es einen expliziten Forderungskatalog gegeben hätte. Einig war man sich aber darüber, dass der spekulative Banken- und Finanzsektor einer politischen Kontrolle unterworfen werden müsse. Damit einher ging auch der Wunsch nach Korrekturen an ungerechten Besteuerungssystemen, die Großverdiener und mulitnationale Konzerne auf Kosten der Allgemeinheit begünstigen. Mit einer plakativen Gegenüberstellung wies die Bewegung auf die übergroße gesellschaftliche Mehrheit von “99 %” hin, die dem einen Prozent einer sich stetig bereichernden Bevölkerungsgruppe gegenüberstehe.

Online-Interview-Transkript (John Searle – Frankfurter Rundschau)
Occupy ist gut gemeint
In diesem kurzen Interview äußert sich der renommierte amerikanische Sprachphilosoph Searle über die Reichweite und die Begrenzungen des politischen Engagements. Er attestiert der Occupy-Bewegung zwar ein gerechtfertigtes Anliegen, moniert aber zugleich den Mangel an konkreten und konsensfähigen Programmen. Eine Bewegung für eine radikale revolutionäre Umgestaltung müsse neben einer guten Idee aber vor allem präzise formulierte Ziele kommunizieren können.

Online-Forschungs-Portal (Goethe-Universität)
Internationale Dissidenz
Die Forschungsgruppe untersucht den zunehmenden Widerstand gegen eine globale Ordnungspolitik, die den Verheißungen einer fruchtbaren Globalisierung nicht gerecht wird. Trotz einer Verdichtung internationaler und transnationaler Beziehungen mehrt sich weltweit der Widerspruch gegen liberale Wirtschaftsmodelle, internationale Deregulierung oder gegen unsozial empfundene “westliche Werte” insgesamt. Aktuelle Forschungsprojekte werden auf diesem Portal kurz beschrieben und unter Publikationen sind einige Papiere als PDF verfügbar und frei zugänglich, wie beispielsweise:

  • Was ist Widerstand? Zum Wandel von Opposition und Dissidenz.
  • Zur Rekonstruktion globaler Herrschaft aus dem Widerstand.

Am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität analysieren verwandte Forschungsgruppen u. a., wie sich oppositionelle Gruppen zu konstruktiven Teilen politischer Systeme wandeln. Die Forschung koordiniert Nicole Deitelhoff, die eine Professur für Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungen inne hat. Neben den äußeren Bedingungen interessieren Deitelhoff besonders die Eigenarten oppositioneller Diskurse, die eine Radikalisierung hemmen oder begünstigen. Laufende Forschungsprojekte sind beispielsweise:

  • Gesellschaftlicher Protest in der globalisierungskritischen Bewegung
  • Widerstand in der internationalen Politik
  • Opposition und globale politische Ordnung

Deitelhoff leitet außerdem eine Forschergruppe zu Normativität im Streit. Normenkonflikte im globalen Regieren an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK). In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien vor kurzem Kurzportrait der Forscherin.

 

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2.4 Demokratisierung

Bezug Manuskript: S. 9, 18; Bezug Audio: 9:30, 22:00

Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht
dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn
ihr dienstbar zur Hand geht.

Papst Gregor der Große

Begriffsbestimmung (Fritz Naphtali)
Wirtschaftsdemokratie
Eingeführt wurde der Begriff in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts von Naphtali in seinem Buch Wirtschaftsdemokratie ihr Wesen, Weg und Ziel. Der obige Link führt zu einer Online-Version des Buches. Im Auftrag des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes geht der Autor darin der Frage nach, wie eine Demokratisierung der Wirtschaft erreicht werden könnte. Im Sinne des Konzepts einer Wirtschaftsdemokratie wird zweierlei gefordert:

  1. Die globale Steuerung des Marktes soll demokratische legitimiert sein.
  2. Die Arbeitnehmer sind an wirtschaftlichen Entscheidungen zu beteiligen.

Online-Mitschnitt Maikundgebung 2012 (Georg Schramm – 43:28)
Wohlhabendes Land oder Land der Wohlhabenden?
Seine satirischen Zeitdiagnosen präsentiert der Kabrettist Schramm inzwischen nicht mehr nur im Theater und im Fernsehen (Scheibenwischer, Anstalt), sondern auch auf Veranstaltungen der Gewerkschaften und der Occupy-Bewegung. Als er den bürgerlichen Zorn zur politischen Tugend erklärt, verfolgen das Millionen auf Youtube; die taz führt daraufhin das Interview: Mein Zorn ist echt. Der politische Kabarettist, der früher als Psychologe arbeitete, kritisiert in seiner Rede nicht nur die Kluft zwischen Arm und Reich oder den unverhältnismäßigen Einfluss von Lobbyverbänden. Angesichts der wachsenden Ungerechtigkeiten ruft er gut informiert zur demokratischen Empörung auf. Für seine zugespitzten Analysen und sein gesellschaftspolitisches Engagement erhielt Schramm den Erich Fromm Preis 2012.

Online-Artikel (Siller, Pollmann – polar)
Warum Politisierung Not tut
In diesem akademischen Artikel erläutern Siller und Pollmann die Notwendigkeit einer breiten öffentlichen Auseinandersetzung, da die offenkundigen sozialen Gefährdungen unserer Zeit nicht einfach ignoriert werden dürften. Soziale Exklusion, Bildungsarmut und Massenarbeitslosigkeit werden von ihnen als die drängensten Probleme gesellschaftlichen Zusammenlebens. Hinzu kommen globale Herausforderungen wie Ressourcenverschwendung und Klimawandel. Eine gerechte Gesellschafts- und Weltordnung müsse aus einer schöpferischen, demokratischen Gemeinschaftsleistung hervorgehen. Dieses Vorgehen klinge anstrengend oder sogar illusorisch, allerdings gebe es dazu keine vernünftige politische Alternative.

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2.5 Alternativen?

Bezug Manuskript: S. 15, 21; Bezug Audio: 17:30, 26:00

Ich sagte daher, dass die Souveränität, da sie
nichts anderes ist als die Ausübung
des Gemeinwillens,
niemals veräußert werden kann.

Jean-Jacques Rousseau

Begriffsbestimmungen
Herrschaftsformen (Wikipedia – tabellarische Übersicht)
Eine übersichtliche Auflistung der verschiedensten Herrschaftsformen bietet dieser Wikipedia-Artikel. Die meisten Einträge sind kurz kommentiert und enthalten weiterleitende Links zu entsprechenden Wikipedia-Artikeln. Verlässliche Definitionen und Erläuterungen zu verschiedenen Herrschaftsformen bietet die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in einer Reihe von Online-Lexika:

Online-Rezension (Gerald A. Cohen – taz.de)
Sozialismus. Warum nicht?
Diese Rezension bietet einen amüsanten Einstieg in aktuelle philosophische Auseinandersetzungen mit sozialistischen Utopien. Der britische Sozialphilosoph Cohen fragte sich in seinem letzten Essay, ob das Prinzip radikaler Gleichheit wirklich von gestern ist. In einem aufschlussreichen Einstieg beschreibt Cohen die Szenerie eines Camping-Ausflugs. Ganz selbstverständlich nutze man die Gegenstände der anderen; ganz selbstverständlich werden Aufgaben gemeinschaftlich bewältigt. Darin zeige sich eine sozialistische Einstellung, die trotz des Niedergangs sozialistischer Regime im Kleinen tagtäglich gelebt werde. In bestimmten Kontexten halten viele Leute Normen der Gleichheit und der Gegenseitigkeit somit für angemessen oder gar für selbstverständlich, selbst wenn sie „Gleichmacherei“ in anderen Kontexten als Bedrohung erleben.

Online-Interview-Transkript (Alain Badiou – Deutschlandradio Kultur)
Kommunismus neu denken
Der französische Philosoph Badiou erinnert in diesem gut lesbaren Interview an ursprüngliche kommunistische Ideen vor dem Hintergrund der Finanz-, Wirtschafts- und Bankenkrise. Zwar sei der Kommunismus keineswegs ein Allheilmittel für alle Übel, doch halte er ein Vokabular für dringend anstehende gesellschaftliche Reflexionen bereit. Ursprüngliche Motivationen kommunistischer Bewegungen waren die Emanzipation der Bevölkerung vom Staat, die politische Teilhabe und eine Alternative zur entwürdigenden Profitorientierung. Gerade in der Rückbesinnung auf die ursprünglichen Ideen erweisen sich viele der sogenannten sozialistischen Regime als politisch sterile oder sogar terroristische Staaten. Genauso krankhaft aber sei die zunehmende gesellschaftliche Ungleichheit, die die Verheißungen kapitalistischer Systeme entlarven.

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3. Personen

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Informationen zu den Interviewpartnern der Sendung und den einschlägigen Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte finden Sie in der folgenden Auflistung.

# Hannah Arendt
Hannah Arendt (1906 – 1975) war eine deutsch-jüdische Philosophin. Sie studierte Philosophie bei Heidegger, Husserl und Jaspers, Theologie bei Bultmann, außerdem klassische Philologie. Vor Ihrer Emigration nach Frankreich zur Zeit des Nationalsozialismus arbeitete Arendt im Untergrund für die deutschen Zionisten. In Paris war sie maßgeblich für die zionistische Jugendarbeit verantwortlich, bevor sie 1941 in die USA flüchtete. Dort war sie zunächst für die deutschsprachige Zeitschrift „Der Aufbau“ tätig. Später lehrte sie an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten Philosophie, u. a. an der New School for Social Research in New York. In „Was ist Politik“ greift Arendt Elemente der politischen Theorie Rousseaus auf. Das Dossier Aus Politik und Zeitgeschichte (APUZ 39/2006) – Hannah Arendt (bpb) widmet sich  der Philosophin und ihren politischen Ideen anlässlich ihres hundertsten Geburtstags. Margarethe von Trotta drehte 2012 einen Fim mit dem Titel Hannah Arendt, der 2013 mit dem renomierten Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde. In dem Spielfilm geht es insbesondere um den Eichmann-Prozess und Arendts Zeitungsreportage dazu. In deren Kontext entfaltete die Philosophin die unerwartete These von der Banalität des Bösen. Ist das Böse wirklich banal? fragte Thomas Assheuer in der ZEIT. Sein Artikel ist einerseits eine kritische und dennoch wohlwollende Würdigung des Trotta-Films. Andererseits setzt sich der Autor mit Arendts provokanter Auffassung des Bösen sowie deren Präsentation im Film kritisch auseinander. Es gibt umfangreiche Unterrichtsmaterialien zum Film Hannah Arendt (geeignet ab Klasse 10, unter anderem für die Fächer Ethik und Philosophie).

# Aristoteles
Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) gilt als berühmtester Schüler Platons. Er ist neben seinem Lehrer und dessen Lehrer Sokrates der dritte Philosoph, der der Phase der klassischen griechischen Philosophie zuzuordnen ist. Von König Philipp 343/342 an den makedonischen Hof gerufen, wurde Aristoteles zum Erzieher des später berühmten Herrschers Alexander, den er drei Jahre lang unterrichtete. Aristoteles beschäftigte sich mit allen für die zeitgenössische Philosophie relevanten Fragen. U. a. verfasste er wesentliche Werke zur Logik, Wissenschaftstheorie, Naturphilosophie, Poetik und zur Staatstheorie. Aristoteles‘ bekanntestes moralphilosophisches Werk ist die Nikomachische Ethik. Die Moralphilosophie des antiken Philosophen gehört zu den glücksethischen Konzeptionen. Aristoteles vertrat nämlich die Auffassung, dass das Endziel des menschlichen Strebens die Verwirklichung eines guten (glücklichen) Lebens sei. An dieser Stelle lässt sich eine Verbindung zu den politischen Vorstellungen Aristoteles‘ herstellen. Ein gelungenes Leben war für ihn nämlich nur möglich, wenn ein Mensch seine Tugenden und Fähigkeiten im Sinne der politischen Gemeinschaft, der Polis, zur Geltung brachte. In diesem Sinn versteht Aristoteles den Menschen als „zoon politicon“, als ein politisches Wesen, das auf die Gemeinschaft angewiesen ist. Ein Leben gemäß der Tugend bzw. der Tüchtigkeit galt Aristoteles als die zentrale Voraussetzung, um glücklich zu sein. Er entfaltete ein komplexes System unterschiedlicher Tugenden, die dem Menschen zugeordnet werden können, wie Charakter- und Verstandestugenden. Aristoteles konzipierte in Politik: Schriften zur Staatstheorie als erster Philosoph eine Staatenlehre. Er unterschied sechs Staatsformen voneinander, drei positive, die das Wohlergehen (Glück) des Staatswesens befördern (Monarchie, Aristokratie und Politie) und drei, die als entartet eingestuft werden (Tyrannis, Oligarchie und Demokratie). Die Demokratie, als Herrschaft der vielen Armen und Freien, verurteilte Aristoteles, da sie den Wohlhabenden und Tüchtigen zum Nachteil gereiche.

# Frank Deppe
Frank Deppe, geboren 1941, ist ein deutscher Politikwissenschaftler, der bis 2006 am Institut für Politikwissenschaft der Uni Marburg lehrte. Er war dort Leiter der Forschungsgruppe Europäische Gemeinschaften (FEG) und befasste sich neben der politischen Theorie schwerpunktmäßig mit der deutschen und der internationalen Arbeiterbewegung, sowie der politischen Soziologie der Gewerkschaften. Seine Abschiedsvorlesung zur Emeritierung trug den Titel „Krise und Erneuerung marxistischer Theorie“. Deppe ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac und wurde 2012 in den Vorstand der Rosa-Luxemburg-Stiftung gewählt. Er ist Interviewpartner dieser Sendung des Funkkollegs, unter anderem aufgrund seines Buches Autoritärer Kapitalismus. Demokratie auf dem Prüfstand.

# Colin Crouch
Colin Crouch, geboren 1944, ist ein englischer Politikwissenschaftler, Soziologe und prominenter Kritiker des Neoliberalismus. Er führte den Begriff der Postdemokratie in die aktuelle Debatte ein. Mit der Idee der Postdemokratie wird eine Kritik an heutigen Demokratieformen und deren politischen Eliten formuliert. Letztere entfernen sich Crouch zufolge zunehmend von ihren Wählern. Zudem wächst der Einfluss partikularer Gruppierungen und Interessenverbände. Die Bürger partizipieren demgegenüber kaum noch an politischen Prozessen. Crouch, der zunächst als Journalist tätig war, studierte Soziologie an der London School of Economics. Er lehrte u. a. am Trinity College in Oxford sowie an der dortigen Universität. Crouch war als Forscher am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz beschäftigt und lehrt heute politische Theorie an der Universität von Warwick. Er ist „Auswärtiges Wissenschaftliches Mitglied“ am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Sein Buch Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus. Postdemokratie II trug dem Engländer den Literaturpreis „Das politische Buch“ der Friedrich-Ebert-Stiftung ein. 2013 präsentierte die ZEIT ein Interview, das Fabian Heppe und Marius Mühlhausen mit Crouch geführt haben. Themen waren die deutsche Sozialdemokratie und die letzte Bundestagswahl.

# René Descartes
René Descartes (1596 – 1650) ist ein Vertreter des Rationalismus, der erkenntnistheoretischen Gegenposition zum Empirismus. Die wichtigsten Werke des französischen Philosophen sind die Abhandlung über die Methode, richtig zu denken und Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen (1637) und vor allem die berühmten Meditationen (1641), in denen Descartes den Versuch unternimmt herauszufinden, was man als Mensch sicher wissen kann. Um eine Antwort auf seine Ausgangsfrage zu finden, wendet Descartes den methodischen Zweifel an. Er hinterfragt zunächst alles, von dem er bisher glaubte, es sicher zu wissen. Insbesondere Erkenntnisse, zu denen wir mit Hilfe sinnlicher Erfahrungen gelangen, zweifelt Descartes an, da uns unsere Sinne häufig täuschen. So nehmen unseren Augen beispielsweise einen Strohhalm, den wir ins Wasser halten, als geknickt wahr. Mit seinem berühmten Cogito-Argument gelangt Descartes schließlich zu dem, was er als Fundament der Erkenntnis akzeptieren kann:

„Zweifellos bin also auch Ich […] so lange ich denke, ich sei etwas. Nachdem ich so alles genug und übergenug erwogen habe, muß ich schließlich festhalten, daß der Satz ‚ ‚Ich bin, Ich existiere‘, so oft ich ihn ausspreche oder im Geiste auffasse, notwendig wahr sei.“ (II, 3).

Gerade indem Descartes sich als zweifelnd erfährt, muss er sich selbst als exisitierend annehmen. Damit glaubte er, einen verlässlichen Ausgangspunkt für alle weiteren Erkenntnisse gefunden zu haben. Nicht zuletzt mit seinem Cogito-Argument hat Descartes die Diskussionen der modernen Philosophie entscheidend beeinflusst.

# Jürgen Habermas
Jürgen Habermas, geboren 1929, gehört zu den weltweit meistrezipierten Sozialphilosophen der Gegenwart. Er war Forschungsassistent bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno und ist inzwischen emeritiert. Anerkennung gewann er weit über die philosophische Fachwelt hinaus. Seine diskurs-, handlungs- und rationalitätstheoretischen Arbeiten werden als Weiterführung der Kritischen Theorie diskutiert. Habermas erklärte die geltungsbezogene Kommunikation zum Kern gesellschaftlicher Entwicklungen, ihrer Beforschung und ihrer Kritisierbarkeit. Einflussreich war neben vielen weiteren Veröffentlichungen schon Habermas’ Habilitationsschrift Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962) sowie auch sein späteres zweibändiges Hauptwerk Die Theorie des kommunikativen Handelns (1981).

# Christoph Menke
Christoph Menke, geboren 1958, ist studierter Philosoph und Germanist, lehrt Philosophie an der Goethe-Univeristät in Frankfurt und ist dort als Projektleiter des Exzellenzclusters zur Herausbildung normativer Ordnungen zuständig für den Arbeitsschwerpunkt Normativität und Subjektivität. Menke gehört zu den Repräsentanten, die in dritter Generation die Frankfurter Schule vertreten. Seine Forschungsschwerpunkte sind Rechtstheorie, Theorien des Politischen, Theorien der Subjektivität, sowie Ästhetik und Ethik. Menke hatte neben seinen Tätigkeiten an der Frankfurter Universität unter anderem folgende Positionen inne: Co-Direktor des Menschenrechtszentrums der Universität Potsdam, Projektleitung im Sonderforschungsbereich Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste sowie Sprecher des Graduiertenkollegs Lebensformen und Lebenswissen. Er war Heisenberg-Stipendiat und lehrte unter anderem als Gastdozent an der Universität von Mexico sowie an Columbia-Universität in New York.

# Jean-Jacques Rousseau
Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) prägte den Begriff der Volkssouveränität. Der gebürtige Schweizer war der Überzeugung, dass echte Demokratie nur in direkter Form verwirklicht werden könne. Seine staatstheoretischen Anschauungen entfaltete Rousseau im „Contrat Social“, dem „Gesellschaftsvertrag„. Rousseau beeinflusste mit seinen politischen Ideen nicht nur die französische Revolution nachhaltig. Auch aktuelle Debatten beziehen sich häufig auf Kerngedanken des Philosophen. Im zeitgenössischen Paris verkehrte Rousseau mit Voltaire, Diderot, d’Alembert und anderen Aufklärern und arbeitete am Projekt der Enzyklopädie mit. Bekannt wurde Rousseau mit seiner sog. ersten Abhandlung. Die von der Akademie von Dijon gestellte Preisfrage „Hat die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen, die Sitten zu läutern?“ beantwortete Rousseau überraschenderweise mit einem klaren „Nein“. Seine originelle Schrift brachte ihm den Preis der Akademie ein. Rousseau war unter anderem als Philosoph, Komponist, Naturforscher und Pädagoge tätig. Neben den bereits genannten Schriften sind seine bekanntesten Werke: „Die Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“, „Emile oder über die Erziehung„, „Julie oder Die neue Héloïse“ und „Bekenntnisse„.

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4. Didaktik

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Unter Demokratie verstehe ich,
dass sie dem Schwächsten die gleichen
Chancen einräumt wie dem Starken.

Mahatma Gandhi

4.1 Curriculare Bezüge

  • Kerncurriculum: Inhaltsfelder „Recht und Gerechtigkeit“
  • Lehrplan: 12 G. 1 – Recht und Gerechtigkeit in Gesellschaft, Staat und Staatengemeinschaft: Gerechtigkeitsbezogene Begründungen verantwortlichen Handelns

4.2 Lern-Ressourcen

Buch-Empfehlung (Stüwe, Weber)
Antike und moderne Demokratie
Klaus Stüwe und Gregor Weber haben hier eine umfassende und dennoch kompakte Übersicht zur Demokratie zusammengetragen. Anhand von 100 kommentierten Texten werden Entstehung und Entwicklung dieser Staatsform nachgezeichnet. Die Einträge eigenen sich zur eigenen Vertiefung oder zum Einsatz im Unterricht.

Interaktiver-Rundgang (Frankfurt interaktiv)
Rundgang durch die Paulskirche
Auf der Seite frankfurt-interaktiv.de wird ein Rundgang durch die Pauskirche angeboten, die als „Wiege der deutschen Demokratie“ gilt. Die Geschichte des Gebäudes wird knapp präsentiert. Außerdem führen Links zu weiterführenden Informationen rund um die Paulskirche.

Online-Lern-Materialien (bpb)
Interaktive Grafiken
Ein breites Angebot an begrifflichen und geschichtlichen Erläuterungen, sowie Lernmaterialien und Medien findet sich über das Online-Portal der Bundeszentrale für politische Bildung. Ein Beispiel ist die interaktive Info-Grafik Verfassungsorgane und Gewaltenverschränkung. Hier können per Klick Bezüge zwischen Bundestag, Bundesrat, Bundespräsident und Verfassungsgericht entdeckend nachvollzogen werden. Schülerinnen und Schüler können auf diesem Wege mehr über Verflechtung und Machtbegrenzung der Verfassungsorgane in Deutschland lernen.

Online-Video (Planet Schule – 29:15)
Demokratie 2.0
Anhand verschiedener Beispiele beleuchtet dieser Film Chancen und Bedrohungen für unsere parlamentarische Demokratie durch neue digitale Kommunikationsplattformen. Für die jüngeren Generationen unserer Demokratie ist es alltäglich, dass Texte, Bilder und Videos im Sekundentakt versendet und vernetzt werden können. Darf man deshalb auf neue Formen und Ausmaße demokratischer Beteiligung hoffen? Kann die über das Web 2.0 ermöglichte Willens- und Entscheidungsbildung wirklich als demokratischer Prozess verstanden werden? Oder werden gerade durch die ständige Flut an gesellschaftlich irrelevanten Themen oder die reißerische Meinungsbildung die politische Enthaltsamkeit eher gefördert?

Unterrichts-Material (lehrer online)
Demokratie und Menschenrechte in Deutschland
Mit dieser Unterrichtseinheit soll die Entwicklung der Demokratie in Deutschland von 1871 bis 1990 erarbeitet werden. Vor diesem Hintergrund können Jugendliche die Anstrengungen und Bedrohungen reflektieren, die hinter dem politischen System stehen, das sie als selbstverständlich erleben. NS- und SED-Regime werden als zwei Diktaturen verstehbar, die das politische System der Demokratie zeitweise außer Kraft setzten. Schülerinnen und Schüler sollen so erkennen, dass Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit keine stabilen Selbstverständlichkeiten darstellen und dass unsere demokratische Grundordnung auch in der Gegenwart verteidigt werden muss.

Unterrichts-Material
Demokratietheorie: Vereinigte Staaten von Europa? (Bildungsserver Hessen)
Kann Europa sich den amerikanischen Weg zur Union zum Vorbild nehmen? Diese Sammlung von Unterrichtsmaterialien zielt einerseits auf die theoretische Auseinandersetzung mit der Demokratietheorie und anderersreits mit den praktischen Herausforderungen der europäischen Integration. Dazu soll ein vergleichender Blick auf die Entstehung der USA die Eigenart und die Chancen der europäischen Demokratie veranschaulichen.

Online-Unterrichts-Materialien (Gesellschaft Agora-Wissen)
Demokratie
Vielfältige Hintergungsinformationen und Materialien zum Thema Demokratie bietet auch ein Bildungsserver zusammengestellt von der Gesellschaft Agora-Wissen, u.a. zu den Klassikern der politischen Theorie Hobbes, Locke und Rousseau. Der Server gliedert sich hierbei in fünf Kurse: “Was ist Demokratie?”, “Wie hat sich Demokratie entwickelt?”, “Was sind die Merkmale eines demokratischen Staates?”, “Was gehört zu einer demokratischen Gesellschaft?” und “Mit welchen Problemen hat die Demokratie heute zu kämpfen?”.

Online-Rezension (Stefan Mehmke – Die Welt)
Tropico 5 macht den Spieler zum Hobby-Diktator
Auch im fünften Teil der komplexen und bunten “Diktator-Simulation” regieren Spielerinnen und Spieler den fiktiven Inselstaat Tropico. In der stark überzeichneten und doch realitätsnahen Staats-Simulation gilt es eine stabile Regierung diktatorisch durchzusetzen. So bestimmt man unter anderem, ob nur Reiche, nur Männer oder alle wählen dürfen. Baut man aber Kohle ab wie ein Wilder, treten die Umweltschützer auf den Plan. Dann gibt es Demonstrationen und Unruhen, was sich auf die Wirtschaftskraft auswirkt. Spieler investieren in institutionelle Gebäude und erweitern damit ihren politischen Handlungsspielraum in die eine oder andere Richtung. Je nachdem, ob man die Schwerpunkte auf Ökologie, Landwirtschaft, Industrie oder Tourismus legt, ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten und Herausforderungen.

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