Zusatzmaterialien zur Folge 02

Dürfen wir alles zur Ware machen?

Interessierte Hörerinnen und Hörer finden auf dieser Seite weiterführende Informationen zum Sendungsthema als Zusatzmaterial. Philosophische Neulinge und Fortgeschrittene erwarten ganz unterschiedliche Angebote zum Stöbern, Überfliegen oder Weiterdenken. Zeitmarkierungen erleichtern die  Bezüge zur Sendung für Lehrkräfte; Seitenangaben verweisen Multiplikatoren auf die Manuskripte.

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Die Materialien wurden zum Zugriffszeitpunkt 10.11.2014 erstellt von:
Sebastian Boll, M. A.; Dr. des. Jakob Krebs; OStR i. H. Sabine Reh
Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Inhalt

1. Perspektiven
– 1.1 Wie wollen wir leben?
– 1.2 Zum philosophischen Hintergrund
2. Konzepte
– 2.1 Marktgesellschaft
– 2.2 Kapitalismuskritik
– 2.3 Menschenwürde
– 2.4 Daten als Ware
2.5 Bildung als Ware
2.6 Menschen als Ware
3. Personen
4. Didaktik

Tagxedo Menschenwürde

 

1. Perspektiven

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Der Mensch ist ein Tier, das Geschäfte macht; kein anderes Tier tut dies –
kein Hund tauscht Knochen mit einem anderen.

Adam Smith

Die übergeordnete Perspektive dieses Sendungsthemas betrifft die grundsätzliche Frage, wie wir leben wollen. Mit dieser Frage beschäftigt sich im Rahmen der praktischen Philosophie vor allem die zeitgenössische sozialphilosophische Forschung. Folgende Angebote eigenen sich zur Orientierung und Vertiefung entsprechender Überlegungen.

1.1 Wie wollen wir leben?

Bezug Manuskript: S. 7, 10, 22; Bezug Audio: 5:30, 9:20, 22:50

Audio-Podcast (13:50) (hr iNFO)
Philosophie für Fußgänger – Was soll ich tun? (Harald Lesch)
Schon in den Zusatzmaterialien zur Auftaktsendung wurde eine der zentralen Fragen Kants aufgegriffen: Was soll ich tun?. Diese philosophische Grundfrage ist eng verzahnt mit der Frage wie wir leben wollen. Denn obwohl wir nicht alle Konsequenzen unseres Handelns kennen können, so wünschen wir uns doch ein Leben ohne böse Überraschungen für uns und andere. Es lohnt sich deshalb lebenspraktisch, unerwünschte Handlungskonsequenzen zu bedenken, um die Chance auf ein wünschenswertes Zusammenleben zu erhöhen. Warum Kants kategorischer Imperativ uns dabei weiterhin Orientierung bietet, erläutert Lesch in seiner gewohnt lockeren Art, bekannt aus der Fragesendung Leschs Kosmos.

Interview-Transkript (ZEITonline)
Gute Fragen sind einfach (Michael Sandel)
Was macht eigentlich eine gute Frage aus? Was ist ein gutes Leben? Was ist Gerechtigkeit? Auch der Philosoph Sandel misst gut gestellten Fragen eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für unser Zusammenleben bei. In diesem Interview kommentiert er einerseits allgemeine und andererseits spezifisch sozialphilosophische Fragen, wie sie aktuell in ganz unterschiedlichen Gesellschaften gestellt werden: Inwiefern ist wachsender Wohlstand bei zunehmender sozialer Ungleichheit gerecht? Woran bemisst sich gesellschaftliches Gemeinwohl? Soll man wirklich alles kaufen können?

Online-Dossier (FAZ)
Eine zeitgemäße Utopie
Welche Lebensweise hat in einer globalisierten Welt Aussicht auf langfristigen Erfolg? Viele Menschen beschleicht mittlerweile das ungute Gefühl, dass es so nicht weitergehen darf. Manche hinterfragen selbstverständliches Verhalten und beginnen, neue Wege zu erkunden. In diesem FAZ-Dossier berichten unter anderem FamilienunternehmerInnen, KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen von ihren Bedenken und Vorschlägen, wie sich die herrschenden Verhältnisse verbessern lassen könnten. Anstatt unsere Lebensweise als alternativlos zu begreifen, fangen manche einfach schon mal an, etwas zu verändern.

Online-Portal (Fortschrittsforum)
So wollen wir leben! Ideen und Handlungsempfehlungen
Welche gesellschaftlichen, institutionellen und wirtschaftspolitischen Verhältnisse wären geeignet, den globalen Bedürfnissen aller Menschen gerecht zu werden? Zum Austausch über derartige Fragen wurde das Fortschrittsforum ins Leben gerufen – unter anderem mit Unterstützung der Friedrich-Ebert- und der Hans-Böckler-Stiftung. Konkrete Vorschläge für eine ökonomisch wie ökologisch nachhaltige und gerechte Gesellschaft diskutieren verschiedene Arbeitsgruppen wie Geld & Glück und Bildung & Modernisierung. Aus wirtschaftsethischer Perspektive überlegt Alexander Lorch beispielsweise: Was kommt nach der sozialen Marktwirtschaft? Die bisherige Praxis, die Märkte möglichst frei und unbehelligt agieren zu lassen, um die entstehende Ungleichheit nachträglich durch steuerliche Umverteilungen abzufangen, scheint ihm angesichts der offenkundigen Krisen riskant.

Online-Artikel (Information Philosophie)
Wie wollen wir leben? (Friedhelm Dechner)
In diesem Artikel analysiert der Philosoph Dechner die Zusammenhänge zwischen neuen Formen der Bürgergesellschaft und den marktwirtschaftlichen Begleiterscheinungen der Spaß- und Erlebnisgesellschaft. Bedenklich, ja paradox erscheint ihm, dass trotz wachsender individueller Entfaltung, trotz technologischen Fortschritten und trotz wirtschaftlichen Wachstums nicht nur die soziale Ungleichheit zunimmt, sondern auch das gesamtgesellschaftliche Leiden unter Ängsten und Depressionen.

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1.2 Zum philosophischen Hintergrund

Bezug Manuskript: S. 20; Bezug Audio: 22:30

Online-Video (8:46) (ZEITakademie)
Die Kernbereiche der Praktischen Philosophie (Julian Nida-Rümelin)
In diesem Kurzvortrag erläutert Nida-Rümelin einige Grundlagen der praktischen Philosophie. Er stellt unterschiedliche Bereiche vor, geht auf ihre historischen Veränderungen ein und erklärt, inwiefern ethische Fragen als Kern der praktischen Philosophie betrachtet werden können.

Online-Vorlesung (55:00)
Praktische Philosophie – Tugendethik, Deontologie, Teleologie (Prof. Dietmar Hübner)
Was macht eine Handlung zu einer gebotenen oder moralisch verwerflichen? In der dritten Vorlesung seiner Einführung erläutert Hübner grundlegende Begriffe und konkurrierende Ansätze der praktischen Philosophie. Anhand von Beispielen wird auf universitärem Niveau erklärt, wie sich die Perspektiven von Tugendethik, Deontologie und Teleologie zu Handlungen, Handlungsmotivationen und Handlungskonsequenzen verhalten.

Online-Interview-Transkript (FAZ)
Moral ist ökonomisch sinnvoll (Marcus Willaschek)
Eine konsequente Einhaltung moralischer Standards ist ökonomisch sinnvoll und lohnend, meint der Philosoph Willaschek. Dafür spricht, dass gerade die Finanzbranche langfristig betrachtet auf Vertrauen basiert. Er erinnert ausgerechnet an Adam Smith, der gerne als Kronzeuge für die Freiheit der Märkte angeführt wird. Allerdings hat auch Smith seinem Hauptwerk An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (PDF) mit der Theory of Moral Sentiments (PDF) eine bedeutende moralphilosophische Ergänzung zur Seite gestellt.

Online-Artikel (Information Philosophie)
Gleichheit und Gerechtigkeit (Bernd Ladwig)
Gleichheit wird häufig als Inbegriff der Gerechtigkeit angesehen: Ist ein Kuchen gerecht verteilt, dann waren die Stücke gleich groß. Allerdings stellt sich in gesellschaftlichen Kontexten die Frage, worauf sich Gleichheit eigentlich bezieht. Denn Marxisten, Marktliberale, Kommunitaristen und Utilitaristen verstehen sich zwar alle als “egalitaristisch”, allerdings sollen für sie unterschiedliche Dinge gleich verteilt sein – etwa Freiheit, Einkommen oder Wohlbefinden. Der Philosoph Ladwig rekonstruiert die Diagnose des Philosophen Amartya Sen: Die Forderung nach Gleichheit in einer Hinsicht bedeutet die Ungleichheit in anderen Hinsichten – wodurch sich die unbestimmte Forderung nach Gleichheit philosophisch disqualifiziert. Die Frage danach, was Gleichmacherei mit Gerechtigkeit zu tun hat, wird in der Folge 22 des Funkkollegs noch im Detail beleuchtet.

Instituts-Webseite (IfS)
Institut für Sozialforschung
In der Tradition der Kritischen Theorie untersucht das Frankfurter Institut für Sozialforschung konkurrierende Wertsphären innerhalb kapitalistischer Gesellschaften. Das interdisziplinäre Forschungsprogramm konzentriert sich auf gesellschaftliche Paradoxien, wie etwa die gleichzeitige Vermehrung und Verminderung individueller Spielräume in verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Die Webseite ermöglicht einen Einblick in die sozialphilosophische Forschung und bietet neben einem umfänglichen Publikationsverzeichnis auch Texte im Internet an, so beispielsweise:

Zum ethischen Paternalismus
Die paternalistische Einstellung besagt, dass es unter bestimmten Voraussetzungen legitim ist, die Freiheit von Personen gegen deren Willen einzuschränken, um ihr Wohlergehen zu sichern. Dies entspricht der Einstellung von Eltern, Kinder gegen deren ausdrückliche oder vermutete Wünsche vor sich selbst zu schützen. Kontroverse Legitimierungsfragen im Fall von mündigen Bürgerinnen und Bürgern werden in der praktischen Philosophie verhandelt, insbesondere in der Moralphilosophie, der politischen Philosophie sowie der Rechtsphilosophie:

Online-Quiz (ZEITonline)
Was ist Ethik?
In ihrer Rubrik zur Studierendenorientierung bietet die ZEIT ein kurzweiliges Multiple-Choice-Quiz zu Fragen der allgemeinen und angewandten Ethik an.

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2. Konzepte

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Die Rubrik „Konzepte“ greift zentrale philosophische Ideen der Sendungen auf und verweist mit Hilfe kurzer Erläuterungen und Kommentare auf vertiefende Ressourcen wie Internet-Portale, Online-Videos und klassische Bücher. Auch hier kann nach eigenem Ermessen und Vorwissen übersprungen oder tiefer eingetaucht werden.

2.1 Marktgesellschaft

Bezug Manuskript: S. 2, 6, 22; Bezug Audio: 0:30, 4:30, 22:50

Eine Marktwirtschaft ist ein wertvolles und effizientes
Instrument, um Produktivität zu organisieren. Aber in einer
Marktgesellschaft steht so gut wie alles zum Verkauf.

Michael Sandel

Buch-Empfehlung
Was man für Geld nicht kaufen kann (Michael Sandel)
Mit diesem Buch fragt Sandel provokativ, ob die aktuellen marktgesellschaftlichen Verhältnisse wirklich so segensreich sind, dass wir in ihnen leben wollen. Gemeint ist ein Zustand, in dem fast alles ge- und verkauft werden kann – vorausgesetzt, das nötige Kleingeld ist vorhanden. Als bedenkliche Beispiele nennt er Leihmutterschaft, Einwanderungserlaubnis, Großwildjagd auf bedrohte Arten, Vertretungen fürs Schlangestehen und Lebensversicherungen alternder Mitmenschen als Geldanlage. Sandels komplette Liste bedenklicher Beispiele findet sich in der Leseprobe (PDF) des Verlags.

Online-Artikel (FAZ)
Nicht alles sollte für Geld zu haben sein (Christian Siedenbiedel)
Wo hat der Kommerz seine Grenzen? Der Autor erwägt das Für und Wieder des Markt-Prinzips von Angebot und Nachfrage am Beispiel von Wasser. Er argumentiert, dass einige Dinge nicht Gegenstand des Handels sein sollten, und er bezieht sich dabei vor allem auf zwei von Sandel betonte Gründe: Einerseits könne sich hinsichtlich lebenswichtiger Grundgüter eine lebensbedrohliche Verteilungsungerechtigkeit ergeben (das wäre beispielsweise der Fall, wenn Wasser aufgrund hoher Kosten ein Privileg wohlhabender Personen würde); andererseits könne die Bepreisung bestimmter Güter deren Bewertung durch Mensch und Gesellschaft untergraben, weil ihre sozial-politische Bedeutung durch ihren monetären Wert verdeckt wird.

Online-Video-Interview (57:40)
Die Grenzen des Marktes (Michael Sandel)
Selbst wirtschaftsliberalen Optimisten scheint klar, dass Märkte auch Grenzen brauchen. In diesem Interview mit Sandel wird diskutiert, unter welchen Bedingungen individuelle Freiheiten unsere gesellschaftliche Ordnung bedrohen und wo der Markt begrenzt werden sollte. (Sandels Vorlesungen an der Harvard University sind übrigens teilweise so begehrt, dass Plätze per Losverfahren vergeben werden müssen.)

Buch-Empfehlung
Sphären der Gerechtigkeit (Michael Walzer)
Welche Bedeutung hat der Wert der “Gleichheit” für unser Zusammenleben? In Abgrenzung von John Rawls plädiert Walzer mit diesem einflussreichen Buch für einen differenzierten pluralistischen Gleichheitsbegriff. Laut Walzer dürfen wir uns “Gleichheit” nicht als automatische Garantin für Gerechtigkeit vorstellen. Unterschiedlich wichtige Güter wie Wohlstand, Liebe, Macht und Arbeit können nicht einfach “gleich” verteilt werden. Vielmehr muss für verschiedene Bereiche ausgehandelt werden, welche Art von Gleichheit wir in der jeweiligen Sphäre für gerecht halten und warum.

Veranstaltungs-Berichte (Normative Orders)
Anstand, Fairness, Gerechtigkeit
Ethische Orientierung am Finanzplatz der Zukunft

Ziel dieser Veranstaltungsreihe an der Frankfurter Börse war es, Philosophie und Finanzwelt in einen konstruktiven Dialog über aktuelle wirtschaftspolitische Probleme zu bringen. Eine ethische Neuorientierung dürfe nicht auf kurzfristige innerökonomische Werte beschränkt bleiben, sondern müsse auf übergeordnete Werte wie Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit bezogen werden. Die Webseite des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ dokumentiert in Artikeln, Pressemitteilungen und Video-Aufzeichnungen die Ergebnisse der Veranstaltung, beispielsweise:

Zum Homo Oeconomicus
In der Wirtschaftstheorie gilt der Homo Oeconomicus als ein Akteurstyp, der ausschließlich und perfekt ökonomisch denkt. Entscheidungstheoretisch entspricht dies dem idealen Typ von Akteur, der zu uneingeschränkt rationalem Verhalten fähig ist, was auch im Rahmen wirtschaftsethischer Überlegungen relevant wird. Einen Einstieg in die kontroverse Beurteilung dieses Idealtyps ermöglichen folgende Angebote:

  • Der Begriff des Homo Oeconomicus, kompakt erklärt im Gabler Wirtschaftslexikon Online.
  • Das Modell des Homo Oeconomicus erscheint zwar realitätsfern, kann aber trotzdem ein besseres Verständnis wirtschaftswissenschaftlicher Zusammenhänge ermöglichen – meint Rechnungswesen-verstehen.de.
  • Armer Homo Oeconomicus, bedauert dieser Artikel auf ZEITonline: Einerseits sei die schiere Geschwindigkeit heutiger Marktbewegungen eine Überforderung, andererseits werde der Mensch als Homo Oeconomicus auf einen unvollkommenen Teil seiner Persönlichkeit reduziert.
  • Ökonomisches Handeln thematisiert eine Lernplattform der ZEIT für die Schule. Gut lesbare Artikel diskutieren, inwiefern die Maximierung des eigenen Nutztens auch den Schutz gemeinschaftlicher Güter betreffen kann. Perfekte Rationalität bleibt ein Ideal, weil neben den ökonomischen Überlegungen auch die emotionalen Aspekte der Entscheidungsprozesse anerkannt werden müssen.

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2.2 Kapitalismuskritik

Bezug Manuskript: S. 4, 9, 16; Bezug Audio: 2:50, 7:20, 16:20

Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert;
es kömmt drauf an, sie zu
verändern.
Karl Marx

Online-Artikel (ZEITonline)
Lob des Lasters
Der in England lebende niederländische Sozialtheoretiker und Arzt Bernard de Mandeville (1670–1733) reimte vor fast 300 Jahren Die Bienenfabel, die bis heute als Lehrstück für die Kapitalismusdebatte angesehen wird. Mandeville behauptet in diesem Lehrgedicht amüsant und provokant, dass eine funktionierende Gesellschaft mit florierender Wirtschaft nicht nur auf Tugend, Anstand, Sitte und Moral angewiesen ist, sondern genauso auf den Antrieb durch ganz unmoralische Laster wie die Gier.

Begriffsbestimmung
Kapitalismus (bpb)
Der Begriff „Kapitalismus“ kam mit dem Beginn der Industrialisierung zwischen dem Ende des 18. und dem Anfang des 19. Jahrhunderts auf. Er bezeichnet eine Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, für die folgende Grundlagen wesentlich sind:

  • Die Produktionsmittel einer Wirtschaft (Fabrikgelände, Maschinen etc.) sind privates Kapital.
  • Daraus folgt, dass die Kapitaleigentümer ein Weisungsrecht über die Arbeitskraft der Arbeitnehmer haben.
  • Diese stehen in einem fremdbestimmten Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Arbeitgebern, zumal die Arbeiter verhältnismäßig arm an Besitz sind.
  • Gewinnmaximierung steht im Rahmen wirtschaftlicher Unternehmungen im Vordergrund.
  • Die Regulierung des Marktes erfolgt nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage.
  • Im Zeitalter der Industrialisierung sind die Interessen der Kapitaleigentümer ausschlaggebend für die Gestaltung nicht nur wirtschaftlicher Faktoren, sondern auch des gesellschaftlichen Lebens.
  • Die Kritik am Kapitalismus entbrennt aufgrund unerfreulicher Nebeneffekte, wie Ausbeutung, Verarmung, Entfremdung, Lobbyismus usw.

Online-Video (3:14)
Was ist eigentlich Marxismus? (3sat)
Dieser kurze Videoclip veranschaulicht das Programm des Marxismus in symbolischen Bildern: Ziel des Marxismus ist es, kapitalistische Ideologien aufzubrechen und den Menschen negative Folgen und Alternativen aufzuzeigen. Der Marxismus versteht sich weniger als Philosophie, sondern vielmehr als Ideologie- und Gesellschaftskritik. Denn solange sich die Philosophie nicht für eine Veränderung sozialer Missstände einsetze, verfehle sie eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe. 3sat bietet eine ganze Reihe solcher Kurzerklärungen an und nennt die Clips philosophisches Kopfkino.

Online-Text
Ökonomisch-philosophische Manuskripte (Karl Marx)
Schon in diesen frühen fragmentarischen Schriften lässt sich Marx’ Verschmelzung ökonomischer Kritik und philosophischer Analyse belegen. Zentrale Begriffe wie Arbeit, Profit und Anerkennung finden sich schon hier aufeinander bezogen. Berühmt geworden ist die Anwendung von Hegels Begriff der Entfremdung auf den Lohnarbeiter. Dieser werde von seiner eigenen Tätigkeit und ihren Produkten sowie schließlich von sich selbst und anderen entfremdet. Erst Ende der 1920er-Jahre wurden die Manuskripte im Archiv der SPD entdeckt, 1932 wurden sie erstmals herausgegeben. Weitere Online-Texte, wie das Manifest der kommunistischen Partei oder die Thesen über Feuerbach, sind öffentlich zugänglich über das Personenportrait von Marx auf Projekt Gutenberg, einer großen elektronischen Volltextsammlung deutschsprachiger Literatur. Im Internet präsentieren außerdem die Seiten marxists.org und libertyfund.org umfangreiche, aber überwiegend englische Materialien mit vielen einschlägigen Originaltexten aus den entgegengesetzten weltanschaulichen Perspektiven von Marxismus und Libertarismus.

Online-Buch-Besprechung (ZEITonline)
Kapital im 21. Jahrhundert (Thomas Piketty)
Das im August 2013 veröffentlichte Buch Kapital im 21. Jahrhundert des französischen Ökonomen Piketty erregte das Aufsehen der Fachwelt. Unter Berufung auf umfangreiche empirische Daten wird gefordert, die Volkswirtschaftslehre grundlegend zu reformieren. Piketty begründet dies unter anderem damit, dass der gesellschaftliche Reichtum heute kaum anders verteilt sei als vor hundert Jahren. Das kontrovers diskutierte Buch ist erfreulicherweise auch für Laien gut lesbar.

Tagungsbericht (Deutschlandfunk)
Kapitalismuskritik in der Diskussion
2012 widmete sich eine Tagung an der Uni Wuppertal den zeitkritischen Diagnosen von Jürgen Habermas. Der Bericht bietet einen kurzen Einblick in die aktuelle universitäre Diskussion. Habermas hatte die Finanzkrise des Jahres 2008 als kapitalistische Systemkrise gedeutet, die das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger nachhaltig belastet. Wenn der Markt sich nicht automatisch reguliert, sondern mit Steuermitteln künstlich aufrechterhalten werden muss, hatte Marx dann nicht vielleicht doch Recht mit seinen Prognosen?

Online-Animation (engl.)
Crisis of Capitalism (David Harvey – RSA Animate)
Auch der neomarxistische Sozialtheoretiker Harvey fragt: Ist es Zeit, jenseits des Kapitalismus nach einer neuen sozialen Ordnung zu suchen, die es uns erlaubt, in einem System zu leben, das wirklich verantwortungsbewusst, gerecht und human sein könnte? Die Entfaltung seiner Ideen kann man in diesem Video anhand einer zeichnerischen Visualisierung auf einem Monopoly-Spielbrett verfolgen. Die RSA (Royal Society for the Encouragement of Arts, Manufactures and Commerce) ist eine Organisation, die sich der Aufklärung verpflichtet hat, um innovative und praktikable Lösungen für aktuelle soziale Herausforderungen zu finden.

Zur Kritik der Verdinglichung
Mit dem Begriff der Verdinglichung soll eine desaströse Erfahrung der Moderne dingfest gemacht werden, die aus der Sicht ganz unterschiedlicher Gesellschaftskritiken beobachtet wird. Verdinglicht wird etwas dadurch, dass es als bloßes Ding konzipiert, wahrgenommen oder behandelt wird, obwohl dies aus bestimmten Gründen eigentlich nicht so sein sollte. Eine Verdinglichung von Personen etwa gilt als tiefgreifende Verletzung ihrer Würde, sofern sie als Menschen instrumentalisiert, erniedrigt oder hinsichtlich ihrer Bedürfnisse ignoriert werden. Eine ganze Reihe neuerer Publikationen versteht solche Phänomene als übergreifenden Anlass zur Kritik an kapitalistischen Wirtschaftsformen:

  • Buch-Besprechung (ZEITonline)
    Wider die Verdinglichung des Menschen (Jürgen Habermas)
    Erläutert wird hier Habermas’ zentrale Kritik aus dessen Buch Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? Hinterfragt wird darin, inwiefern etwa medizinische Techniken zur Selbstinstrumentalisierung und -optimierung vereinbar sind mit unserem Selbstverständnis als autonome und untereinander gleichberechtigte Wesen.
  • Buch-Besprechung (Information Philosophie)
    Verdinglichung. Eine anerkennungstheoretische Studie (Axel Honneth)
    Die Buchbesprechung bietet einen Eindruck von Honneths Wiederbelebung des Verdinglichungsbegriffs als einem klassischen Leitmotiv der Sozial- und Kulturkritik. Selbst wenn die marxistische Perspektive theoretisch und moralisch in Miskredit geraten sein sollte, benötigen wir weiterhin übergreifende „Pathologiebegriffe“ für die Kritik an herrschenden Verhältnissen. Eine zugängliche Rezension findet sich auch im Feuilleton der FAZ.
  • Artikel (PDF 27 S.)
    Verdinglichung und Herrschaft (Titus Stahl)
    In diesem akademischen Essay rekonstruiert Stahl die Bezüge zwischen Herrschaftsformen, technologischen Fortschritten und der Erfahrung von Verdinglichung auf verschiedenen Ebenen. In Abgrenzung von Lukács’ Konzeption formuliert er eine Version der Technikkritik, die sich auch als soziale Verdinglichungskritik begreifen lässt.
  • Vorlesungs-Skript (engl. PDF 47 S.)
    Reification: A Recognition-Theoretical View (Axel Honneth)
    Aktualität und Bedeutung eines marxistischen Verdinglichungsbegriffs erläutert Honneth in dieser Vorlesung an der University of California in Berkley. Obwohl der Begriff für viele angestaubt und überholt klinge, müsse gerade die analytische Tradition für seine Relevanz sensibilisiert werden.

Buch-Empfehlung
Freiheit gehört nicht nur den Reichen (Lisa Herzog)
In diesem Buch argumentiert Herzog an der Schnittstelle zwischen Philosophie und Ökonomik für einen zeitgemäßen Liberalismus. Dieser müsse Freiheit gegenüber einer bloß marktliberalen Perspektive auch in ihren negativen, positiven und republikanischen Dimensionen bedenken. Insofern sowohl staatliche als auch ökonomische Strukturen ein selbstbestimmtes Leben gefährden können, müsse ein zeitgemäßer Liberalismus nicht nur mit sozialer Gerechtigkeit, sondern auch mit einem nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensstil vereinbar sein. Herzog ist Interviewpartenerin dieser Folge des Funkkollegs und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exzellenzcluster Die Herausbildung normativer Ordnungen.

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2.3 Menschenwürde

Bezug Manuskript: S. 10, 19, 22; Bezug Audio: 8:50, 21:00, 23:30

 Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als
Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin
kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.

Immanuel Kant

Begriffliche Bestimmung
Menschenwürde (Stiftung Menschenwürde weltweit)
Die Idee der Menschenwürde ist entscheidend für die Vorstellung von uns selbst als Person. Man versteht darunter die bedingungslose Anerkennung, die jedem Menschen als Mensch geschuldet ist. Sie kommt jedem Individuum ungeachtet seiner besonderen Eigenschaften und spezifischen Leistungen zu. Kant macht im Zusammenhang mit dem Begriff der Menschenwürde den Gedanken stark, dass kein Mensch ausschließlich als Mittel behandelt werden darf. Ein Mensch ist vielmehr immer Zweck an sich. Wir garantieren uns wechselseitig die Anerkennung der Menschenwürde. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass wir ein gelingendes Leben in Selbstachtung führen können.

Online-Video (11:19) (ZEITakademie)
Die Ethik der Menschenwürde (Julian Nida-Rümelin)
Nida-Rümelin erklärt hier kurz und knapp, wie man den Begriff der Menschenwürde definieren kann. Anschließend fragt er, wodurch die Menschenwürde verletzt und wie sie geschützt werden kann. Seine Position erläutert er mithilfe anschaulicher Beispiele.

Online-Artikel (bpb)
Menschenwürde als Maßstab
In diesem Artikel werden Begriffsgeschichte und Begründung der Menschenwürde kompakt und verständlich erläutert. Erzählt wird die Geschichte ausgehend von der Antike über die christliche Idee der Gottebenbildlichkeit, die Renaissance und Kants Moralphilosophie bis hin zum deutschen Grundgesetz und der Formulierung allgemeiner Menschenrechte. Problematisiert werden uneingeschränkte und gestufte Würde-Begriffe, wie sie in der aktuellen Debatte um die Stellung des Menschen im Kontext biotechnologischen Fortschritts diskutiert werden müssen.

Open Access Journal
Philosophie der Menschenwürde (Zeitschrift für Menschenrechte)
Worin genau bestehen die begrifflichen und systematischen Bezüge zwischen der Idee der „Menschenrechte“ und der der „Menschenwürde“? Auf diese und ähnliche Fragen antworten renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einem Heftschwerpunkt mit dem Thema „Philosophie der Menschenwürde“. Die unterschiedlichen Artikel greifen das Verhältnis von Würde und Rechten auf, wie es sich seit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 entwickelt. Enthalten ist unter anderem der Artikel “Menschenwürde und politische Ansprüche” von Martha Nussbaum, in dem sie ihre aristotelisch-marxistische Theorie der Würde verteidigt. Die Zeitschrift für Menschenrechte versteht sich als Forum, in dem aktuelle und offene Menschenrechtsfragen der sozialwissenschaftlichen Analyse und Reflexion zugeführt werden.

Online-Plattform
Stiftung Menschenwürde weltweit
Die Seite der Stiftung bietet allgemeine Hinweise und Dokumente zu Erläuterungen, Analysen und Kommentaren des Menschenwürde-Konzepts sowie zu ethischen und politischen Debatten. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf folgenden Fragen:

  • Welche alternativen Würdekonzeptionen sind zu unterscheiden?
  • Welche Funktion erfüllen Menschenwürde-Konzeptionen in ethischen und politischen Debatten?
  • Legitimiert ein Konzept der Menschenwürde ethische und politische Entscheidungen?
  • Wie verhält sich Menschenwürde zu anderen grundlegenden ethischen Konzepten wie Autonomie, Freiheit, Menschenrechte, Lebensqualität, Gerechtigkeit und Glück?

Online-Essay (Information Philosophie)
Menschenwürde und Bioethik (Theda Rehbock)
In diesem akademischen Essay kritisiert Rehbock ein verdinglichendes Personenverständnis und bietet ein klassifikatorisch begründetes Alternativkonzept der Menschenwürde an. Sie grenzt ihr Konzept sowohl von konservativ-metaphysischen als auch empiristisch-liberalen Auffassungen des Menschen als einer Entität mit bestimmten Eigenschaften ab. Ihr zufolge müssen ethische Konzepte unweigerlich eine semantische Unbestimmtheit aushalten, um eine praxisbezogene Deutung überhaupt zu ermöglichen.

Buch-Empfehlung
Texte zur Menschenwürde (Franz Josef Wetz (Hrsg.))
Obwohl der Begriff der Menschenwürde im Rahmen gesellschaftlicher Debatten auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene eine herausragende Rolle spielt, bleibt der Begriff häufig verschwommen. In der von Wetz herausgegebenen Anthologie wird der Tradition und Entwicklung der Idee der Menschenwürde nachgegangen. Es kommen zahlreiche Autoren von der Antike bis heute zu Wort, die den Begriff von verschiedenen Seiten beleuchten. Philosophische, politische, rechtliche und religiöse Vorstellungen werden präsentiert. Die lesenswerte Sammlung enthält neben prominenten Gesetzestexten unter anderem Darstellungen der folgenden Autoren: Platon, Aristoteles, Bloch, Nipperdey, Luhmann und Todorov.

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2.4 Daten als Ware

Bezug Manuskript: S. 9, 13; Bezug Audio: 8:20, 12:00

Film-Kritik
Disconnect (Henry Alex Rubin)
Der Film thematisiert die Risiken des Internet, unter anderem den unkontrollierten Handel mit Daten. Der Drehbuchautor Andrew Stern erzählt eine Geschichte um drei Fälle von Cyber-Kriminalität.

Online-Artikel (bpb)
Welchen Preis hat Privatsphäre?
Unter welchen Bedingungen sollten private Daten als Wirtschaftsgut gehandelt werden können? Lassen sich Eigentumsrechte an persönlichen Daten überhaupt veräußern? Neuere Forschungsperspektiven auf die Zukunft der digitalisierten Gesellschaft erläutert dieser Artikel. Was unter personenbezogenen Daten eigentlich zu verstehen ist und welche marktwirtschaftlichen Mechanismen deren Handel ermöglichen, erklärt der etwas längere Artikel Datenhandel – ein Geschäft wie jedes andere?.

Online-Artikel & Audio-Podcast (86:49)
Das Ende des Internets? Zur Regulierung der digitalen Gesellschaft
Markus Beckedahl im Gespräch mit Prof. Alexander Peukert
Frankfurter Stadtgespräch XII – Normative Orders
Um die Entwicklung und zukünftige Veränderung des Internets geht es im zwölften Frankfurter Stadtgespräch des Exzellenzclusters Die Herausbildung normativer Ordnungen. Hier wurde überlegt, ob es das Internet in seiner bestehenden Form womöglich bald nicht mehr geben könnte. Das weltweite, offene, aber auch chaotische und mit Gefahren verbundene “Netz” könnte durch technische und rechtliche Normierungen fundamental verändert werden. Die digitale Gesellschaft würde einerseits um Möglichkeiten der unkontrollierten, aktiven Teilhabe gebracht. Andererseits könnten die Internet-Nutzer auf verlässliche Weise geschützt und Missbrauch könnte eingedämmt werden.

Interview-Transkript
Information, Zeichen, Kompetenz (Rafael Capurro)
Ein Interview mit Rafael Capurro zu grundsätzlichen Fragen der Informationswissenschaft. Der Philosoph und Informationswissenschaftler beschäftigte sich bereits in seiner 1978 erschienenen Dissertation mit verschiedenen Informationsbegriffen, Grundfragen der Informationsgesellschaft sowie der Informationsethik.

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2.5 Bildung als Ware

Bezug Manuskript: S. 15; Bezug Audio: 15:40

Buch-Besprechung (Humanistischer Pressedienst)
Nicht für den Profit. Warum Demokratie Bildung braucht (Martha Nussbaum)
Mit diesem Buch kritisiert die Sozialphilosophin Nussbaum die zunehmende Ökonomisierung im globalen Bildungswesen. Eine Gefährdung für die Demokratie sieht sie in der marktwirtschaftlichen Tendenz, passive Marktteilnehmer an die Stelle autonomer Bürgerinnen und Bürger zu setzen. Indem sich Bildungsinstitutionen vermehrt auf marktkonforme Kompetenzen von Humankapital konzentrieren, verspielt die Demokratie ihre eigenen Grundlage: den kritisch und eigenständig denkenden, empathischen und mündigen Menschen.

Interview-Transkript
Geisterstunde. Praxis der Unbildung (Konrad Paul Liessmann)
Inwiefern ist es überhaupt zu beanstanden, Bildung als Ware wertzuschätzen? In seiner Streitschrift „Geisterstunde. Praxis der Unbildung“ klagt der Philosoph Liessmann über eine gefährliche Begriffsverwechslung. Man versuche, uns ausgerechnet jene Einrichtungen und Entwicklungen als “Bildung” zu verkaufen, die humanistische Bildungsideale zu sabotieren drohen.

Online-Artikel (PDF)
Bildung als öffentliches Gut und das Problem der Gerechtigkeit (Johannes Giesinger)
Die normative Frage nach einer gerechten Verteilung von Bildungsangeboten untersucht Giesinger in diesem pädagogischen Fachartikel. Unterschieden wird dabei das öffentliche Interesse an einer gleichmäßigen Verbreitung von Bildung gegenüber dem privaten Interesse am Zugang zu Bildungsangeboten. Diskutiert werden vor diesem Hintergrund drei Verteilungsprinzipien im Rahmen der Bildungsgerechtigkeit sowie die öffentliche Bereitstellung, Finanzierung und Regulierung von Bildungsangeboten. Auf seiner privaten Seite Erziehungsphilosophie bietet der Autor weitere Dokumente zum Thema als Download an.

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2.6 Menschen als Ware

Bezug Manuskript: S. 9, 18; Bezug Audio: 8:20, 18:30

Online-Artikel (FAZ)
Bauchmama (Christiane Hoffmann)
In diesem Artikel aus der FAZ wird die Geschichte eines Paares erzählt, das die Dienste einer ukrainischen Leihmutter in Anspruch genommen hat: “Sie fühlte, dass die Leihmutter eigentlich Abstand gewinnen wollte. Es war eine Belastung für sie, sich Tag und Nacht um die Kinder zu kümmern, die sie geboren hatte, aber für die sie nichts fühlen durfte. Ihr selbst wollte es nicht gelingen, sich als Mutter zu fühlen.”

Online-Artikel und Online-Video (57:36)
Moderne Sklaverei (3sat)
Auf 27 Millionen schätzen Experten die Zahl der Menschen, die gewaltsam versklavt oder gegen ihren Willen ausgebeutet werden. Die Sendung informiert über die ungeheuerlichen Ausmaße einer Praxis, von der auch das aufgeklärte Europa durch günstige Preise profitiert. Verschiedene Dimensionen des Menschenhandels werden in kurzen Videos und Artikeln angeprangert, beispielsweise Ware Frau oder Ausbeutung für die Geiz-ist-Geil-Kultur.

Online-Interview-Transkript (bpb)
Übereinkommen gegen Menschenhandel
Die Berichte des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung sind alarmierend und beschämend. Dieses Interview mit Philipp Schwertmann vom Berliner Bündnis gegen Menschenhandel (BBGM) zeichnet ein erschreckendes Bild der Verhältnisse auch in Europa. Schätzungen zufolge sind in der Europäischen Union rund 610.000 Menschen dem Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung unterworfen. Gemeint sind damit auch solche Praktiken, die Menschen durch Drohungen oder Täuschungen in Ausbeutungsverhältnisse zwingen. Eine Suche nach dem Stichwort „Menschenhandel“ auf der bpb-Webseite listet weitere Artikel zum Thema, beispielsweise Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung in Deutschland oder Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung.

Buch-Rezension (3sat)
Sklaverei. Im Innern des Milliardengeschäfts Menschenhandel (Lydia Cacho)
Das engagierte Buch berichtet von weltweit praktizierten Formen der modernen Zwangsarbeit und Prostitution. Cacho thematisiert nicht nur die brutalen Methoden der Menschenhändler und Sklavenhalter. Sie zeigt auch politische Zusammenhänge auf, indem sie etwa dem Problem der Billigproduktion von Waren für die westliche Welt unter menschenverachtenden Bedingungen nachgeht. Die Autorin hat in zahlreichen Ländern akribisch und zum Teil verdeckt recherchiert, etwa in Argentininen, Birma, Israel, Japan, Kambodscha, Palästina und der Türkei.

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3. Personen

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Informationen zu den Interviewpartnern der Sendung und einschlägigen Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte finden Sie in der folgenden Auflistung.

# Petra Gehring
Petra Gehring, geboren 1961, lehrt seit 2002 Philosophie an der TU in Darmstadt. Sie hat neben Philosophie auch Rechts- und Politikwissenschaften im Marburg, Gießen und Bochum studiert. Die Arbeitsschwerpunkte der Philosophin sind unter anderem: Metaphysik und deren Kritik; Phänomenologie; Philosophie des Rechts; Theorie und Kritik der Biowissenschaften, von deren Technologien sowie der digitalen Medien. Ihre Publikationen zum Thema umfassen unter anderem Was ist Biomacht? Vom zweifelhaften Mehrwert des Lebens und Theorien des Todes: Zur Einführung.

# Lisa Herzog
Lisa Herzog, geboren 1983, ist nach Studium und Promotion in München und Oxford wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exzellenzcluster Die Herausbildung normativer Ordnungen. Ihre aktuelle Forschung befasst sich im DFG-Projekt Moralische Akteure auf dem Finanzmarkt mit den Bedingungen der Entstehung, Aufrechterhaltung und Verbreitung moralischer Normen im Wirtschaftssektor. Unter ihren zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema ist ihr Buch Freiheit gehört nicht nur den Reichen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus.

# Karl Marx
Karl Marx (1818 – 1883) gilt zusammen mit Friedrich Engels als Begründer des Marxismus. Als Theoretiker des Kommunismus haben seine Schriften die Arbeiterbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts weltweit entscheidend geprägt. Marx trat an, die Dialektik Hegels in Verschmelzung mit dem Materialismus Feuerbachs als dialektischen Materialismus “vom Kopf auf die Füße zu stellen”. Während Hegel die bürgerlichen Gesellschaftsverhältnisse als letztes Stadium eines sich entfaltenden Weltgeistes betrachtete, attackierte Marx die soziale Ungerechtigkeit herrschender Verhältnisse. Einflussreiche Texte wie das Manifest der kommunistischen Partei oder die Thesen über Feuerbach sind online über das Personenportrait von Marx auf Projekt Gutenberg zugänglich.

# Michel J. Sandel
Michael J. Sandel, geb. 1953, lehrt seit 1980 Politische Philosophie an der Harvard-Universität. Berühmt machte ihn seine Vorlesung über Gerechtigkeit, die im Internet vollständig angesehen werden kann. Sein neuestes Buch Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes ist jüngst in einer deutschen Übersetzung erschienen. Es beschäftigt sich mit einer der brisantesten ethischen Fragen unserer Zeit: Welche Rolle dürfen Geld und der Markt in unserer Gesellschaft spielen? Mit seinem Werk Liberalism and the Limits of Justice, das 1982 erschien, positionierte sich Sandel kritisch gegenüber Rawls‘ Theorie der Gerechtigkeit. Sandel wirft Rawls vor, dass in dessen Konzeption soziale Werte nicht vorkommen. Die Vorstellung eines “ungebundenen Selbst”, wie sie der Liberalismus vertritt, ist für Sandel nicht vereinbar mit der Tatsache, dass alle Menschen sozialisiert sind. Feste Überzeugungen und Loyalitäten sind ihm zufolge unverzichtbar für von Gemeinschaften, Traditionen und Gruppen geprägte Menschen. Da diese im Rahmen einer liberalen Anthropologie nicht angemessen berücksichtigt werden, kritisiert Sandel auch Rawls‘ Gedankenexperiment vom Schleier des Nichtwissens als wirklichkeitsfremd. Ein Porträt Sandels‘ bietet ZEITonline.

# Michael Walzer
Michael Walzer, geboren 1935, ist einer der führenden US-amerikanischen Moralphilosophen und hat sich vor allem im Rahmen der Debatte um Liberalismus und Kommunitarismus einen Namen gemacht. In seinen zahlreichen Werken beschäftigt er sich mit vielfältigen Themen aus dem Bereich der politischen Theorie sowie der Moralphilosophie: ökonomische Gerechtigkeit, Wohlfahrtsstaat, gerechter und ungerechter Krieg, politische Pflichten, Nationalismus und Ethnizität, ökonomische Gerechtigkeit. Durch Walzers 1983 erschienenes und inzwischen zum Standardwerk avanciertes Buch Sphären der Gerechtigkeit wurde die Gerechtigkeitsdebatte neu belebt. In deren Mittelpunkt stand jahrelang Rawls’ Buch Eine Theorie der Gerechtigkeit. Walzer entfaltet im Unterschied zu Rawls einen pluralistischen Gleichheitsbegriff. Er erklärt, dass Gerechtigkeit nicht im Sinn einer absoluten Gleichheitsvorstellung realisiert werden könne. Verschiedene Güter wie Zuneigung, Arbeit, Kapital und politischer Einfluss müssen Walzer zufolge nach unterschiedlichen Prinzipien verteilt werden. Ein Beitrag auf ZEITonline stellt Walzer vor und diskutiert seine kontroverse Behauptung, es gebe gerechte Kriege.

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4. Didaktik

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 Getrieben vom Gewinnstreben der eigenen Volkswirtschaft vernachlässigen Gesellschaften und ihre Bildungssysteme genau die Fähigkeiten, die benötigt werden, um Demokratien lebendig zu halten.
Martha Nussbaum

4.1 Curriculare Bezüge

  • Fach Ethik (Sekundarstufe 1 – Gymnasium) oder Lehrplan – Fach Ethik (Gymnasialer Bildungsgang 5G bis 12G; überarbeitete Lehrpläne (G 8 und G 9) können Sie sich hier als PDF herunterladen)
  • Kerncurriculum: Inhaltsfelder “Gewissen und Verantwortung”, “Freiheit und Würde” und besonders “Mensch, Natur und Technik”
  • Lehrplan: 5 G. 2 Würde des Menschen I, 7 G. 2 Würde des Menschen II, 11 G. 2 Vernunft und Gewissen: Normsetztende Begründungen verantwortlichen Handelns, 12 G 2: Natur und Technik: Zukunftsorientierte Begründungen verantwortlichen Handelns

4.2 Lern-Ressourcen

Buch-Empfehlung
Wie wollen wir leben? Kinder philosophieren über Nachhaltigkeit
Den Band “Wie wollen wir leben? Kinder philosophieren über Nachhaltigkeit” stellt die Akademie Kinder philosophieren vor. Lehrkräfte, Erzieherinnen und Kindergruppen haben sich ein Jahr lang mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt. Philosophische Fragen wie die folgenden standen im Mittelpunkt der gemeinsamen Arbeit: Was ist Gerechtigkeit? Können wir unsere Zukunft planen? Ist der Mensch ein Teil der Natur? Das Buch präsentiert die Ergebnisse des philosophischen Experiments sowie methodische Anleitungen zum Philosophieren mit Kindern. Vielfältige methodische Vorschläge werden praxisnah erläutert. Die Akademie Kinder philosophieren offeriert staatlich zertifizierte Fortbildungen zur philosophischen Gesprächsführung.

Online-Portal Ethik (Landesakademie Fortbildungsserver)
Thema Menschenwürde
Über verschiedene Unterrichtsmethoden, die für die Behandlung des Themas “Menschenwürde”  im Unterricht genutzt werden können, informiert dieser Werkzeugkoffer. Es werden unter anderem Texterschließungsverfahren vorgestellt; diese können im Rahmen der Erarbeitung exemplarischer Texte – zum Beispiel von Forst, Habermas und Nussbaum – erprobt werden. Weitere Methoden können eingesetzt werden, um Schülerinnen und Schüler zum eigenständigen Nachdenken über Fragen anzuregen, die sich auf die Würde des Menschen und deren mögliche Verletzung beziehen.

Online-Portal Ethik (Landesakademie Fortbildungsserver)
Menschenwürde in der Politischen Philosophie von Martha Nussbaum
Die Seite bietet ein Kurzporträt und den Fähigkeiten-Katalog, den Nussbaum zusammen mit Amartya Sen im Rahmen von UN-Entwicklungsprojekten ausgearbeitet hat. Für die Realisierung eines menschenwürdigen Lebens erachtet es Martha Nussbaum als notwendig, dass Individuen die Möglichkeit zur Entfaltung bestimmter Grundfähigkeiten erhalten. Gerechte Verhältnisse seien in Gesellschaften nur dann zu verwirklichen, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen verwirklicht würden. In Ihrem Buch “Gerechtigkeit, oder: Das gute Leben” erläutert die Philosophie ihren sogenannte Fähigkeiten-Ansatz. Sie stellt sich in die Tradition der aristotelischen Philosophie des guten Lebens.

Arbeitsblätter (Werner Stangl)
Das Heinz-Dilemma – Stufen der moralischen Entwicklung
Der US-amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg (1927 – 1987) hat das bekannte Stufenmodell entwickelt, mit dessen Hilfe bestimmt werden soll, welches Stadium moralischen Urteilsvermögens ein Mensch erreicht hat. Kohlberg hat im Rahmen seiner Studien mit Dilemmageschichten gearbeitet, deren bekannteste das „Heinz-Dilemma“ ist. In der Geschichte geht es um den Widerspruch zwischen der Profitmaximierung beim Verkauf eines Medikamentes und der moralischen Verantwortung gegenüber bedürftigen Kranken.

Comic-Rezension (SZ)
Kapitalismuskritik als Comic
Mit dem Thema Finanzkrise setzt sich der Comic des belgischen Ökonomen Paul Jorion auseinander, der als Wirtschaftskolumnist für Le Monde tätig ist. Die Protagonisten der amüsanten und hintersinnigen Geschichte sind ein fieser General, ein Monopoly-Maskottchen und eine austauschbare Lego-Figur, die die arbeitende Bevölkerung repräsentiert. Schuld am ökonomischen Desaster ist – wie sollte es anders sein – das gierige Kapital, das nie genug bekommt. Dessen Maxime zufolge darf Geld nicht ruhen, sondern muss im Sinne der Gewinn-Maximierung ständig arbeiten und Überschüsse erwirtschaften.

4.3 Datenschutz an Schulen

Interview-Transkript (Checkpoint E-Learning)
Datenschutz ist eine primäre Bildungsaufgabe
Der EDV-Unternehmensberater Thomas Floss erläutert, warum Datenschutz für Schulen ein heikles Thema ist. Er zeigt auf, welche Probleme sich beim Umgang mit Schülerdaten ergeben, wenn Lehrer diese zum Beispiel unverschlüsselt und ungeschützt auf ihrem Rechner mit nach Hause nehmen. Er klärt deshalb darüber auf, welche relativ einfachen Maßnahmen ergriffen werden können, um Risiken bei der Nutzung sensibler Daten zu vermeiden. Floss ist aktives Mitglied der Initiative Datenschutz geht zur Schule (siehe unten). Er hat bereits 15.000 Schülern und 1.000 Lehrern den kompetenten Umgang mit digitalen Daten nähergebracht.

Online-Portal (BvD e.V.)
Initiative „Datenschutz geht zur Schule“
Dozentinnen und Dozenten des BvD (Berufsverband der Datenschutzbeauftragten Deutschlands) engagieren sich seit 2010 an Schulen. Sie informieren Kinder und Jugendliche über Gefahren des Datenmissbrauchs und erklären, wie man sich davor schützen kann. Sie werben für die Einhaltung einleuchtender und anschaulicher Verhaltensregeln im Umgang mit sensiblen Daten.

Online-Dossier (Checkpoint E-Learning)
Lernpotenzial von sozialen Netzwerken für den Unterricht
Aus dem Alltag von Jugendlichen sind soziale Netzwerke kaum wegzudenken. Auch im Unterricht sind sie vielfältig einsetzbar. Dabei können insbesondere die kreativen, kommunikativen und politischen Potenziale sozialer Netzwerke genutzt werden. Die mit ihnen verbundenen Risiken und Chancen sollten im Rahmen schulischer Medienarbeit reflektiert werden. Weitere Hinweise und Unterrichtsvorschläge bietet lehrer.online unter dem Stichwort „soziale Netzwerke„.

Online Artikel (ZEITonline)
Freunde ausbeuten als Spiel (Ian Bogost)
Obwohl der Professor und Spieleentwickler Bogost “social games” prinzipiell ablehnt, hat er selbst ein solches Spiel kreiert. Er widmet sich im Rahmen des Interviews dem Problem, dass “social games” Freunde zur Ware herabwürdigen und sie häufig extrem unter Druck setzen. Die Spiele-Branche setze sich zwar mit dem Thema auseinander, zeige sich aber nicht bereit, von der Erfindung und Vermarktung der fraglichen Spiele Abstand zu nehmen. Vielmehr werden die “social games” nach Bogart immer weiter perfektioniert und verfeinert. Die Grundprobleme, dass Freunde zu Ressourcen degradiert werden und dass Zwang das Spielgeschehen bestimmt, bleiben bestehen.

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