Zusatzmaterialien zur Folge 23

Ist der Kapitalismus unser Schicksal?

Interessierte Hörerinnen und Hörer finden auf dieser Seite weiterführende Informationen zum Sendungsthema als Zusatzmaterial. Philosophische Neulinge und Fortgeschrittene erwarten ganz unterschiedliche Angebote zum Stöbern, Überfliegen oder Weiterdenken. Zeitmarkierungen erleichtern die  Bezüge zur Sendung für Lehrkräfte; Seitenangaben verweisen Multiplikatoren auf die Manuskripte.

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Die Materialien wurden zum Zugriffszeitpunkt 11.5.2015 erstellt von:
Rebecca Burlage, Dominik Franzmann, Anna Ross (Studierende)
Sebastian Boll, M. A.; Dr. des. Jakob Krebs;
Leonie Randolf; OStR i. H. Sabine Reh
Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main

 

Inhalt

1. Perspektiven
– 1.1 Kapitalismus und soziale Ungleichheit
– 1.2 Zum philosophischen Hintergrund
2. Konzepte
– 2.1 Karl Marx und der Marxismus
– 2.2 Kapitalismus transformieren
– 2.3 Postwachstumsgesellschaft
– 2.4 Poststrukturalismus
3. Personen
4. Didaktik

Taxedo - Folge 23

 

1. Perspektiven

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Keine Gesellschaft kann gedeihen und
glücklich sein, in der der weitaus größte Teil
ihrer Mitglieder arm und elend ist.

Adam Smith

Adam Smith, der Begründer des ökonomischen Liberalismus, wird heute häufig nur noch mit der These der „unsichtbaren Hand des Marktes“ verbunden: Der Egoismus des Einzelnen führt automatisch zu einem wachsenden Wohlstand der Allgemeinheit. Allerdings äußerte auch Smith seine Vorstellung von einem freien Markt auf der Grundlage einer ethischen Fragestellung. Spätestens angesichts der verheerenden Folgen der Weltwirtschaftskrise 2008 scheint es zweifelhaft, dass eine freie Marktwirtschaft alleine für den Wohlstand aller ausreicht. Außerdem stellt sich in dieser Debatte nicht nur die Frage nach materiellem Wohlstand, sondern auch nach der Möglichkeit eines sinnerfüllten freien Lebens. Ist der Kapitalismus also ein geeignetes Wirtschafts- und Gesellschaftsystem, um soziale Gerechtigkeit einerseits und individuelle Freiheit andererseits zu gewährleisten? Lässt sich ein hochkomplexer weltweiter Markt überhaupt kontrollieren? Welchen Einfluss sollte und kann die Politik auf die Wirtschaft haben? Wie stark sollte der Markt vom Staat reguliert werden? Diesen Fragen widmen sich die Zusatzmaterialien zur vorletzten Folge des Funkkollegs Philosophie.

1.1 Kapitalismus und soziale Ungleichheit

Bezug Manuskript: S. 2, 16; Bezug Audio: 01:05, 22:45

Dem Kapitalismus wohnt ein Laster inne:
Die ungleiche Verteilung der Güter.
Dem Sozialismus hingegen wohnt eine Tugend inne:
Die gleichmäßige Verteilung des Elends.
Winston Churchhill

Online-Video (2:59)
Kapitalismuskritik wächst weltweit (3sat)
Von den öffentlichen Forderungen der letzten Jahrzente nach mehr Freiheiten für Unternehmen und für eine Deregulierung der Märkte ist seit der Wirtschaftskrise kaum noch etwas zu hören. Dieser kurze Beitrag der Sendung Makro berichtet über die wachsende Unzufriedenheit mit dem derzeitigen Kapitalismus und stellt Thomas Pikettys Analyse der steigenden Ungleichverteilung von Eigentum vor.

Online-Interview (ZEIT Online)
Wir haben dem Kapitalismus viel zu verdanken (Chris Köver)
Die Philosophin Lisa Herzog, die bereits Interviewpartnerin in Sendung 2 und Sendung 22 des Funkkollegs war, erläutert in diesem Interview kurz und knapp Vorzüge, Nachteile und Potentiale kapitalistischer Wirtschaftsordnungen. Nach Herzog hat „der“ Kapitalismus viele unterschiedliche Facetten und sie diskutiert die grundsätzliche Möglichkeit einer positiven Reformierung unseres Wirtschaftssystems.

Online-Videos (6 x ~ 02:00)
Kapitalismus zum Mitnehmen (arte)
Im Rahmen einer Doku-Reihe zum Kapitalismus bietet der Sender arte Videoclips mit einem knappen und verständlichen Abriss verschiedener Themen. Die Inhalte und die Art der Videos sprechen insbesondere Schülerinnen und Schüler an:

  • Folge 1: Die Ursprünge kapitalistischen Wirtschaftens fallen mit der Eroberung Amerikas zusammen. Die Ausbeutung der dortigen Rohstoffe markiert den Beginn der Strategie, mehr zu produzieren, als für den Eigenbedarf notwendig ist.
  • Folge 2: Im 18. Jahrhundert entwickelte sich in England die Lohnarbeit. Der Wirtschaftstheoretiker und Philosoph Adam Smith versuchte, diese neue Form der Arbeit in seinen Theorien zu erfassen.
  • Folge 3: In Anlehnung an Adam Smith entwickelt der Wirtschaftstheoretiker David Ricardo im 19. Jahrhundert die Theorie des komparativen Kostenvorteils.
  • Folge 4: Der Philosoph und Ökonom Karl Marx formuliert im 19. Jahrhundert eine Theorie des Klassenkampfes und seine damit verbundene Kritik am Kapitalismus.
  • Folge 5: Der Kampf zwischen den Wirtschaftstheoretikern Hayek und Keynes im 20. Jahrhundert dreht sich um die Frage, wie ein gerechter Kapitalismus aussehen könnte: freier Markt oder staatliche Regulierung?
  • Folge 6: Der ungarische Ökonom Karl Polanyi kritisiert den Liberalismus, der durch sein Warendenken zur wirtschaftlichen, ökologischen und politischen Selbstzerstörung führe.

Online-Video (103:00)
Lektionen aus Pikettys Thesen – Das Kapital im 21. Jahrhundert (OEGB Verlag)
Anlässlich des Erscheinens der deutschen Ausgabe von „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ organisierte der OEGB Verlag eine Diskussionsrunde zu der Kapitalismuskritik des französischen Autors und Wirtschaftwissenschaftlers Thomas Piketty. Dabei werden die Thesen aus seinem Bestseller Das Kapital im 21. Jahrhundert erläutert. Piketty kritisiert, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter vergrößert. Dies sei vor allem durch Finanzspekulationen bedingt, die kaum besteuert werden. Wer schon reich ist, wird immer reicher; Piketty fordert daher eine Reichensteuer. Diese hätte in Deutschland beträchtliche Auswirkungen, denn bei uns besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung 36 % Prozent aller Vermögenswerte.

Online-Video (58:41)
Die Ökonomisierung unserer Welt – Kann es einen fairen Kapitalismus geben? (3sat)
Diese Scobel-Sendung bezieht sich auf Pikettys Feststellung, dass aufgrund hoher Kapitalrenditen derzeit ein Prozent der Weltbevölkerung die Hälfte des Weltvermögens besitzt. Piketty fordert Finanzregulierungen durch öffentliche Institutionen etwa in Form von Vermögenstransparenz und progressiver Besteuerung, um das Gemeinwohl der Gesellschaft und die „Verlierer“ der Globalisierung zu schützen. In der Sendung diskutieren der Volkswirt Peter Bofinger, der Soziologe Olaf Grom-Samberg und der Sozialhistoriker Jürgen Kocker die Hintergründe von Pikettys Analyse. Dabei geht es auch darum, wie sich eine zunehmende Ökonomisierung auf unterschiedliche Lebensbereiche, wie etwa Bildung, Altenpflege oder Partnersuche auswirkt.

Online-Artikel (Wirtschaftswoche)
Piketty ist nicht widerlegbar (Dieter Schnaas)
Dieser Artikel widmet sich kritischen Ansichten zu Pikettys Diagnosen, welche in erster Linie aus dem neoliberalen Lager stammen. Trotz aller Kritik an Pikettys Vorgehen scheint aber der Hauptbefund – die zunehmende Zuspitzung der materiellen Ungleichheit weltweit – schwer widerlegbar zu sein.

Online-Artikel (ZEIT Online)
Der böse Kapitalismus (Josef Joffe)
In diesem kurzen Artikel erläutert Josef Joffe, Herausgeber der Zeit, die Vorteile der freien Marktwirtschaft. Dabei verdeutlicht er die negativen Folgen einer Planwirtschaft anhand des Realsozialismus der DDR. Das schlechte Image des Kapitalismus erklärt er sich dadurch, dass dieser Begriff ideologisch aufgeladen sei.

Online-Interview (Frankfurter Rundschau)
Warum wird der Kapitalismus nicht geliebt? (Michael Hesse)
Zu dieser Frage bezieht der Wirtschaftswissenschaftler Werner Plumpe Stellung. Die Krise, so Plumpe, sei Teil des Kapitalismus und weder der keynesianische Interventionismus noch der Liberalismus könnten dies verhindern. Allerdings begründe dies keinen grundsätzlichen Zweifel, da der Kapitalismus das beste real existierende Wirtschaftssystem sei.

Literaturempfehlung
Der Wert des Marktes (Hrsg. Lisa Herzog, Axel Honneth)
Der kapitalistische Markt steht in einem spannungsreichen Verhältnis zur Moral. Dieses Buch, herausgegeben von den Frankfurter Philosophen Lisa Herzog und Axel Honneth, beinhaltet eine Sammlung von Essays, die jeweils den historischen und systematischen Kontext des Raumes zwischen Markt und Moral skizzieren.

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1.2 Zum philosophischen Hintergrund

Bezug Manuskript: S. 5, 12; Bezug Audio: 06:20, 16:40

So ist der Wucher hassenswert, weil er aus Geld selbst den
Erwerb zieht und nicht aus dem, wofür Geld da ist. Denn das
Geld ist um des Tausches willen erfunden worden, durch den
Zins vermehrt es sich dagegen durch sich selbst. Diese Art
des Gelderwerbs ist also am meisten gegen die Natur.

Aristoteles

Online-Artikel (FAZ Online)
Die Entzauberung des Kapitalismus (Heinz Kurz)
Karl Marx war der Vater des Sozialismus, er analysierte den Kapitalismus und prophezeite seinen Untergang, weil letzterer als notwendige Konsequenz aus seinen systeminhärenten Strukturen hervorgehen müsse. Der Artikel der FAZ gibt eine kurze Einführung zu dem sozialistischen Theoretiker und Philosophen und seinen Schriften.

Podcast (37:18)
Max Weber und der Geist des Kapitalismus (Sonntagsphilosoph)
Dieser Link führt zu einem Podcast in einfacher Sprache, der kein Vorwissen voraussetzt. In dialogischer Weise werden die Inhalte von Max Webers Schriften erläutert. Weber vermutete unter anderem einen Zusammenhang zwischen der Religiosität und dem Wirtschaftssystem einer Gesellschaft, was er als Grund für die Entstehung auch der kapitalistischen Wirtschaftsform in Europa annahm. Nachzulesen sind diese Überlegungen auch in einem Artikel in der Zeit zu Weber über Protestantismus und Kapitalismus. Die Online-Bibliothek für Klassiker zeno.org bietet einen freien Vollzugriff auf Webers berühmte Schrift Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.

Online-Paper (PDF, 20 S.)
Drei Wege der Kapitalismuskritik (Rahel Jaeggi)
Was (wenn überhaupt etwas) ist falsch am Kapitalismus? Die Philosophin Rahel Jaeggi stellt in diesem Text, der sich zur intensiven Auseinandersetzung eignet, drei Arten der Kapitalismuskritik vor – die ethische, die moralische und die funktionale Kritik:

  • Die funktionale Kritik versucht, die dem Kapitalismus innewohnenden Schwachstellen herauszuarbeiten.
  • Die moralische Kritik beruft sich auf allgemeine normative Forderungen an Wirtschaftsordnungen.
  • Die ethische Kritik schließlich deutet das Leben im kapitalistischen System als ein entfremdetes, in dem sich die Arbeitenden nicht mehr mit dem Produkt ihrer Arbeit identifizieren kann.

Online-Videos (12:29 & 13:51)
Against Capitalism, Teil 1 & Teil 2 (Gerald Allan Cohen)
Anhand des Beispiels des fiktiven „Shmoo“ erklärt der kanadische Philosoph Gerald Allan Cohen in kurzer und humorvoller Form Funktionsweisen und Entwicklung des Kapitalismus. Das englischsprachige Video bietet eine gut verständliche Einführung in die marxistische Kapitalismuskritik. Die beiden Teile des Videos sind auf dem YouTube-Kanal des in Leiden, Niederlande unterrichtenden politischen Philosophen Nicholas Vrousalis abrufbar. Näheres zur Person Cohens erläutert ein Nachruf der britischen Tageszeitung The Independent.

Buchempfehlung
The Marx-Engels Reader (Robert C. Tucker)
Der Marx-Engels Reader des US-amerikanischen Politologen Robert C. Tucker bietet einen sehr guten (englischsprachigen) Einstieg in die umfassende Literatur zu Karl Marx und Friedrich Engels. Mehr zum Herausgeber findet sich in einem auch für Einsteiger geeigneten Nachruf der New York Times.

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2. Konzepte

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Die Rubrik „Konzepte“ greift zentrale philosophische Begriffe der Sendungen auf und verweist mit Hilfe kurzer Erläuterungen und Kommentare auf vertiefende Ressourcen wie Internet-Portale, Online-Videos und klassische Bücher. Auch hier kann nach eigenem Ermessen und Vorwissen übersprungen oder tiefer eingetaucht werden.

2.1 Karl Marx und der Marxismus

Bezug Manuskript: S. 6; Bezug Audio: 07:00

Begriffsbestimmung
Kapitalismus (bpb)
Der Begriff „Kapitalismus“ kam mit dem Beginn der Industrialisierung zwischen dem Ende des 18. und dem Anfang des 19. Jahrhunderts auf. Er bezeichnet eine Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die freies Privateigentum mit einer (in gewissen staatlich durchgesetzten Grenzen) freien Wirtschaft verbindet. Drei im Zusammenhang mit dem Kapitalismus wichtige Hauptströmungen in der Ideengeschichte der politischen Ökonomie sind der Liberalismus, der Institutionalismus und der Marxismus.

Begriffsbestimmung
Marxismus (bpb)
Die von Karl Marx und Friedrich Engels begründete Gesellschaftslehre ist eine Kritik an kapitalistischen Ideologien und Gesellschaftsformen. Mit der Kritik sollen bestehende Machtstrukturen sowie alte Ideologien aufgebrochen werden, um die Arbeiterklasse zu emanzipieren.

Online-Video (3:14)
Was ist eigentlich Marxismus? (3sat)
Dieser kurze Videoclip veranschaulicht das Programm des Marxismus in symbolischen Bildern: Ziel des Marxismus ist es, den Menschen die negativen Folgen des Kapitalismus und Alternativen zu ihm aufzuzeigen. Der Marxismus versteht sich weniger als Philosophie, sondern vielmehr als Ideologie- und Gesellschaftskritik. Denn solange sich die Philosophie nicht für eine Veränderung sozialer Missstände einsetze, verfehle sie laut Marx eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe.

Online-Artikel (arte)
Karl Marx – Warum der Kapitalismus sich selbst zerstört (Sophie Schriever)
Den Marxismus könnte man als Prototyp der Kapitalismuskritik bezeichnen. In diesem kurzen Artikel wird in verständlicher Weise in die marxistische Theorie eingeführt. Dabei werden Begriffe wie „Warenwert“ und „Mehrwert“ erklärt. Außerdem macht der Artikel auf die Tendenz aufmerksam, dass in modernen Betrieben der Anteil der Fixkosten durch steigende Technisierung im Vergleich zum Lohnanteil ansteigt und somit weniger Mehrwert geschaffen werden kann.

Online-Lexikonartikel (engl.)
Karl Marx (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
Die Stanford Encyclopedia of Philosophy ist ein anerkanntes wissenschaftliches und philosophisches Werkzeug. Die Einträge sind in englischer Sprache verfasst, jedoch für geübte Leserinnen und Leser bestens geeignet. Dort findet man auch einen ausführlichen Eintrag zum vertiefenden Nachlesen über Karl Marx. Dieser bietet einen Einblick in seine Biografie, sein Werk sowie einen breiten Überblick über seine unterschiedlichen Denkansätze, die die Kritische Theorie und die Kapitalismuskritik bis in die heutige Zeit maßgebend geprägt haben.

Online-Originaltext (Zeno)
Ökonomisch-philosophische Manuskripte (Karl Marx)
Schon in diesen frühen fragmentarischen Schriften lässt sich Marx’ Verschmelzung ökonomischer Kritik und philosophischer Analyse belegen. Zentrale Begriffe wie Arbeit, Profit und Anerkennung finden sich schon hier aufeinander bezogen. Berühmt geworden ist die Anwendung von Hegels Begriff der Entfremdung auf den Lohnarbeiter. Dieser werde von seiner eigenen Tätigkeit und ihren Produkten sowie schließlich von sich selbst und anderen entfremdet. Erst Ende der 1920er-Jahre wurden die Manuskripte im Archiv der SPD entdeckt, 1932 wurden sie erstmals herausgegeben. Weitere Online-Texte, wie das Manifest der kommunistischen Partei oder die Thesen über Feuerbach, sind öffentlich zugänglich über das Personenportrait von Marx auf Projekt Gutenberg, einer großen elektronischen Volltextsammlung deutschsprachiger Literatur. Im Internet präsentieren außerdem die Seiten marxists.org und libertyfund.org umfangreiche, aber überwiegend englische Materialien mit vielen einschlägigen Originaltexten aus den entgegengesetzten weltanschaulichen Perspektiven von Marxismus und Libertarismus.

Buchempfehlung
Kritik der politischen Ökonomie – Eine Einführung (Michael Heinrich)
Wer sich mit dem Marxismus beschäftigen möchte, aber nicht gleich alle drei Bände des Kapital lesen möchte, für den empfiehlt sich diese Einführung. Sie zeichnet sich besonders dadurch aus, dass sie sich von dem sogenannten Populärmarxismus abgrenzt und mit Bezug auf den Originaltext erklärt, an welchen Stellen Marx häufig fehlinterpretiert wird. Dabei greift der Autor in den ersten beiden Kapiteln das Alltagsverständnis des Begriffs „Kapitalismus“ auf, gibt einen Überblick über den Einfluss des Marxismus in der Arbeiterbewegung und erklärt, was der Untersuchungsgegenstand von Marx‘ Analyse ist. In den weiteren Kapiteln wird der Argumentationsgang der drei Bände des Kapitals skizziert. Ziel ist dabei, ein vollständiges Verständnis der Wert- und Mehrwert-Theorie zu ermöglichen. Es schließt sich eine kurze Kritik des Staates und eine Erklärung der Begriffe „Kommunismus“ und „Sozialismus“ an.

Online-Artikel (PDF, 23 S.)
Max Weber als Kritiker des Marxismus (Wolfgang J. Mommsen)
In dem Artikel aus der Zeitschrift für Soziologie erfolgt eine systematische Analyse von Max Webers Kritik am Marxismus. Wolfgang J. Mommsen stellt heraus, dass die Ausgangspunkte der Kapitalismusanalysen bei Max Weber und Karl Marx ähnlich sind; allerdings kritisiert Weber Marx‘ Lösungsvorschläge. Außerdem nimmt Mommsen eine Analyse von Webers Kapitalismus-Begriff vor. Diese Analyse erfolgt in Auseinandersetzung mit Herbert Marcuse‘ These der „Rationalität des kapitalistischen Systems“.

Online-Comic
The Germans Play Monopoly (Existential Comics)
Existential Comics ist eine humorvolle philosophische Comic-Reihe, die namhafte historische Philosophen auf die Schippe nimmt. Hier begegnen wir Freud, Carnap, Nietzsche und Marx beim Monopoly – mit jeweils tiefgreifenden Einsichten. Dass bei allem Humor auch komplexe Theorien und altbekannte philosophische Diskurse liebevoll und detailgetreu skizziert, zeigt zudem dieser Comic, in dem Marx ebenfalls einen Auftritt hat.

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2.2 Kapitalismus transformieren

Bezug Manuskript: S. 11, 16; Bezug Audio: 14:50, 22:45

Online-Interview
Das Prinzip der Anerkennung (Axel Honneth)
Axel Honneth, Vertreter der Kritischen Theorie in der dritten Generation, spricht hier über die Aktualität der Kapitalismuskritik. Dabei vergleicht er heutige Kritikansätze mit den Anfängen der Frankfurter Schule, die sich noch unhinterfragt der marxistischen Kapitalismuskritik anschloss. Heutige Ansätze zielten mehr auf eine Transformation als auf eine Überwindung der aktuellen Wirtschafsordnung ab. Es gehe nicht mehr um die Entscheidung zwischen Markt- und Planwirtschaft, vielmehr sei es notwendig geworden, über neue Steuerungsformen des Marktes als Gegenbewegung zur neoliberalen Reformwelle nachzudenken. In dem Interview wird auch die Norm der gegenseitigen Anerkennung als Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft thematisiert.

Online-Video (03:34)
Was bedeutet bedingungsloses Grundeinkommen? (ZEIT)
Eine viel diskutierte Verbesserungsoption im kapitalistischen Wirtschaftssystem ist das bedingungslose Grundeinkommen (BGE), das eine systembedingte Verarmung verhindern soll. Dieses Video bietet eine kurze einführende Erklärung dazu, wie ein BGE funktionieren könnte und welche Probleme die Idee mit sich führt.

Online-Artikel (ZEIT Online)
Macht Geld faul? (Verena Friederike Hasel)
Wird der Mensch faul, wenn er nicht mehr für den eigenen Selbsterhalt arbeiten muss? Ist es wirklich nur das Geld, was den Menschen zum Arbeiten motiviert? Dieser Artikel berichtet von der Existenz der intrinsischen Arbeitsmotivation, die jedes menschliche Individuum in sich trägt, und von zahlreichen Projekten, in denen dieses zutage tritt.

Online-Video (1:38:45)
Bedingungsloses Grundeinkommen
Wie viel würden Sie arbeiten, wenn für Ihr Einkommen bereits gesorgt wäre? Würde dann überhaupt noch jemand arbeiten? Würde die gesamte Wirtschaft zusammenbrechen? Wer würde dann die notwendigen, aber nicht besonders angesehenen Arbeiten übernehmen? Plötzlich würde das Individuum eine viel größere Freiheit genießen. Würden das BGE Lebenskrisen bei den einzelnen Individuen auslösen? Wie kann ein Grundeinkommen finanziert werden? Dieser Film informiert in umfassender Weise über das Grundeinkommen, liefert Antworten auf viele Fragen und räumt mit vielen Vorurteilen auf. Auch ein Radio-Interview mit dem dm-Chef und Buchautor Werner Götz (ARD Mediathek, 52:00) informiert umfassend über die Möglichkeiten und die Umsetzbarkeit des Grundeinkommens.

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2.3 Postwachstumsgesellschaft

Bezug Manuskript: S. 2; Bezug Audio: 01:05

Einmal kein Fortschritt – das wäre einer!
Peter Rosegger

Online-Video (5:29)
Wohlstand ist mehr als Waren und Dienstleistungen (3sat)
In diesem leicht verständlichen Bericht wird eine Kritik des Bruttoinlandsprodukts vorgetragen. Zu diesem wird eine Alternative vorgestellt, welche durch eine Kommission des Bundestages entwickelt wurde. Der Wohlstand soll dabei nicht nur am Wachstum, sondern auch anhand der Säulen „Soziales“ und „Ökologie“ gemessen werden.

Podcast (47:08)
Kritik des Wachstums (hr2)
Die Philosophin Barbara Muraca von der Universität zu Jena argumentiert für ein neues Zeitalter des Postwachstums. Dabei geht es um die Überwindung der auf Wachstum basierenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Ressourcenverbrauch, steigender Konsum und immer höhere Produktion von Abfällen gehen langfristig auf Kosten der Lebensqualität im Westen und gefährden das Leben vieler Menschen der dritten Welt. Welche Möglichkeit bietet eine „Entschleunigung“ unseres Lebensstils? Darum geht es in diesem leicht verständlichen Audio-Podcast, der sich auch für Schülerinnen und Schüler eignet.

Zum Postwachstum („Degrowth“)
Lange war wirtschaftlicher Wachstum das wichtigste Kriterium zur Bewertung einer gesunden Gesellschaft. Doch ewiger Wachstum ist nicht möglich. Kritiker warnen davor, dass eine Orientierung am Wachstum auf Dauer zu Lasten von Mensch und Natur gehen wird. Die nachfolgenden Online-Artikel dienen als Einstieg in das Thema. Eine kurze Erläuterung der Entstehungsgeschichte und der Hauptanliegen des Konzeptes Postwachstumsökonomie von Niko Paech findet sich hier.

Online-Artikel (Gegenblende)
Wachstum nach dem Finanzkapitalismus (Wolfgang Streeck)
Dieser Artikel, der vom Deutschen Gewerkschaftsbund zur Verfügung gestellt wird, erläutert, warum es für die Industrieländer seit den 70ern immer schwieriger wird, ein konstantes Wachstum aufrechtzuerhalten. Eine konstante Wachstumsrate bedeutet einen exponentiellen Wachstum, der irgendwann kaum noch zu realisieren ist und auch auf Kosten natürlicher Ressourcen geht. Nicht alles, was dem Wachstum dient, muss auch gut für die Menschen sein: Handlungen wie Nachbarschaftshilfen oder das Kümmern um die eigenen Kleinkinder gehen nicht ins Bruttoinlandsprodukt ein, sind deshalb aber keineswegs schlechter für die Menschen. Es gelte, so Streeck, der zunehmenden Kommerzialisierung sämtlicher Lebensbereiche Grenzen zu setzen.

Online-Artikel (WSI-Mitteilungen)
Kapitalismus im Wachstumsdilemma (Klaus Dörre)
Klaus Dörre, Professor für Wirtschaftssoziologie, erläutert die ökonomisch-ökologische Doppelkrise: Wachstum auf Kosten von Staatsverschuldung und auf Kosten des Klimas. Kann und soll sich der auf Expansion ausgelegte Kapitalismus zu einem grünen Kapitalismus entwickeln? Am Ende des Artikels werden Vorschläge gemacht, wie man mit den erläuterten Problemen im Sinne einer Postwachstumsgesellschaft umgehen kann.

Online-Artikel (PDF, 26 S.)
What is Degrowth? From an Activist Slogan
to a Social Movement (Autonome Universität Barcelona)
Der längere wissenschaftliche Artikel einer Forschergruppe der Autonomen Universität Barcelona bietet eine sehr ausführliche Einführung zum Degrowth-Konzept in englischer Sprache. Es werden der Begriff „Degrowth“ erläutert, die Entstehung der Bewegung skizziert und die daraus entstandenen Praktiken beschrieben.

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2.4 Poststrukturalismus

Bezug Manuskript: –; Bezug Audio: –

Um etwas zu bewirken, muss man über das
hinausgehen, was man beherrscht.

Jacques Derrida

Zum Poststrukuralismus
Unter dem Begriff „Poststrukturalismus“ fasst man bestimmte Philosophen Frankreichs zusammen, die im Laufe der 60er-Jahre eine bestimmte philosophische Haltung entwickelten. Ein Merkmal dieser Intellektuellen ist die kritische Einstellung gegenüber der Moderne, dem damit einhergehenden Vernunftdenken sowie eine Ablehnung gegenüber totalisierenden Tendenzen in der Philosophie. Ihr Denken kann man als ein Plädoyer für die Differenz bezeichnen. Im Gegensatz zur Frankfurter Schule stehen sie den Ideen der Psychoanalyse und des Marxismus eher kritisch gegenüber. Wichtige Vertreter des Poststrukturalismus sind Michel Foucault, Jacques Derrida, Jean Lyotard und Gilles Deleuze. Trotz ihrer kritischen Einstellung gegenüber marxistischen Ideologien kommt die poststrukturalistische Kapitalismuskritik um diese Ansätze aufgrund ihrer Einschlägigkeit nicht herum.

Zu Michel Foucault
Für Michel Foucault gehörten Schreiben und Handeln immer zusammen. Er setzte sich für Strafgefangene und politische Aktivisten ein, kämpfte für sexuelle Befreiung und äußerte sich öffentlich zur iranischen Revolution 1979. Ihn als Kapitalismuskritiker zu bezeichnen, ist jedoch heikel. Zwar bezieht er sich häufig auf Marx – allerdings meist, um sich von ihm abzugrenzen. Er tritt nicht etwa für das Proletariat ein, seine Aufmerksamkeit widmet sich stattdessen Gefangenen (Überwachen und Strafen) und „Irren“ (Wahnsinn und Gesellschaft). Indem Foucault sich zur Aufgabe gemacht hat, Machtverhältnisse der aktuellen Gesellschaft im historischen Kontext zu analysieren, betreibt er auch Gesellschaftskritik. Da es sich bei dieser Gesellschaft um eine kapitalistische handelt, verwundert es nicht, dass Autoren wie Gilles Deleuze sich seiner bedienen, um einen kritischen Blick auf den postmodernen Kapitalismus zu werfen (siehe unten).

Online-Artikel (Deutschlandradio)
Foucault: Ästhetik der Existenz (Susane Mack)
Dieser Artikel dient als leichter Einstieg in Foucaults Philosophie und sein Spätwerk Ästhetik der Existenz. Er eignet sich für Leser, die sich zuvor noch nicht mit dem postmarxistischen Gesellschafskritiker beschäftigt haben. Es wird beschrieben, wie Foucaults Werke Individualethik und politische Philosophie verbinden: Das Private wird zum Kraftzentrum des Politischen.

Literaturempfehlung (43 S.)
Wie weiter mit Foucault? (Philipp Sarasin)
Diese kurze Einführung, die im Handel erhältlich ist, eignet sich für Einsteiger und Fortgeschrittene. Philipp Sarasin gibt in seinem Werk einen kurzen Abriss über das Wirken Foucaults und liefert Argumente für dessen Aktualität. Foucault wird eindeutig von Marx abgegrenzt – in erster Linie dadurch, dass Foucault nicht auf eine Weltdeutung aus ist, sondern man seine Schriften als ständig in Bewegung und offen bezeichnen kann: Kontingenz statt Allgemeines, Realität statt Moral. Sarasin erkennt drei Hauptthemen in Foucaults Schaffen:

  • Die Diskursanalyse, in der Foucault die historischen Bedingungen und Bewertungen von Schriften herausarbeitet.
  • Die Gouvernementalität, eine Analyse zur Ausbildung von Machtstrukturen in Abhängigkeit von politischen Verhältnissen.
  • Die Genealogie, in welcher Foucault ein antidialektisches Bild von Macht zeichnet. In dieser Konzeption beschreibt er das Wirkliche als ein durch Zufälle Historischgewordenes.

Online-Artikel (fluter)
Was ist die Kontrollgesellschaft? (Martin Conrads)
In einer Zeit, in der Selbstmanagement ein häufiges Wort in den Titeln der Buchneuerscheinungen ist und in der wir mehr oder weniger freiwillig unsere Daten, unseren Aufenthaltsort, unser Kaufverhalten und ähnliches preisgeben, ist der Begriff der Kontrollgesellschaft vielleicht treffender denn je. Dieser Begriff stammt aus Gilles Deleuze‘ Text „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“; Deleuze verwendet ihn, um moderne Gesellschaften zu beschreiben. Dabei knüpft er wiederum an das von Foucault beschriebene Prinzip der Disziplinargesellschaften an. In diesem kurzen und leicht verständlichen Artikel werden kurz Deleuze‘ und Foucaults Gesellschaftsbeschreibungen vorgestellt.

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3. Personen

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Informationen zu den Interviewpartnern der Sendung und den einschlägigen Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte finden Sie in der folgenden Auflistung.

# Gerald Cohen
Gerald Cohen (1941 – 2009) zählte zu den führenden Philosophen der politischen Theorie und war Professor für politische Theorie und Gesellschaftstheorie an der University of Oxford. Cohen prägte den analytischen Marxismus, eine Umdeutung der marxistischen Theorie, die sich in der analytischen Tradition verortete. Er war Vertreter der politischen Linken und vertrat bis zu seinem Lebensende sozialistische Überzeugungen wie zum Beispiel den Verzicht auf Privateigentum. In seinen Schriften attackierte er unter anderem mit Robert Nozick und John Rawls zwei der wichtigsten zeitgenössischen politischen Philosophen, plädierte für moralische Gleichheit als Inbegriff sozialer Gerechtigkeit und bestand auf einen Ethos der Gleichheit auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene.

# Rahel Jaeggi
Rahel Jaeggi (* 1967) ist Professorin für Praktische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin mit Schwerpunkt auf der Sozial- und Rechtsphilosophie. Ihre weiteren thematischen Forschungsschwerpunkte liegen in der politischen Philosophie, der philosophischen Ethik sowie der Anthropologie und der Sozialontologie. Jaeggi gilt als Anhängerin der gegenwärtigen Kritischen Theorie und will in ihrer Forschung unter anderem die Begriffe der Entfremdung und der Verdinglichung ergründen. Sie unterscheidet drei Formen der Kapitalismuskritik: die moralische, die ethische und die funktionale.

# Rainer Klump
Rainer Klump (* 1958) lehrte nach einem Studium der Volkswirtschaftslehre als Professor in Ulm und in Würzburg. Im Jahr 2000 trat er den Lehrstuhl für wirtschafliche Entwicklung und Integration an der Goethe-Universität Frankfurt an. Dort übernahm er von 2009 bis 2015 auch ein Amt als Vize-Präsident. Seit 2015 ist er Präsident der Universität Luxemburg. An der Goethe-Universität ist er zudem Mitglied des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“. In der Forschung befasst er sich aktuell mit der Genese von Normen in der ökonomischen Wissenschaft. Dabei denkt er über Regulierungmöglichkeiten des Marktes zum Zwecke sozialer Gerechtigkeit nach. Er vertritt unter anderem eine Form des Ordoliberalismus, demzufolge die Rolle des Staates die Regulierung des Marktes zum Zwecke der Gewährleistung bürglicher Freiheit ist (siehe etwa: „An Ordoliberal Interpretation of Adam Smith“, PDF, 23 S.).

# Karl Marx
Karl Marx (1818 – 1883) gilt zusammen mit Friedrich Engels als Begründer des Marxismus. Als Theoretiker des Kommunismus haben seine Schriften die Arbeiterbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts weltweit entscheidend geprägt. Marx trat an, die Dialektik Hegels in Verschmelzung mit dem Materialismus Feuerbachs als dialektischen Materialismus „vom Kopf auf die Füße zu stellen“. Während Hegel die bürgerlichen Gesellschaftsverhältnisse als letztes Stadium eines sich entfaltenden Weltgeistes betrachtete, attackierte Marx die soziale Ungerechtigkeit herrschender Verhältnisse. Einflussreiche Texte wie das Manifest der kommunistischen Partei oder die Thesen über Feuerbach sind online über das Personenportrait von Marx auf Projekt Gutenberg zugänglich.

# Philippe Van Parijs
Philippe Van Parijs (* 1951) studierte unter anderem Philosophie, Recht und politische Ökonomie und erhielt seinen Doktortitel der Philosophie in Oxford. Derzeit leitet er einen Lehrstuhl für Ökonomie und Sozialethik an der Université catholique de Louvain in Belgien. Er beschäftigt sich im Rahmen seiner wissenschaftlichen Arbeiten mit dem Thema Grundeinkommen und setzt sich für dessen Realisierung ein. Bekannte Werke zu diesem Thema sind: „Arguing for Basic Income. Ethical Foundations for a Radical Reform“ und Real Freedom for All: What (if Anything) Can Justify Capitalism?.

# David Schweickart
David Schweickart (* 1942) ist ein amerikanischer Mathematiker und Philosoph. Seit 1975 lehrt er an der Loyola University of Chicago als Professor für Philosophie. Er ist Autor von vielbeachteten Büchern, darunter After Capitalism und Against Capitalism. Schweickart übt Kritik an Kapitalismus und Globalisierung und schlägt eine neue Wirtschaftsordnung vor, die economic democracy (Wirtschaftsdemokratie). Dieses Konzept sieht vor, dass Firmen durch ihre Angestellten selbstverwaltet werden; insbesondere sollen Bankenverwaltungen demokratisch werden. Vorbild für diese Wirtschaftsordnung sind Zusammenschlüsse wie die Kooperative Mondragón aus dem spanischen Baskenland, die weltgrößte Genossenschaft (Online-Video der Deutschen Welle, 05:03).

# Titus Stahl
Titus Stahl ist derzeit wissenschaftlicher Assistent an der Universität Groningen in den Niederlanden. Er ist Autor von zwei Büchern (Immanente Kritik. Elemente einer Theorie sozialer Praktiken und Einführung in die Metaethik) und Mitherausgeber zweier philosophischer Zeitschriften, der Zeitschrift für philosophische Literatur und Critical Horizons.

# Wolfgang Streeck
Wolfgang Streeck (* 1946) war bis 2014 Direktor für Gesellschaftsforschung am Max-Planck-Institut in Köln. Außerdem war er als Berater in verschiedenen Gremien der Politik tätig, unter anderem für Gerhard Schröder. Er vertritt die These, dass man die Gesellschaft nicht länger an die Marktzwänge anpassen solle, sondern stattdessen die Märkte so modifizieren müsse, dass ein menschenwürdiges Leben ermöglicht wird. Streeck ist Autor zahlreicher Bücher, unter anderem von Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus.

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4. Didaktik

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4.1 Curriculare Bezüge

  • Fach Ethik (Sekundarstufe 1 – Gymnasium) oder Lehrplan – Fach Ethik (Gymnasialer Bildungsgang 5G bis 12G – überarbeitete Lehrpläne (G 8 und G 9) können hier als PDF heruntergeladen werden)
  • Kerncurriculum: Inhaltsfelder „Gewissen und Verantwortung“, „Freiheit und Würde“ und besonders „Mensch, Natur und Technik“.
  • Lehrplan:
    • 5 G.2 Würde des Menschen I
    • 6 G.2 Recht und Gerechtigkeit I
    • 7 G.2 Würde des Menschen II
    • 9 G.3 Recht und Gerechtigkeit III
    • 11 G.2, Q2 Vernunft und Gewissen: Normsetztende Begründungen verantwortlichen Handelns; Q3 Recht und Gerechtigkeit in Gesellschaft, Staat und Staatengemeinschaft: Gerechtigkeitsbezogene Begründungen verantwortlichen Handelns
    • 12 G.2, Q4 Natur und Technik: Zukunftsorientierte Begründungen verantwortlichen Handelns

4.2 Lern-Ressourcen

Online-Artikel (PDF, 6 S.)
Wer wird Millionär oder: Alles was man wissen muss (Konrad Paul Liessmann)
Angelehnt an Adornos Begriff der Halbbildung von 1959 setzt sich Konrad Paul Liessmann, Wiener Professor für Philosophie und Bildungswissenschaften, in diesem Kapitel seines Buches Theorie der Unbildung kritisch mit der Wissensgesellschaft auseinander, indem er hervorhebt, dass die traditionelle Idee von Bildung immer mehr an Relevanz zu verlieren scheint. Er bezieht sich im Rahmen seiner Kritik konkret auf die Quizsendung „Wer wird Millionär“, um im Rekurs darauf die ökonomischen Interessen der gegenwärtigen Bildungspolitik zu skizzieren.

Literaturempfehlung
Geschichte des Kapitalismus (Jürgen Kocka)
In ihrer Schriftenreihe (Band 1417) hat die Bundeszentrale für politische Bildung eine „Geschichte des Kapitalismus“ veröffentlicht (kostenpflichtig, 4,50 €). Der Autor, Jürgen Kocka, ist Sozialhistoriker und emeritierter Professor der Freien Universität Berlin. 1992 wurde er mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis ausgezeichnet. In seiner Einführung zeichnet Kocka die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus nach und präsentiert zentrale Theorien, grundlegende Ideen, Konzepte und wichtige Persönlichkeiten. Die Frage, ob der Kapitalismus für die Menschheit Fluch oder Segen sei, wird auf dieser Grundlage diskutiert, positive und negative Aspekte der Wirtschaftsform werden beleuchtet. Der Band eignet sich als Grundlage für den philosophischen Unterricht sowie für das Fach Politik und Wirtschaft.

Broschüre (kostenpflichtig)
Bildungsmaterialien zu Kapitalismus und Kapitalismuskritik (Rosa-Luxemburg-Stiftung)
Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat in einer etwa 100-seitigen Broschüre, die bei der Stiftung für eine Schutzgebühr von 3 € erworben werden kann, unterschiedliche Materialien zur politischen Bildungsarbeit in Bezug auf Kapitalismus und Kapitalismuskritik zusammengestellt, die den Lernenden ermöglichen sollen, einen breiten und kritischen Zugang zu den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen zu entwickeln. Es werden praxiserprobte Methoden, sog. „Fallstricke“, Rezensionen und Texte angeboten, die bereits didaktisch aufbereitet sind und sich daher gut für den Einsatz in der Schule, in Seminaren und in Workshops eignen. Ein erster Überblick über den Inhalt der Broschüre findet sich hier.

Online-Dossier
Wirtschaftssysteme (ZEIT für die Schule)
Ein umfangreiches Online-Dossier der von der Zeit angebotenen Lernplattform für die Schule beschäftigt sich mit verschiedenen Wirtschaftssystemen. Zu den Themen Marktwirtschaft, Planwirtschaft, soziale Marktwirtschaft und Politik und Wirtschaft werden jeweils diverse Beiträge präsentiert. Der Artikel „Die Bibel der Liberalen“ stellt etwa Adam Smiths Hauptwerk – den Wohlstand der Nationen – vor; es findet sich ein Link zu einem Dokumentarfilm des Bayerischen Rundfunks, der Karl Marx und seinem kommunistischen Einmaleins der Wirtschaft gewidmet ist; und ein Video des Bundeswirtschaftsministeriums setzt sich mit sechzig Jahren sozialer Marktwirtschaft auseinander. Das Online-Dossier kann insbesondere für den Oberstufenunterricht der Fächer Politik und Wirtschaft, Ethik und Philosophie genutzt werden.

Unterrichtseinheit (PDF, 20 S.)
Soziale Marktwirtschaft (INSM)
Die vollständige Unterrichtseinheit (Umfang: ca. 6 Unterrichtsstunden) der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ist für den Oberstufenunterricht an Gymnasien oder an Berufsschulen geeignet. Die soziale Marktwirtschaft wird in Abgrenzung zu anderen Wirtschaftsformen (freie Marktwirtschaft, Zentralverwaltungswirtschaft) erläutert. Es werden konkrete Arbeitsmaterialien (etwa Arbeitsblätter „Soziale Marktwirtschaft“, „Staatliche Eingriffe in die Soziale Marktwirtschaft“, „Anspruch und Wirklichkeit der Sozialen Marktwirtschaft“ und ein Tafelbild „Wirtschaftsordnungen“) sowie ausgearbeitete Vorschläge für die konkrete Unterrichtsplanung in tabellarischer Form präsentiert.

Online-Unterrichtsmaterial
Projekttag soziale Ungleichheit (bildungskoffer.org)
Das Portal für Bildungsmaterialien präsentiert jeweils im PDF-Format zahlreiche Materialien, die ursprünglich für einen Projekttag zum Thema soziale Ungleichheit zusammengestellt wurden. Der Workshop wurde als Projekt für soziale Bildung konzipiert, um Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Möglichkeit zu bieten, sich mit sozialer Ungleichheit in der Bundesrepublik Deutschland, den unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnissen sowie ihrer eigenen sozialen Situation auseinanderzusetzen.

Online-Rezension (Süddeutsche Zeitung)
Der Held ist das Geld (Daniel Wüllner)
Mit dem Thema Finanzkrise setzt sich der Comic des belgischen Ökonomen Paul Jorion auseinander, der als Wirtschaftskolumnist für Le Monde tätig ist. Die Protagonisten der amüsanten und hintersinnigen Geschichte sind ein fieser General, ein Monopoly-Maskottchen und eine austauschbare Lego-Figur, die die arbeitende Bevölkerung repräsentiert. Schuld am ökonomischen Desaster ist – wie sollte es anders sein – das gierige Kapital, das nie genug bekommt. Dessen Maxime zufolge darf Geld nicht ruhen, sondern muss im Sinne der Gewinn-Maximierung ständig arbeiten und Überschüsse erwirtschaften.

Literaturempfehlung (für die Oberstufe)
Haben oder Sein (Erich Fromm)
Der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm stellt in seinem Buch zwei grundverschiedene Existenzweisen und Lebenshaltungen (Haben und Sein) vor, die er ausführlich kommentiert. Er entfaltet die These, dass ein vom Haben-Wollen bestimmtes Leben nicht zur Erfüllung führen könne. Vielmehr sei diese kapitalistische Grundhaltung von Entfremdung und Unzufriedenheit gekennzeichnet. Haben oder Sein, neben Die Kunst des Liebens das bekannteste Werk Fromms, stellt das Konzept des Kapitalismus radikal in Frage und plädiert für eine grundsätzliche Veränderung der westlichen Gesellschaft und ihres Lebensstils. Im Rahmen einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus im philosophischen Unterricht können Auszüge aus Fromms Buch den Schülerinnen und Schülern nahe gebracht werden.

Online-Unterrichtsmaterialien (PDF, 16 S.)
Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte (kinomachtschule.at)
Im Rahmen seiner filmischen Kapitalismuskritik nutzt der Dokumentarfilmer und Meister der Selbstinszenierung Michael Moore historisches Bild- und Tonmaterial und setzt selbst gesprochene Off-Kommentare geschickt ein, um ausgehend von aktuellen Finanz- und Immobilienkrisen die amerikanische Wirtschaftsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg zu skizzieren. Moore, der mit den Filmen Roger & Me, Bowling for Columbine und Fahrenheit 9/11 bekannt wurde, zeigt in Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte eindringlich auf, dass im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gravierende soziale Ungleichheiten existieren und dass sich der Graben zwischen Arm und Reich zusehends vertieft. „Kino macht Schule“ hat zu Moores Film vielfältige Materialien für den Unterricht erarbeitet und zusammengestellt.

Filmempfehlung (für die Unterstufe)
The Lego Movie
Der Film erzählt die Geschichte des zunächst regelkonformen und angepassten Protagonisten Emmet, der sich in die attraktive Wyldstyle verliebt, die mit Batman befreundet ist und gegen die Herrschaft von Präsident Business und dessen zwielichtige Pläne kämpft. Emmets Leben und seine Sicht auf die Welt ändern sich durch durch die Begegnung mit Wyldstyle grundlegend. Der in Stop-Motion-Technik aufgenommene Lego-Film wurde von der Kritik insbesondere wegen seiner antikapitalistischen Töne gelobt. Er eignet sich besonders für die Verwendung im Ethikunterricht der Unterstufe, oder um einen lockeren Einstieg in ein ernstes Thema zu wagen. Ein Online-Artikel des ORF geht auf die Kapitalismuskritik des Kassenschlagers ein.

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