Zusatzmaterialien zur Folge 17

Passen wir gut zur Welt oder
machen wir uns die Welt passend?

Interessierte Hörerinnen und Hörer finden auf dieser Seite weiterführende Informationen zum Sendungsthema als Zusatzmaterial. Philosophische Neulinge und Fortgeschrittene erwarten ganz unterschiedliche Angebote zum Stöbern, Überfliegen oder Weiterdenken. Zeitmarkierungen erleichtern die  Bezüge zur Sendung für Lehrkräfte; Seitenangaben verweisen Multiplikatoren auf die Manuskripte.

Folge 17 zum Nachhören und Herunterladen
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Die Materialien wurden zum Zugriffszeitpunkt 16.3.2015 erstellt von:
Marvin Baudisch, Madelaine Kalt, Julia Möller (Studierende)
Sebastian Boll, M. A.; Dr. des. Jakob Krebs; OStR i. H. Sabine Reh
Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main

 

Inhalt

1. Perspektiven
– 1.1 Wie wirklich ist die Welt? ↓
– 1.2 Zum philosophischen Hintergrund
2. Konzepte
– 2.1 Platons Idealismus & Aristoteles‘ Realismus
– 2.2 Empirismus & Rationalismus
– 2.3 (Neuer) Realismus & Konstruktivismus
– 2.4 … zweifelhafte Oppositionen?
3. Personen
4. Didaktik

 tagxedo 17

1. Perspektiven

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[Es bleibt] immer ein Skandal der Philosophie und allgemeinen
Menschenvernunft, das Dasein der Dinge außer uns (von denen
wir doch den ganzen Stoff zu Erkenntnissen selbst für unsern
inneren Sinn her haben) bloß auf Glauben annehmen zu
müssen und, wenn es jemand einfällt es zu bezweifeln, ihm
keinen genugthünden Beweis entgegenstellen zu können.

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft

Der ‚Skandal der Philosophie‘ besteht nicht darin, daß
dieser Beweis noch aussteht, sondern darin, daß solche
Beweise immer wieder erwartet und versucht werden.

Martin Heidegger, Sein und Zeit, § 43

Sind die Welt, die Wirklichkeit und die Dinge unserer Wahrnehmung unabhängig von unserem Erkenntnisapparat und unserer Sprache? Natürlich sind sie es, möchte man sagen. Doch wie können wir das wissen, wenn wir nie aus uns heraustreten können? Der Streit zwischen den sogenannten Idealisten und Realisten (die eine negative bzw. positive Antwort auf die Ausgangsfrage geben) reicht in der Philosophie bis zurück in die Antike. Auch heute ist dieser Streit nicht beigelegt. In den Zusatzmaterialien zu Folge 17 des Funkkollegs Philosophie gehen wir der Frage nach, ob wir uns in unserem Erkennen nach der Beschaffenheit der Welt richten oder ob sich die Beschaffenheit der Welt vielmehr auch nach unserem Erkennen richtet.

Die Rubrik „Perspektiven“ bietet zunächst einige allgemeine Hinweise auf die Relevanz des Sendungsthemas und seine philosophischen Hintergründe. Spezifische Erläuterungen folgen dann in der Rubrik „Konzepte“.

1.1 Wie wirklich ist die Welt?

Bezug Manuskript: S. 4; Bezug Audio: 02:18

Online-Video (3:08)
Optische Täuschungen (3sat)
Wir glauben für gewöhnlich, was wir sehen. Dass dies jedoch oft in die Irre führen kann, beweisen optische Täuschungen. In diesem Videobeitrag der Fernsehsendung Scobel werden verschiedene optische Täuschungen präsentiert, etwa eine auf eine flache Decke aufgemalte Kuppel. Solche Täuschungen werfen die Frage auf: Ist die Welt doch nicht so, wie wir sie mit unseren Augen sehen?

Online-Video (1:12)
Meine Welt, deine Welt (3sat)
Unter dem philosophischen Schwerpunkt „Unser Ich“ zeigt 3sat ein kurzes, einführendes Video zum Thema „Meine Welt, deine Welt“. Hier wird dargelegt, wie unterschiedlich der Blick auf und in die Welt sein kann. Zum Beispiel wird erörtert, wie eingeschränkt Tiere die Welt wahrnehmen. Zudem wird dem Zuschauer vor Augen geführt, wie die jeweils eigene Vorstellung das individuelle Weltbild mitformt.

Online-Artikel (Hohe Luft)
Das Gehirn im Tank (Hugo Gomille)
Stellen Sie sich vor, Ihr Gehirn bekäme die Welt mittels eines Supercomputers nur vorgegaukelt, während es in Wirklichkeit in einem Tank versauert. Wie können wir sicher sein, dass dies nicht gerade der Fall ist? Gedankenexperimente wie dieses von Hilary Putnam gehören zu den „Evergreens“ der Philosophie. Die Frage nach der Wirklichkeit der Welt beschäftigte schon Descartes, der sich in seinen Meditationen fragte, ob man sich sicher sein könne, dass die eigenen Wahrnehmungen nicht von einem bösen Dämon gesteuert werden. Bis heute beschäftigt sich die Philosophie mit diesem Problem, das auch in aktuellen Filmen – am prominentesten in Matrix – thematisiert wird.

Online-Interview-Transkript (Telepolis)
Wir sehen nicht, daß wir nicht sehen (Bernhard Pörksen)
Wer sich für den (radikalen) Konstruktivismus interessiert, der kommt an Heinz von Foerster (1911 – 2002) nicht vorbei. In diesem Interview von 1998 spricht er mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen über die Entwicklung der Kybernetik, über künstliche Intelligenz, die Computermetapher des Geistes und die Versuche, dem Geheimnis des Gehirns auf die Spur zu kommen. Bei dem Interview handelt es sich um einen als Vorabdruck erschienenen Auszug aus dem mittlerweile zu einem modernen Klassiker avancierten Interviewband Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.

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1.2 Zum philosophischen Hintergrund

Bezug Manuskript: S. 7; Bezug Audio: 08:26

Online-Video (2:38)
Was ist eigentlich Idealismus? (3sat)
In der Reihe „Philosophische Kopfkino“ von 3sat werden leicht verständlich und in knapper Form Grundbegriffe der Philosophie erläutert. Gesprochen werden die Beiträge von Christoph Maria Herbst. Im Kurzclip „Idealismus“ lernt der Zuschauer die gegensätzlichen Wahrnehmungsauffassungen der Idealisten und der Materialisten (Realisten) kennen. Eine ansprechend illustrierte Darstellung von Platons Höhlengleichnis (siehe auch Abschnitt 2.1) wird zur Erläuterung des philosophischen Problems herangezogen.

Online-Essay (PDF, 14 S.)
Der erkenntnistheoretische Realismus (Franz von Kutschera)
In diesem wissenschaftlichen Aufsatz stellt der deutsche Philosoph Franz von Kutschera knapp den Streit zwischen Idealisten und Realisten dar. Das Problem sei, dass der Realismus scheinbar den Skeptizismus auf den Plan rufe – also Zweifel an unserer Erkenntnis der Wirklichkeit. Antirealistische Positionen wie der Idealismus hingegen tendierten zu einer relativistischen Haltung. In seinem Aufsatz möchte Kutschera zeigen, dass der Realismus nicht notwendig in einen Skeptizismus führen muss. Dies gelte nur für einige, wenig plausible Formulierungen dieser Position.

Online-Vorlesungsmanuskript (PDF, 71 S.)
Idealismus und Realismus (Manfred Frank)
Manfred Frank ist ein deutscher Philosoph und emeritierter Professor für Philosophie in Tübingen. In der Vorlesung „Idealismus und Realismus“ unternimmt Frank einen historischen und vor allem auch systematischen Nachvollzug dessen, wofür die Begriffe „Idealismus“ und „Realismus“ stehen. Dabei führt seine Vorlesung von der Antike, mit Platon und Aristoteles, bis hin zur Gegenwart. Der Link oben leitet Sie zu einem ersten Dokument, welches die Vorlesungen 1 bis 3 umfasst. Alle weiteren Vorlesungsmanuskripte, die auf insgesamt 346 Seiten einen umfassenden philosophiegeschichtlichen Überblick bieten, finden sie unter der Rubrik „Downloads“ auf der Homepage von Manfred Frank.

Buchempfehlung
Erkenntnistheorie (Hrsg. Hans-Ulrich Baumgarten)
In diesem Sammelband findet man neben einer verständlichen Einleitung des Herausgebers eine Zusammenstellung von Originaltexten zu den wichtigsten Positionen der Erkenntnistheorie bis 1995. Die Textausschnitte verschaffen einen guten Überblick über die verschiedenen Theorien, sind kurz gehalten und laden mit Verweisen ein, sich intensiver dem philosophischen Diskurs der Erkenntnistheorie zu widmen.

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2. Konzepte

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Die Rubrik „Konzepte“ greift zentrale philosophische Begriffe der Sendungen auf und verweist mit Hilfe kurzer Erläuterungen und Kommentare auf vertiefende Ressourcen wie Internet-Portale, Online-Videos und klassische Bücher. Auch hier kann nach eigenem Ermessen und Vorwissen übersprungen oder tiefer eingetaucht werden.

2.1 Platons Idealismus & Aristoteles’ Realismus

Bezug Manuskript: S. 5, 10; Bezug Audio: 04:50, 12:00

Zu den Wahrnehmungskonzepten von Platon und Aristoteles
Philosophiegeschichtlich lässt sich das Problem der „Passung zur Welt“ bereits in den konträren Wahrnehmungskonzepten von Platon und Aristoteles verorten. Bei Platon gibt es ein „Reich der Ideen“ jenseits der sinnlich erfahrbaren Welt. Ein Baum, den wir wahrnehmen, ist für Platon beispielsweise nur ein Abbild der Idee des Baumes; die Ideen sind das eigentlich Wahre und Ursprüngliche, das es zu erkennen gilt. (Platons Konzeption ist insofern dualistisch, als das Reich der Ideen getrennt von der Wahrnehmungswelt existiert.) Die Ideenlehre des antiken Philosophen wird bis heute kontrovers diskutiert und unterschiedlich interpretiert.
Platons Schüler Aristoteles lehnte die Vorstellung einer Ideenwelt ab. Für ihn ist vielmehr das Einzelding primär. Wo Platon dieses als abhängig von der jeweiligen Idee begreift, sieht Aristoteles es als eigenständigen Gegenstand. Das, was den sichtbaren Objekten ihre materielle Gestalt verleiht, bezeichnet er als deren “Form” – gewissermaßen ihr Gestaltungsprinzip. Diese Form ist eine Eigenschaft des jeweiligen Dings, kein zweites, höheres Ding, das einer anderen Sphäre angehört. Auch Aristoteles betont jedoch, dass Erkenntnis ein Bewusstsein dieser allgemeineren – also über den Einzelgegenstand hinausgehenden – Eigenschaften des Existierenden erfordert.
Schon Raffael verwies in seinem berühmten Gemälde „Die Schule von Athen“ auf den Disput zwischen Platon und Aristoteles: Platon hebt die Hand gen Himmel – ein Hinweis auf seine Ideenlehre –, Aristoteles dagegen richtet seinen Finger auf den Boden – ein Verweis auf seine Konzentration auf die sinnliche Welt.

Raffaels Schule von Athen (Quelle: Wikimedia Commons)

Online-Originaltext (Projekt Gutenberg)
Politeia (Siebtes Buch) (Platon)
Das Höhlengleichnis ist eines der berühmtesten Gleichnisse der Philosophiegeschichte. Es veranschaulicht Platons Idealismus, demzufolge es zusätzlich zur wahrnehmbaren Welt eine Welt der Ideen gibt. Die Ideen sind das eigentlich Wahre, nach dem die Menschen streben sollten. Die Dinge der Wahrnehmungswelt sind hingegen nur Abbilder der Ideen, die es zugunsten der Ideenwelt zu überwinden gilt. Das Höhlengleichnis soll diese Vorstellung plausibel machen. Es beschreibt Menschen, die von Geburt mit fixiertem Blick in einer Höhle leben und nur auf eine leere Wand schauen können. Sie sehen dort nichts weiter als die Schemen von Gegenständen, die hinter ihnen vorbeigetragen werden und ihre Schatten an die Wand werfen. Da die Gefangenen nie etwas anderes wahrgenommen haben, halten sie die Schatten jedoch für die wahre Erscheinung der Gegenstände. Platon meint nun, dass sich die Ideen für uns zu den sichtbaren Gegenständen verhalten wie die sichtbaren Gegenstände sich für die Menschen im Höhlengleichnis zu ihren Schatten.

Online-Vorlesung (85:04)
Platon (Thomas Buchheim)
In seiner universitären Vorlesungsreihe zu Platon beschäftigt sich der an der LMU München lehrende Buchheim detailliert mit der Philosophie Platons. In dem ausgewählten Abschnitt werden Platons Ideenlehre und die dieser zufolge unterschiedlichen Gegenstände des Wahrnehmens (Sinnesobjekte) und des Denkens (Ideen) thematisiert. Die Vorlesung ist geeignet, um ein vorhandenes Vorverständnis der Erkenntnistheorie Platons zu vertiefen.

Online-Artikel (Tabularasa)
Das ganzheitliche Weltbild des Aristoteles (Dr. Stefan Bleecken)
Stefan Bleecken erläutert in seinem ausführlichen Beitrag Aristoteles‘ Weltbild. Mit Verweisen auf zahlreiche Textstellen gelingt es Bleeken, Aristoteles‘ Seelenlehre und sein Verständnis des Verhältnisses zwischen Körper und Geist verständlich und dennoch detailliert darzustellen.

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2.2 Empirismus & Rationalismus

Bezug Manuskript: S. 8, 16; Bezug Audio: 09:40, 20:55

Zur Fundamentalismus-Kontroverse
Eine der zentralen erkenntnistheoretischen Kontroversen der Neuzeit war die Debatte zwischen den Empiristen und den Rationalisten. Beide Lager nahmen an, dass unser Wissen auf bestimmte fundamentale Elemente zurückgeführt werden kann; gestritten wurde über die Frage, worin dieses Fundament besteht. Dem Rationalismus zufolge, als dessen Begründer René Descartes gilt, bilden Einsichten des Denkens das Fundament unseres Wissens. Laut der empiristischen These hingegen kann unser Wissen in letzter Instanz nur aus der Erfahrung stammen; das heißt alles Wissen muss auf sinnliche Wahrnehmung zurückführbar sein. John Locke, einer der Hauptvertreter des Empirismus, vergleicht das menschliche Bewusstsein nach der Geburt mit einem weißen Blatt Papier, das durch die Wahrnehmung „beschrieben“ wird. Im Zusatzmaterial zur Folge 05 („Was können wir wissen?“) finden Sie ausführliche Materialien zum Fundamentalismus, Rationalismus und Empirismus.

Online-Artikel und -Video (2:22)
Was ist eigentlich Empirismus? (3sat)
Sehr alltagsnah bringt der 3sat-Beitrag aus der Reihe Philosophisches Kopfkino dem Leser den Empirismus nahe. Die Welt erschließt sich laut Empirismus über Erfahrungen, ob mit dem Chemiebaukasten oder der Keksdose. In dem dazugehörigen Video wird die kurze Einführung humorvoll animiert.

Online-Video (29:03)
Descartes (ARD Mediathek)
Harald Lesch und Wilhelm Vossenkuhl stellen René Descartes in ihrer Reihe „Denker der Abendlandes“ auf unterhaltsame Weise vor. Im angeregten Gespräch würdigen die beiden den französischen Philosophen als Begründer der neuzeitlichen Philosophie. Sie betonen darüber hinaus, dass Descartes auch als einer der Väter der modernen Mathematik gilt, der zudem die nach ihm benannte cartesische Methode des Denkens entwickelte. Mit deren Hilfe wird ein umfassendes Problem zunächst in kleinere Einzelprobleme „zerlegt“, die der Reihe nach gelöst werden. In kleinen Schritten gelangt man so zu einer Gesamtlösung für das umfassende Ausgangsproblem.

Online-Essay (engl., PDF, 6 S.)
Rationalism and Empiricism (Guy Longworth)
Dieser englischsprachige wissenschaftliche Essay gibt einen pointierten Überblick über den Streit zwischen der rationalistischen und der empiristischen Argumentation. Gewürdigt werden in diesem Zusammenhang sowohl Positionen aus der führen Neuzeit als auch aus der Gegenwart, beispielsweise die von Noam Chomsky.

Online-Enzyklopädie-Artikel (engl.)
Rationalism vs. Empiricism (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
Auch der (ebenfalls englischsprachige) wissenschaftliche Beitrag der Stanford-Enzyklopädie liefert eine ausführliche Gegenüberstellung von Rationalismus und Empirismus. Detailliert werden verschiedene Thesen über die Begründung von Wissensansprüchen erläutert und jeweils die Argumente der Gegner erörtert. Für Interessierte finden sich weiterführende Literaturhinweise.

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2.3 (Neuer) Realismus & Konstruktivismus

Bezug Manuskript: S. 7, 10; Bezug Audio: 07:16, 12:00

Zur Opposition von Realismus und Konstruktivismus
Der Realismus besagt, dass die Welt in ihrer Verfassung im Wesentlichen unabhängig davon ist, was erkennende Subjekte (wie der Mensch) über sie denken. Beispielsweise gibt es Wasser unabhängig davon, ob Menschen es als solches bezeichnen oder ob es sich für sie nass anfühlt; es existiert nicht, weil jemand es als existent denkt. Manche Realisten vertreten darüber hinaus die These, dass es Aspekte der Welt gibt, die wir mit unserem Wahrnhemungs- und Denkapparat prinzipiell nicht erfassen können. Beide Annahmen kann man jedoch bestreiten. Zum einen kann man behaupten, dass es nichts gibt, worüber Menschen prinzipiell kein Wissen haben können. Zum anderen kann man jedoch auch der Ansicht sein, dass die Welt selbst nicht völlig unabhängig von uns als erkennenden Subjekten ist. Eine Form eines solchen Anti-Realismus ist der Konstruktivismus; er besagt, dass die Wirklichkeit zumindest in Teilen ein Produkt unserer kognitiven Prozesse ist. Die Wahrheit des Satzes „Es gibt Wasser“ ist demzufolge nicht unabhängig von der Tatsache, dass wir Wasser auf eine bestimmte Art und Weise wahrnehmen und sprachlich einordnen.

Online-Lexikon-Artikel
Konstruktivismus (Spektrum)
Dieser Lexikonbeitrag bietet eine kurze Begriffsbestimmung des Konstruktivismus und nennt verschiedene Spielarten dieser erkenntnistheoretischen Konzeption sowie ihre prominentesten Vertreter. Darüber hinaus wird auf verwandte Positionen hingewiesen: Foersters Kybernetik, Luhmanns Systemtheorie, Hakens Chaostheorie, die Kommunikationstheorie nach Watzlawik sowie Konzeptionen der Postmoderne.

Zum „Neuen Realismus“
Mit großem medialen Aufsehen machte in jüngster Vergangenheit Markus Gabriel von sich reden, der sich zusammen mit dem Italiener Maurizio Ferraris als einer der Begründer des „Neuen Realismus“ versteht. Dieser opponiert unter anderem gegen die Vorstellung, dass wir keinen Zugang zur Wahrheit/Wirklichkeit und keine Möglichkeit zur Freiheit hätten. Eine entsprechende Ideologie sieht Gabriel unter anderem in jener Spielart des Konstruktivismus verortet, die behauptet, unsere Angewiesenheit auf Sprache verzerre unseren Bezug zur Realität. Aktuell sei es vor allem der Neurokonstruktivismus, der im Gehirn den eigentlichen Akteur und Produzenten von Wirklichkeit lokalisiere.

  • Online-Podcast (22:48)
    Der „Neue Realismus“ in der Philosophie (BR)
    In diesem einführenden Podcast werden die Entwicklung und die Kernthesen des Neuen Realismus dargestellt. Dieser behauptet, dass wir einen Zugang zu den „Dingen an sich“ haben.
  • Online-Interview (Spiegel)
    Eine Reise durch das Unendliche (Romain Leick)
    In diesem Interview referiert Gabriel seine Kritik am Neurokonstruktivismus. Zudem expliziert er seine Grundthese: Alles existiere in so genannten „Sinnfeldern“; diese sind wirklich. Die Welt allerdings existiert nicht auf eine solche Weise. Wenn die Welt nämlich alles ist, was wirklich ist, und die Sinnfelder selbst wirklich sind, dann kann es kein Sinnfeld geben, in dem die Welt vorhanden ist. Daraus schließt Gabriel, dass es „die Welt“ nicht gibt. Diesen Gedanken entfaltet er im Detail in seinem Besteller Warum es die Welt nicht gibt.
  • Online-Artikel (ZEIT Online)
    Wir Verblendeten (Markus Gabriel)
    Dieser Beitrag der Zeit bietet eine vertiefende Darstellung der Position Gabriels, insbesondere seiner Argumente bezüglich eines „Neuen Realismus“, sowie der Ablehnung konstruktivistischer Vorstellungen.

Kritische Online-Artikel zum Neuen Realismus (ZEIT)
Nicht überall findet der Neue Realismus Zuspruch. Hier präsentieren wir zwei anspruchsvolle, aber pointierte kritische Positionen, die vor allem dem vermeintlichen Neuheitsanspruch des Neuen Realismus auf den Zahn fühlen.

  • Eine Nachhut möchte auf der Vorhut sein (Martin Seel)
    Martin Seel schließt mit seinem bissigen Beitrag die 7-teilige Reihe der Zeit zum Thema „Neuer Realismus“ ab. Wie der provokante Titel bereits nahelegt, kritisiert Seel den Neuen Realismus, indem er aufzeigt, dass dieser gar nicht so neu ist, wie er sich selbst versteht. Vielmehr gehört Seel zufolge ein Großteil der Gedanken des Neuen Realismus bereits zum tradierten Bestand der Philosophiegeschichte.
  • Radikale Mitte (Gregor Dotzauer)
    Verhalten äußert sich auch Gregor Dotzauer: Auch er führt überzeugend aus, dass der Neue Realismus den sprichwörtlichen „alten Wein in neuen Schläuchen“ verkaufen wolle. Außerdem konstatiert Dotzauer, dass Gabriel mit vielen der von ihm formulierten Thesen seinen vermeintlich anti-realistischen Gegnern näher stehe, als er selbst wahr haben wolle.

Online-Aufsatz (PDF, 70 S.)
Grundlagen des erkenntnistheoretischen Konstruktivismus (Stefan Frerichs)
Für alle, die sich ausführlich mit dem Konstruktivismus beschäftigen wollen, empfiehlt sich der Aufsatz von Stefan Frerichs. Hierbei handelt es sich um ein Kapitel aus seiner Dissertation, die sich mit konstruktivem Chaos und chaotischen Konstruktionen beschäftigt. Der Aufsatz ist zwar sehr umfangreich, aber aufgrund der übersichtlichen Gliederung in Unterkapitel lassen sich je nach Interesse einzelne Themenbereiche gezielt ansteuern.

Buchempfehlung mit Leseprobe
Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus (Fritz B. Simon)
Fritz B. Simon gilt als führender Vertreter der systemischen Therapie, einem psychotherapeutischen Verfahren, dem der radikale Konstruktivismus und die ebenfalls konstruktivistische Systemtheorie zugrundeliegen. Seine Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus darf man durchaus als Standardwerk bezeichnen. Der Band bietet auf rund 120 Seiten einen konzisen historischen und theoretischen Überblick.

Zusatzmaterialien zum Neurokonstruktivismus
Eine Spielart des Konstruktivismus, gegen die sich Markus Gabriel explizit wendet, ist der Neurokonstruktivismus. Dieser verortet den Konstruktionsprozess der Wirklichkeit im menschlichen Hirn. Der Neurokonstruktivismus ist eine gegenwärtig sowohl populäre als auch vielkritisierte wissenschaftliche Strömung. Die Annahme, das Gehirn sei der eigentliche Akteur bei der Konstruktion von Wirklichkeit, hat gravierende Konsequenzen hinsichtlich unserer Vorstellungen vom freien Willen und damit, so die Neurokonstruktivisten, auch bezüglich der Frage nach strafrechtlicher Schuldfähigkeit.
Mit Aspekten des Neurokonstruktivismus hat sich bereits das Zusatzmaterial zur Folge 07 („Treiben uns die Neurowissenschaften die Freiheit aus?“) befasst. Unter anderem finden Sie dort Informationen über neurowissenschaftliche Vorstellungen vom Bewusstsein und eine Zusammenstellung kritischer Positionen, die dem Neurokonstruktivismus sprachliche Fehlschlüsse unterstellen.

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2.4 … zweifelhafte Oppositionen?

Bezug Manuskript: S. 7, 11, 16; Bezug Audio: 07:16, 14:00, 20:55

Unsre Erkenntniß entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüths,
deren die erste ist, die Vorstellungen zu empfangen (die Receptivität der
Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen
Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe); durch die erstere
wird uns ein Gegenstand gegeben, durch die zweite wird dieser im Verhältniß
auf jene Vorstellung (als bloße Bestimmung des Gemüths) gedacht. […]
Keine dieser Eigenschaften ist der andern
vorzuziehen. Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben
und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt
sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft

Zur Philosophie Immanuel Kants
Die theoretische Philosophie Kants ist gleichermaßen Versöhnung wie Aufhebung des Konfliktes zwischen Empirismus und Rationalismus. So gestand er dem Empirismus zwar zu, dass die Sinne als notwendige Erkenntnisquellen anerkannt werden müssen. Allerdings lehnte Kant die empiristische Auffassung ab, die Welt wirke kausal auf die bloß passiv bleibenden Sinne ein und generiere so Erfahrung. Die Erscheinungen – also die Gegenstände der empirischen Anschauungen – sind dagegen zu begreifen als eine nur theoretisch von sinnlicher Empfindung zu trennende Einheit, die immer schon durch die Verstandesbegriffe und -kategorien geformt sind. Diese wohnen dem menschlichen Gemüt a priori, das heißt vor aller Erfahrung inne. Das ist Kants starkes Zugeständnis an den Rationalismus.

Online-Video (55:37)
Verstehen Sie Kant? (SRF)
Der renommierte Kant-Forscher und Frankfurter Philosophie-Professor Marcus Willaschek stellt seinen Zuhörern in diesem Interview aus der Fernsehreihe „Sternstunde Philosophie“ die wesentlichen Aspekte der Philosophie Immanuel Kants vor. Dabei geht Willaschek sowohl auf Kants theoretische und praktische Philosophie als auch auf seine Geschichtsphilosophie ein. Der historische Kontext, in dem sich das Denken des berühmten Königsbergers entfalten konnte, wird ebenfalls erörtert.

Zur Kausalität bei Kant
Im Zusatzmaterial zur Folge 06 („Unterschätzen wir den Zufall?“) findet sich nicht nur allgemeines Material zum Thema Kausalität, sondern auch zur Konzeption der Kausalität bei Kant. Kant zufolge können – entgegen dem Empirismus – nicht alle Vorstellungen ausschließlich aus der Erfahrung stammen, beispielsweise die Vorstellung von Naturgesetzen. Im Kontext von Kants Konzeption der Kausalität lässt sich die Transzendentalphilosophie des Königsbergers leichter nachvollziehen.

Online-Originaltext (Zeno)
Kritik der reinen Vernunft (Immanuel Kant)
Die Kritik der reinen Vernunft gilt vielen als Begründungsdokument der modernen Philosophie. Die erkenntnistheoretische Schrift ist aber nicht nur eines der bedeutendsten, sondern auch eines der am schwierigsten zu verstehenden Werke der Philosophiegeschichte. Wer sich mit diesem Klassiker auseinandersetzen will, findet unter obigem Link den vollständigen Originaltext. In der Vorrede und den Einleitungen legt Kant das Ziel und den Grundgedanken der von ihm begründeten Transzendentalphilosophie dar, die nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis fragt.

Online-Essay
Erkenntnistheorie und Biologie (Gerhard Vollmer)
Gerhard Vollmer, einer der Hauptvertreter der evolutionären Erkenntnistheorie, führt den Leser in diesem Essay in das Wirkungsfeld der Erkenntnistheorie ein. Zudem erläutert er die Verbindung zur Biologie, welche manchmal als Informationsquelle, manchmal als kritischer Gegenpunkt der Erkenntnistheorie fungiert. Vollmer verdeutlicht die Rolle der Erkenntnistheorie für weitere Forschungsfelder wie die Biologie und die Physik. Auch wird der Zusammenhang mit der Evolutionstheorie erläutert. Die nachfolgende Betrachtung der evolutionären Erkenntnistheorie eignet sich zur vertiefenden Lektüre. In einem weiteren Essay greift Vollmer die Argumente zur Evolutionären Erkenntnistheorie noch einmal auf.

Online-Essay (PDF, 16 S.)
Wittgenstein über Techniken des Sehens (David Lauer)
Ludwig Wittgenstein hat sich in seinem Spätwerk intensiv mit den Phänomen des Sehens auseinandergesetzt. Dabei ging es um die unterschiedlichen Verwendungsweisen des Wortes „Sehen“ und das Wahrnehmen sogenannter „Aspekte“. Dies hat Wittgenstein anhand von Vexierbildern illustriert. Diese Bilder können zwischen zwei Aspekten hin und her „kippen“. Dabei kann es sein, dass eine Person A in der Lage ist, beide Aspekte des Vexierbildes zu sehen, während eine Person B nur einen Aspekt wahrnehmen kann. Wie kann das sein? Wittgenstein schließt daraus unter anderem, dass das Sehen von Aspekten sowohl ein Sehen als auch ein Denken ist, das sich zwischen passivem Widerfahrnis und aktiver Involvierung des Subjekts bewegt. In seinem Aufsatz referiert der Philosoph David Lauer zunächst Wittgensteins Ausführungen zum Aspektsehen und stellt jenes anschließend als Zurückweisung der (und Alternative zur) Gegenüberstellung von Empirismus und Rationalismus vor.

Buchempfehlung
Der mentale Zugang zur Welt (Marcus Willaschek)
Die Beantwortung der Frage „Ist die uns vertraute Wirklichkeit von unserem Denken und Erkennen unabhängig?“ gilt als exemplarisch für die Diskrepanz zwischen Realismus und Antirealismus. Nach Marcus Willaschek beruht der Streit über diese Frage allerdings auf einem Missverständnis. Gegen antirealistische Einwände verteidigt Willaschek einen „direkten“ Realismus; er argumentiert für die Annahme einer denkunabhängigen und trotzdem mental zugänglichen Welt. Das Buch eignet sich für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Themenfeld des Realismus, auch und besonders im Hinblick auf aktuelle Debatten in der Philosophie.

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3. Personen

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Informationen zu den Interviewpartnern der Sendung und den einschlägigen Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte finden Sie in der folgenden Auflistung.

# Aristoteles
Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) gilt als berühmtester Schüler Platons. Er ist neben seinem Lehrer und dessen Lehrer Sokrates der dritte Philosoph, der der Phase der klassischen griechischen Philosophie zuzuordnen ist. Von König Philipp 343/342 an den makedonischen Hof gerufen, wurde Aristoteles zum Erzieher des später berühmten Herrschers Alexander, den er drei Jahre lang unterrichtete. Aristoteles beschäftigte sich mit allen für die zeitgenössische Philosophie relevanten Fragen. U. a. verfasste er wesentliche Werke zur Logik, Wissenschaftstheorie, Naturphilosophie, Poetik und zur Staatstheorie. Aristoteles’ bekanntestes moralphilosophisches Werk ist die Nikomachische Ethik. Die Moralphilosophie des antiken Philosophen gehört zu den glücksethischen Konzeptionen. Aristoteles vertrat nämlich die Auffassung, dass das Endziel des menschlichen Strebens die Verwirklichung eines guten (glücklichen) Lebens sei. An dieser Stelle lässt sich eine Verbindung zu den politischen Vorstellungen Aristoteles’ herstellen. Ein gelungenes Leben war für ihn nämlich nur möglich, wenn ein Mensch seine Tugenden und Fähigkeiten im Sinne der politischen Gemeinschaft, der Polis, zur Geltung brachte. In diesem Sinn versteht Aristoteles den Menschen als “zoon politicon”, als ein politisches Wesen, das auf die Gemeinschaft angewiesen ist. Ein Leben gemäß der Tugend bzw. der Tüchtigkeit galt Aristoteles als die zentrale Voraussetzung, um glücklich zu sein. Er entfaltete ein komplexes System unterschiedlicher Tugenden, die dem Menschen zugeordnet werden können, wie Charakter- und Verstandestugenden. Aristoteles konzipierte in seiner Politik als erster Philosoph eine Staatenlehre. Er unterschied sechs Staatsformen voneinander, drei positive, die das Wohlergehen (Glück) des Staatswesens befördern (Monarchie, Aristokratie und Politie) und drei, die als entartet eingestuft werden (Tyrannis, Oligarchie und Demokratie). Die Demokratie, als Herrschaft der vielen Armen und Freien, verurteilte Aristoteles, da sie den Wohlhabenden und Tüchtigen zum Nachteil gereiche.

# René Descartes
René Descartes (1596 – 1650) ist ein Vertreter des Rationalismus, der erkenntnistheoretischen Gegenposition zum Empirismus. Die wichtigsten Werke des französischen Philosophen sind die Abhandlung über die Methode, richtig zu denken (1637) und vor allem die berühmten Meditationen (1641), in denen Descartes den Versuch unternimmt herauszufinden, was man als Mensch sicher wissen kann. Um eine Antwort auf seine Ausgangsfrage zu finden, wendet Descartes den methodischen Zweifel an. Er hinterfragt zunächst alles, von dem er bisher glaubte, es sicher zu wissen. Insbesondere Erkenntnisse, zu denen wir mit Hilfe sinnlicher Erfahrungen gelangen, zweifelt Descartes an, da uns unsere Sinne häufig täuschen. So nehmen unseren Augen beispielsweise einen Strohhalm, den wir ins Wasser halten, als geknickt wahr. Mit seinem berühmten Cogito-Argument gelangt Descartes schließlich zu dem, was er als Fundament der Erkenntnis akzeptieren kann:

„Zweifellos bin also auch Ich […] so lange ich denke, ich sei etwas. Nachdem ich so alles genug und übergenug erwogen habe, muß ich schließlich festhalten, daß der Satz ‚ ‘Ich bin, Ich existiere’, so oft ich ihn ausspreche oder im Geiste auffasse, notwendig wahr sei.“ (II, 3)

Gerade indem Descartes sich als zweifelnd erfährt, muss er sich selbst als exisitierend annehmen. Damit glaubte er, einen verlässlichen Ausgangspunkt für alle weiteren Erkenntnisse gefunden zu haben. Nicht zuletzt mit seinem Cogito-Argument hat Descartes die Diskussionen der modernen Philosophie entscheidend beeinflusst.

# Wolfang Detel
Wolfgang Detel (* 1942) ist ein deutscher Philosoph und emeritierter Professor der antiken Philosophie und Wissenschaftstheorie. Er hatte zuletzt eine Professur zu diesen beiden philosophischen Schwerpunkten an der Goethe-Universität in Frankfurt inne. Er forscht besonders zur antiken Philosophie Plantons und Aristoteles’ sowie zur Philosophie des Geistes und zur Philosophie der Sprache. In seinem Werk Geist und Verstehen formuliert Detel eine zeitgemäße Interpretation der Geschichte der Hermeneutik. Darüber hinaus verfasste er einen fünfteiligen Grundkurs der Philosophie, der Philosophieinteressierten und Studienanfängern einen Einstieg in die wichtigsten Themengebiete ermöglicht.

# Markus Gabriel
Markus Gabriel (* 1980) ist ein deutscher Philosoph mit den Schwerpunkten Erkenntnistheorie sowie Philosophie der Neuzeit und Gegenwart. Seit 2009 hat er einen Lehrstuhl in Bonn inne und gilt damit als jüngster Philosophieprofessor Deutschlands. Er gilt als Gründer des Neuen Realismus, mit dem er gegen konstruktivistische Ansätze Opposition bezieht. Seine Grundgedanken machte er 2013 in seiner Publikation Warum es die Welt nicht gibt einer größeren Leserschaft zugänglich.

# Immanuel Kant
Immanuel Kant (1724 – 1804) gehört zu den prominentesten Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte. Er wurde am 22. April 1724 in Königsberg (heute Kaliningrad, Russland) als viertes von acht Kindern geboren. Während seiner Schulzeit erhielt er eine strenge religiöse Erziehung. Bereits mit sechzehn Jahren studierte er an der Königsberger Universität zahlreiche Fachgebiete, darunter Philosophie, Physik und Mathematik. Im Todesjahr seines Vaters (1746) unterbrach er das Studium und blieb bis zur Wiederaufnahme 1754 als Hauslehrer beschäftigt. Nach der Habilitation im Jahr 1755 erhielt er die Stelle eines Privatdozenten, u.a. für Logik, Metaphysik, Mechanik, Mathematik, Naturrecht, Pädagogik, Moralphilosophie und Theologie. Im Jahr 1770 wurde er nach einigen erfolglosen Bewerbungen auf den Königsberger Lehrstuhl für Logik und Metaphysik berufen. Fast sein ganzes Leben verbrachte Kant in seiner Heimatstadt, wo er am 12. Februar 1804 starb.
Zu Kants Hauptwerken zählen die Kritik der reinen Vernunft, die Kritik der praktischen Vernunft, die Kritik der Urteilskraft sowie die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.
In seiner Kritik der reinen Vernunft untersucht Kant die Grundlagen menschlicher Erkenntnisfähigkeit. Zu der Frage, wie es überhaupt möglich sei, einen Gegenstand zu erkennen, formuliert Kant eine neuartige Antwort:  Nicht der Mensch habe sich nach den Gegenständen zu richten, sondern die Gegenstände seien dem Erkenntnisvermögen des Menschen unterworfen. Dabei setzt er im Bemühen, zu einer sicheren Erkenntnis zu gelangen, zunächst auf die Erfahrung. Eine reine, von aller Erfahrung unabhängige Erkenntnis (a priori) sei nicht möglich.
Alle menschlichen Erfahrungen sind jedoch bestimmten Erkenntnisbedingungen unterworfen, denen Kant  in seiner Reflexion zu den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnissen nachgeht. So ist menschliche Erfahrung nur unter den Bedingungen von Raum und Zeit sowie nach der Maßgabe spezifischer Kategorien (Qualität, Quantität, Relation, Modalität) möglich. Diese Fundierung der menschlichen Erkenntnis im Erfahrungsbegriff mündet in die Destruktion der tradierten Gottesbeweise.

# John Locke
John Locke (1632 – 1704), ein vom Puritanismus beeinflusster englischer Philosoph gehört neben Berkley und Hume  zu den wichtigsten Vertretern des Empirismus. Er gilt als Vordenker der Aufklärung und des Liberalismus. Neben Hobbes und Rousseau zählt Locke außerdem zu den entscheidenden Vertragstheoretikern seiner Zeit. Zentrale Schriften Lockes sind: Epistula de tolerantia (Ein Brief über Toleranz), An Essay Concerning Human Understanding (Versuch über den menschlichen Verstand), Essays on the Law of Nature (Abhandlungen über das Gesetz der Natur) und Two Treatises of Government (Zwei Abhandlungen über die Regierung). Lockes politische Philosophie bildet die theoretische Grundlage für die Verfassung der Vereinigten Staaten sowie deren Unabhängigkeitserklärung.

# John McDowell
John McDowell (* 1942) ist ein südafrikanischer Philosoph, der nach einer zwanzigjährigen Lehrtätigkeit an der Universität in Oxford seit 1988 eine Professur in Pittsburgh inne hat. Seine Philosophie ist besonders durch Ludwig Wittgenstein, den amerikanischen Philosophen Wilfrid Sellars und Immanuel Kant beeinflusst. Mit seinem bekanntesten Werk Geist und Welt stellt sich McDowell in die erkenntnistheoretische Tradition Kants.

# Thomas Nagel
Thomas Nagel (* 1937) ist ein einflussreicher amerikanischer Philosoph, der Philosophie und Jura an der New York University lehrte. Seine Interessensgebiete reichen von der Erkenntnistheorie und der Philosophie des Geistes über die Ethik und die politische Philosophie bis hin zu allgemeinen Fragen über das gelingende Leben. Er ist bekannt für die Klarheit seiner Gedanken und die Zugänglichkeit seiner Werke. Sein Buch Was bedeutet das alles? gilt als eine der bekanntesten allgemeinen Einführungen in die großen philosophischen Fragen wie „Woher wissen wir etwas?“, „Wie hängen Körper und Geist zusammen?“, „Was bedeuten Wörter?“ und „Gibt es Willensfreiheit wirklich?“.

# Platon
Platon (427 – 347 v. Chr.) war ein Schüler von Sokrates. In zahlreichen seiner Werke beschäftigt Platon sich mit der Philosophie  seines Lehrers und der von diesem entwickelten Methode des sokratischen Dialogs (Mäeutik). Da Sokrates selbst keine Schriften hinterlassen hat, sind wir hinsichtlich der Kenntnisse über den Vater der klassischen antiken Philosophie und sein Denken auf Überlieferungen angewiesen, vor allem auf die Werke Platons und Xenophons. Sokrates Hinrichtung hat Platon tief erschüttert, wovon u.a. die Apologie des Sokrates zeugt.
Platon gilt als einer der einflussreichsten Denker des Abendlandes, der für die folgenden zentralen Bereiche der Philosophie grundlegende Positionen formuliert hat, mit der sich auch zeitgenössische Philosophen noch auseinandersetzen: Metaphysik (Platons Ideenlehre), Ethik (Lehre vom glücklichen Leben/Eudaimonia), Anthropologie, Staatstheorie (Politeia), Kosmologie, Kunsttheorie und Sprachphilosophie.
Bekannt ist Platon vor allem für seine Ideenlehre und das Höhlengleichnis. Seine Auffassung von Ethik beschreibt Platon mit Hilfe der Ideenlehre. Mit dem Begriff „Idee“, den Platon bei seiner Interpretation verwendet, bezieht er sich auf Ideen im Jenseits, die dauerhaft bestehen sollen. Die höchste Idee, die ein Mensch besitzen kann, ist die Idee des Guten. Jeder Mensch hat nach Platon eine unsterbliche Seele, die an der Idee des Guten teilhaben soll. Je mehr sie dieser Idee zustrebt, desto ethischer handelt sie. Es wird eine Form von einer moralischen Instanz gegründet, die darüber entscheidet, ob eine Handlung gut oder moralisch verwerflich ist. Die Seele und der Körper gelten bei Platon als zwei unabhängige Bereiche und der Körper hindert die Seele bei ihrem Aufstieg zum höchsten Gut und gilt deshalb als Hindernis zur Zielerreichung.
In seinem Buch Prozess und Realität bezeichnet Alfred North Whitehead alle philosophischen Bemühungen nach Platon als Fußnoten zu diesem.

# Hilary Putnam
Hilary Putnam (* 1926) ist ein amerikanischer Philosoph, der vor allem in den Bereichen Sprachphilosophie und Philosophie des Geistes tätig ist. Die Vorstellung von einem „Gehirn im Tank“ thematisiert er am Anfang seines Werkes Vernunft, Wahrheit und Geschichte.

# John Searle
John Searle (* 1932) ist ein US-amerikanischer Philosoph der seit über 50 Jahren in Berkeley lehrt. Seine Schwerpunkte sind Sprachphilosophie, Philosophie des Geistes und Sozialontologie. Er ist ein renommierter Vertreter der Sprechakttheorie von John L. Austin, die Sprache primär als eine praktische Tätigkeit behandelt. An der Weiterentwicklung der Sprechakttheorie war Searle maßgeblich beteiligt. In einer seiner neuesten Publikationen Wie wir die soziale Welt machen untersucht Searle, wie soziale Wirklichkeit als kollektive Praxis hervor gebracht wird.

# Martin Seel
Martin Seel (* 1954) hat seit 2004 die Professur für Theoretische Philosophie am Institut für Philosophie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main inne. Er ist Gründungsmitglied des Exzellenzclusters Die Herausbildung normativer Ordnungen („Normative Orders“) der Goethe-Universität und forscht in diesem Rahmen zu den folgenden Themen: Quellen moralischer Normativität, Rechtfertigungsnarrative: das Beispiel des gegenwärtigen Kinos und Gewalt und Gesetz im Kino. In seinem Buch Versuch über die Form des Glücks (1999) untersucht er, wie sich ein gutes Leben zu einem moralisch guten Leben verhält und kommt zu dem Schluss, dass die Begriffe des individuellen Guten und des moralisch Richtigen als voneinander abhängig verstanden werden müssen.

# Gerhard Vollmer
Gerhard Vollmer (* 1943) ist ein deutscher Physiker und Philosoph, der zuletzt von 1991 bis 2008 eine Professur für Philosophie an der TU Braunschweig inne hatte. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift Aufklärung und Kritik. Besondere Bekanntheit erlangte er durch seine Arbeiten zur evolutionären Erkenntnistheorie, welche die Entwicklung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit unter Bezug auf die Prinzipien und Lehren der Evolutionstheorie zu erklären versucht.

# Marcus Willaschek
Marcus Willaschek, der für die wissenschaftliche Betreuung des aktuellen Funkkollegs Philosophie verantwortlich ist, hat seit 2003 eine Professur für Philosophie der Neuzeit am Institut für Philosophie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main inne. Seit 2007 ist er außerdem Mitglied des Exzellenzclusters “Die Herausbildung Normativer Ordnungen” an der Goethe-Universität. Seine philosophischen Arbeitsschwerpunkte sind Kant, Erkenntnistheorie, Willensfreiheit und Verantwortung sowie Normativität. Aktuelle Buchveröffenlichungen sind Der mentale Zugang zur Welt und als Herausgeber Die Gegenwart des Pragmatismus.

# Ludwig Wittgenstein
Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) stammte aus Österreich und lehrte nach seiner Promotion von 1939 bis 1947 als Philosophieprofessor in Cambridge, wo er auch starb. Nach  Kriegsgefangenschaft veröffentlichte er 1922 den einflussreichen Tractatus Logico-Philosophicus, der mit dem berühmten Satz endet: “Wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen.“ Das Buch war ein zentrales Ausgangswerk für die sprachkritische Neuorientierung der Philosophie (den sogenannten linguistic turn), die auch Wittgensteins Philosophische Untersuchungen (1953)  erneut befruchtete. Seine Schriften gelten bis heute als schwer zugänglich und sind Gegenstand zahlreicher widerstreitender Interpretationen. Sein Lehrer Bertrand Russell nannte die Begegnung mit Wittgenstein eines seiner aufregendsten intellektuellen Abenteuer.

 

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4. Didaktik

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4.1 Curriculare Bezüge

Lehrplan Philosophie
Der Lehrplan Philosophie des Landes Hessen ist speziell für die Oberstufe konzipiert. Das Thema „Passen wir zur Welt?“ kann im Rahmen folgender Rahmenthemen aufgegriffen werden:

  • E2 Philosophische Anthropologie
  • Q2 Naturphilosophie (Natur & Mensch)
  • Q3 Natur und Geist

Lehrplan Ethik
Der Lehrplan Ethik schlägt zwei Rahmenthemen vor, in deren Kontext die Erarbeitung des Thema „Passen wir zur Welt oder machen wir uns die Welt passend?“ besonders gut realisiert werden kann:

  • Jahrgang 9: Menschenbilder II – Das Interesse an der Welt – Menschenbilder und ihre Ethik
  • Q 1 – Menschenbilder in Philosophie und Wissenschaft – Anthropologische Voraussetzungen verantwortlichen Handelns

4.2 Lern-Ressourcen

Online-Portal
Materialien zum Thema Erkenntnistheorie im Unterricht (Hamburger Bildungsserver)
Umfangreiche und vielfältige Unterrichtsmaterialien zum Thema Erkenntnistheorie stellt der Hamburger Bildungsserver zur Verfügung. Die folgenden thematischen Aspekte werden aufgegriffen: Erkenntnistheorie allgemein, Rationalismus, Empirismus, Konstruktivismus. Relevante Positionen der Philosophie werden vorgestellt, etwa von Platon, Descartes, Kant, Berkley und anderen.

Online-Reader (PDF, 56 S.)
Wahrheit und Erkenntnis (Hrsg. Klaus Görgen)
Einen umfangreichen Reader zum Thema Wahrheit und Erkenntnis hat der Fachverband Ethik im Rahmen einer Lehrerfortbildung veröffentlicht. Vexierbilder und optische Täuschungen können für den Themeneinstieg genutzt werden. Für eine differenzeirte Erarbeitung  stehen klassische philosophische Texte von Platon, Descartes, Locke, Hume, Kant, Nietzsche, Schopenhauer u.a. zur Verfügung. Darüber hinaus finden interessierte Lehrkräfte konkrete Übungsangebote, Literaturhinweise und anderen mehr.

Wiki
Erkentnistheorie (Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet)
Ein Wiki der Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet  zum Thema Erkenntnistheorie bietet zahlreiche und vielfältige Materialien an. Zu den Themen Antike, Rationalismus, Empirismus, Idealismus, Konstruktivismus u.a. können verschiedene Aspekte aufgerufen werden. Dazu werden jeweils weiterführende Links angeboten. Zu finden sind grundlegende Informationen zu den Autoren und ihren Positionen, relevante Originaltexte, die online zur abgerufen werden können, Begriffsdefinitionen, Link-Listen, vollständige Unterrichtsmaterialen und anderes mehr. Eine Fundgrube für interessierte Lehrerinnen und Lehrer!

Buchempfehlung
Wissenschaft und Welterkenntnis (Hrsg. Matthias Balliet, Volker Steenblock)
Das 2014 erschienene Arbeitsbuch bietet verschiedene Texte und schulische Arbeitsmaterialien zu den folgenden Schwerpunkten: Wissenschafts- und Erkenntnistheorie sowie Naturphilosophie. Lehrern werden eine systematische und historische Übersicht über das Thema sowie Umsetzungsmöglichkeiten für den Unterricht vorgestellt. Es werden Bezüge zum Philosophieren in der Sekundarstufe I und II und in der  Erwachsenenbildung sowie zur philosophischen Reflexion im Praxissemester (universitäre Lehrerausbildung) hergestellt.

Online-Video (2:15)
Matrix (kino.de)
Das weltweit bekannte Kino-Spektakel der Matrix-Trilogie greift zentrale Fragen der Erkenntnistheorie auf. Der Film, bei dem Andy und Larry Wachowski  Regie führten,  bezieht sich unter anderem auf Platons Höhlengleichnis und auf das Täuschergott-Gedankenexperiment Descartes’. In dem Oscar-prämierten Science-Fiction-Abenteuer erfährt der Protagonist Neo, dass er in einer von Computern animierten idyllischen Scheinwelt lebt, der Matrix. Die reale Welt ist durch die Folgen eines langen Krieges, den die Menschen gegen die Maschinen geführt haben, aus den Fugen geraten. Da die Maschinen die Menschen besiegt haben, müssen diese ihnen nun dienen. Die Menschen werden vor allem als Energiequellen instrumentalisiert. Sie werden in einer Art Legebatterie gehalten. Neo scheint der erwartete Auserwählte zu sein, der  die Menschheit retten soll. In seinem Kampf gegen die Matrix bewegt er sich beständig an der Grenze zwischen Realität und Fantasie.

Unterrichtsmaterialien zu Matrix:

  • Jörg Peters, Martina Peters, Bern Rolf: Philosophie im Film, Bamberg 2006
  • Volker Steenblock: Philosophieren mit Filmen, Tübingen 2013
  • Unterrichtsentwurf der Universität Leipig: Matrix im Gemeinschaftskundeunterricht

Arbeitsmaterialien (PDF, 14 S.)
Der Alltag der Matrix (Reiner Jungnitsch)
Als PDF-Datei stellt  Rainer Jungnitsch, ein Berufsschullehrer und Dozent der TU Darmstadt, anregende und weiter führende Arbeitsmaterialien für den Einsatz des Films Matrix im philosophischen Unterricht zur Verfügung. Es wird Bezug genommen auf Texte von/zu Kant, Putnam und Savater. Fertige Arbeitsblätter können genutzt werden. Darüber hinaus gibt es eine Liste mit hilfreichen Links zum Film und zum Problem des Erkennens der Wirklichkeit.

Weitere Empfehlungen und Arbeitsmaterialien zu Filmen, die um das Thema „simulierte Wirklichkeiten“ kreisen und die für den philosophischen Unterricht genutzt werden können, finden Sie unter den didaktischen Zusatzmaterialien zu den Folgen 05 Wissen und 07 Freiheit.

Folien/Tafelbilder
Erkennen-Wissen-Wahrheit (Reiner Jungnitsch)
Auf seiner Homepage stellt Jungnitsch verschiedene Materialien für den Ethik- oder Religionsunterricht zur Verfügung. Unter dem Stichpunkt „Glaube/Wissen“ findet man unter anderem Folien (PDF) zum Themenkomplex „Erkennen-Wissen-Wahrheit“. Sie können als Tafelbilder oder als anregende Impulse für den Unterrichtseinstieg genutzt werden.

  • Folie 1 greift die Frage auf: Wie erkennen wir etwas?
  • Folie 2 thematisiert den Unterschied zwischen meinen, glauben und wissen
  • Folie 3 präsentiert unterschiedliche Aussagen. Es wird die Frage gestellt, wie deren Wahrheitsgehalt überprüft werden kann
  • Folie 4 erläutert knapp drei Ebenen des Wissens

Online-Texte
Texte zum Neuen Realismus
Der Fachverband Ethik Baden-Württemberg stellt eine umfangreiche Auswahl philosophischer Texte zum Neuen Realismus vor. Hier finden sich kurze, übersichtliche Texte zeitgenössischer Philosophen wie Markus Gabriel, Thomas Nagel und Michael Hampe. Thematisch geht es im Kontext des Neuen Realismus um „Wahrheit, Wirklichkeit und Existenz“.

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