Zusatzmaterialien zur Folge 16

Haben wir Verantwortung
für historisches Unrecht?

Interessierte Hörerinnen und Hörer finden auf dieser Seite weiterführende Informationen zum Sendungsthema als Zusatzmaterial. Philosophische Neulinge und Fortgeschrittene erwarten ganz unterschiedliche Angebote zum Stöbern, Überfliegen oder Weiterdenken. Zeitmarkierungen erleichtern die  Bezüge zur Sendung für Lehrkräfte; Seitenangaben verweisen Multiplikatoren auf die Manuskripte.

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Die Materialien wurden zum Zugriffszeitpunkt 9.3.2015 erstellt von:
Judith Dieter, Kerstin Erlen, Dalila Truchan (Studierende)
Sebastian Boll, M. A.; Dr. des. Jakob Krebs; OStR i. H. Sabine Reh
Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main

 Inhalt

1. Perspektiven
– 1.1 Zur Erinnerungskultur
– 1.2 Philosophie und Nationalsozialismus ↓
2. Konzepte
– 2.1 Geschichtsbewusstsein
– 2.2 Die Schuld der Deutschen
– 2.3 Historische Verantwortung
– 2.4 Zum Umgang mit Geschichte
3. Personen
4. Didaktik

Tagxedo Unrecht

 1. Perspektiven

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Bei uns ist eine neue Generation in die politische
Verantwortung hereingewachsen. Die Jungen sind nicht
verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind
verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.
Richard von Weizsäcker

Die Rubrik „Perspektiven“ bietet zunächst einige allgemeine Hinweise auf die Relevanz des Sendungsthemas und seine philosophischen Hintergründe. Spezifische Erläuterungen folgen dann in der Rubrik „Konzepte“.

1.1 Zur Erinnerungskultur

Bezug Manuskript: S. 2, 17; Bezug Audio: 00:25, 19:42

Online-Lexikonartikel
Der Bundespräsident als deutsche moralische Instanz (Wikipedia)
Mit der Ausgestaltung des Amtes des deutschen Bundespräsidenten wurde 1949 ein Zeichen gesetzt für die Verantwortung, die die Deutschen für ihre Geschichte übernehmen. Der Abschnitt des Wikipedia-Eintrags erläutert die historischen Hintergründe. Der Bundespräsident ist trotz oder vielleicht gerade wegen seiner eingeschränkten politischen Machtbefugnisse eine moralische Instanz des deutschen Volkes geworden. „Ohne Erinnerung gibt es weder Überwindung des Bösen noch Lehren für die Zukunft“, so Roman Herzog 1996. Aber wie erinnern?

Online-Video (1:03)
Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz“
(
Deutscher Bundestag)
Am 27. Januar 2015, zum 70. Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, sagte Joachim Gauck in seiner Rede vor dem Bundestag: „Die Konfrontation mit den Verbrechen der Vergangenheit gehört zu einem Kernbestand deutscher Geschichtserzählung.“ Der Bundespräsident sprach aber auch von der Veränderung der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Zeitliche Distanz ermögliche neue Blickwinkel. Gauck ging dabei ebenfalls auf die spezifische Situation von in Deutschland eingewanderten Menschen mit anderen Haltungen ein. Er formulierte die Aufgabe für Gegenwart und Zukunft, sich jeder Ausgrenzung und Gewalt entgegenzustellen. Zum 70. Jahrestag der Bombardierung Dresdens am 13. Februar 2015 warnte er vor einem Relativieren der deutschen Kriegsschuld und einer Instrumentalisierung der Opfer. Diesem Thema widmet sich auch ein Artikel der Zeit über die „Relativierung deutscher Kriegsschuld“.

 

 

Gedenkstein für Ernst Binswanger
(Quelle: Wikimedia Commons)

Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Er gehört zur Geschichte dieses Landes. Und es bleibt etwas Spezifisches: Hier in Deutschland, wo wir täglich an Häusern vorbeigehen, aus denen Juden deportiert wurden, hier in Deutschland, wo die Vernichtung geplant und organisiert wurde, hier ist der Schrecken der Vergangenheit näher und die Verantwortung für Gegenwart und Zukunft größer und verpflichtender als anderswo.
Joachim Gauck

Projekt-Darstellung
Stolpersteine – Steine gegen das Vergessen
Laut Projektbeschreibung geht es dem Künstler Gunter Demning darum, die Identität der Opfer des NS-Regimes wieder sichtbar zu machen, nachdem ihre Namen in den Konzentrationslagern von einer Nummer ersetzt wurden. Ursprünglich war es lediglich ein künstlerisches Konzept, das angesichts der Anzahl der Opfer kaum realisierbar schien. Doch mittlerweile sind etwa 50.000 Stolpersteine in Deutschland und einer Vielzahl anderer Länder vor den letzten Wohnhäusern der Opfer verlegt worden. Auch in Frankfurt triftt man an vielen Stellen auf die Steine aus Messing. Eine Dokumentation findet sich unter stolpersteine-frankfurt.de und eine Sortierung nach Stadtteilen, Adressen und Namen der Opfer bietet diese Liste der Stolpersteine in Frankfurt am Main.

Online-Videos
„Ein Zeichen für die Bedeutung kollektiven
Erinnerns“
(ZDF Mediathek)
Mit dieser Überschrift fasst ZDF-Intendant Thomas Bellut das Programm des Auschwitz-Gedenktages zusammen. Das Besondere dieser Erinnerungsreihe ist ihre Multiperspektivität. Aus dem Blickwinkel von 60 Historikern, Autoren und Zeitzeugen wird der bürokratische „Apparat“ der Judenverfolgung und -vernichtung in Nazi-Deutschland beschrieben. Die zeitliche Distanz mit dem Zugriff auf bisher nicht zugängliche Archivquellen verändert auch den historische Blickwinkel auf das „hochkomplexe System“ des Holocaust. In der Mediathek des ZDF lassen sich die einzelnen Beiträge zum Thema weiterhin anschauen; Links finden sich im obigen Artikel. Zu den jeweiligen Sendungen gibt es auf dem Presseportal des ZDF ausführliche Informationen. In einer Scobel-Sendung (58:33) wird überdies gefragt, wie zukünftige Erinnerung aussehen könnte.

Zeitschriften-Artikel
Die letzten Zeugen (Spiegel)
Der Spiegel hat das Heft 5/2015 mit acht verschiedenen Titelbildern herausgebracht: Porträts von Ausschwitz-Überlebenden, die von Fotografen in den USA und in Israel aufgenommen wurden. Mehrere Artikel widmen sich diesen Zeitzeugen, die heute zwischen 80 und 101 Jahren alt sind. Die sehr persönlichen Berichte berühren, indem sie Bilder und Vorstellungen von etwas Unvorstellbarem entstehen lassen: der menschenverachtenden Maschinerie der Judenvernichtung im nationalsozialistischen Deutschland. Die einzelnen Artikel lassen sich im Inhaltsverzeichnis anklicken und nachlesen.

Buch-Empfehlung
Das Personenlexikon zum Dritten Reich (Ernst Klee)
„Wer war was vor und nach 1945″ – lexikalisch kurz dokumentiert der Soziologe und Sozialpädagoge Ernst Klee nüchterne Fakten zu 4.300 deutschen Biografien. Er beschreibt im Vorwort, wie mühsam er sich seinen Weg zur historischen Wahrheit durch die Archive bahnte und welche Widerstände er dabei zu überwinden hatte. Fast 25 Jahre recherchierte Klee in Justiz- und Forschungsakten. Die ZEIT schreibt in einem Online-Artikel dazu, dass das Erschreckende an der Dokumentation von Ernst Klee die Bestätigung der These ist, dass der mörderische Antisemitismus weniger eine spontane Bewegung benachteiligter Volksschichten war als vor allem ein Instrument der Führungs- und Bildungsschichten.

Buchempfehlung
Zum Holocaust im Comic
Maus. Die Geschichte eines Überlebenden von Art Spiegelman erzählt die Geschichte von Spiegelmans jüdischem Vater während der Herrschaft des NS-Regimes in Polen. In die Erzählstruktur werden auch aktuelle Reaktionen des Vaters und des Autors selbst eingeflochten, womit auch  gegenwärtige Auswirkungen des Erlebten reflektiert werden. Spiegelman schafft es, durch die Darstellung der Protagonisten als Tiere (Juden als Mäuse, Nationalsozialisten als Katzen, Polen als Schweine usw.) zugleich Distanz und Nähe zum Leser zu schaffen. 1992 bekam Art Spiegelman als erster Autor einer Graphic Novel den Pulitzerpreis. Die folgenden Quellen bieten einen kurzen Einblick:

  • Ein kurzes und anschauliches Interview der BBC mit dem Autor Art Spiegelman über seine Werke „Maus“ und „Meta-Maus“ auf Englisch findet sich hier (7:44).
  • Der ZEIT-Artikel „Aus die Maus“ berichtet anlässlich der Verleihung des Siegfried-Unseld-Preises an Art Spiegelman und bietet zugleich eine Retroperspektive über die Rezeption seines Werks „Maus“ in Deutschland.
  • Eine Rezension zu der Graphic Novel „Maus“ der Universität Berlin und des Deutschen historischen Museums findet sich hier.

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1.2 Philosophie und Nationalsozialismus

Bezug Manuskript: S. 9, 18; Bezug Audio: 09:35, 21:46

Der Schrecken des NS-Regimes mit seinen grausamen Folgen hat in der Philosophie zu einem intensiven Nachdenken über das Geschehene geführt. Zudem wurden im Nationalsozialismus viele Philosophie-Lehrende aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln oder politischen Einstellung entlassen und mussten aus Deutschland fliehen, unter anderem Hans Jonas, Hannah Arendt und Theodor W. Adorno.

Zu Martin Heidegger
Martin Heidegger war einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Mit seinem Werk Sein und Zeit (1927) legte er eine grundlegend neue Basis für die Ontologie, die das philosophische Denken bis heute beeinflusst. Heideggers Denken wird heute jedoch auch kritisch beurteilt, da er Mitglied der NSDAP und Befürworter des Hitler-Regimes war. Die Würdigung seiner Person wird in der Gegenwart kontrovers diskutiert. Der Video-Bericht des SWR „Martin Heidegger als Ehrenbürger?“ (2:29) und ein Portrait anlässlich von Martin Heideggers 125. Geburtstag bei der Deutsche Welle greifen die aktuellen Debatten auf, wie auch die folgenden Quellen:

  • Online-Video (3:47)
    Zur Bedeutung Heideggers (3sat)
    In einem kurzen Video spricht Gert Scobel mit den Experten Peter Trawny und Rüdiger Safranski über die Bedeutung Heideggers. Unter anderem wird erläutert, warum Heidegger mit seiner Frage nach „Sein und Zeit“ des Menschen die Philosophie des 20. Jahrhunderts entscheidend beeinflusste.
  • Online-Artikel (Die Welt)
    Zur aktuellen Debatte in den USA (Hannes Stein)
    Einerseits bedeutender Philosoph, andererseits Antisemit und überzeugter Nationalsozialist – am Beispiel Martin Heideggers wird auch die Frage um das Verhältnis von Philosophie und Geschichte laut. In einigen bisher unveröffentlichten philosophischen Schriften Heideggers finden sich antisemitische Äußerungen. Über deren Publikation und einen angemessenen Umgang wird nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA debattiert.

Zu Hannah Arendt
Die Philosophin Hannah Arendt war bei dem aufsehenerregenden Eichmann-Prozess (Artikel-Sammlung des Spiegel) in Israel persönlich vor Ort. Sie wollte der Zeitung The New Yorker vom Prozessgeschehen und der Urteilsfindung berichten. Vom Auftreten des ehemaligen SS-Obersturmbannführers während des Prozesses überrascht, charakterisierte Arendt in ihrem philosophischen Werk das „Böse“ neu. Es ist ihrer Auffassung nach nicht „dämonisch“, sondern durch „Banalität“ gekennzeichnet. Die Philosophin bezeichnete den 1962 zum Tode verurteilten Eichmann, der zu den wesentichen Organisatoren des Holocaust gehörte, als „Schreibtischtäter“, dessen Handeln schlichtweg der Gesetzestreue der Nationalsozialismus folgte. 1963 erschien Arendts Buch Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Es rief besonders in den USA und Israel langwierige Diskussionen und heftige Kritik auch von Freunden Arendts hervor, was die folgenden Quellen veranschaulichen:

  • Online-Artikel (Tagesspiegel)
    Hannah Arendt in der öffentlichen Diskussion (Bettina Stangneth, Victoria Hoffmann)
    Die Person Hannah Arendt stellt dieser ausführliche Artikel des Tagesspiegel vor. Eingebunden in den Online-Text ist ein Original-Video, das Filmaufnahmen eines Gesprächs zwischen Günter Gaus und Hannah Arendt. Unter anderem äußert sich die Philosophin in dem Beitrag zu ihrem Buch zum Eichmann-Prozess und den kritischen Stimmen dazu.
  • Webseite
    Hannah-Arendt-Preis
    Seit 1995 wird der Hannah-Arendt-Preis vergeben, dessen politischer und rechtlicher Träger der Verein Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken ist. Das Preisgeld stellen die Heinrich-Böll-Stiftung sowie die Stadt Bremen zur Verfügung. Mit der Auszeichnung werden Menschen geehrt, die sich durch ihre intellektuelle Tätigkeit oder ihr praktisches Handeln im Sinne Arendts für eine Belebung des öffentlichen Diskurses über strittige politische Fragen engagieren. Navid Kermani erhielt den Preis 2011; 2014 wurde der ukrainische Schriftsteller Jurij Andruchowytsch ausgezeichnet.
  • Online-Trailer
    Hannah Arendt – Ihr Denken veränderte die Welt
    Margarethe von Trotta drehte 2012 einen Spielfim über Hannah Arendt. Er wurde 2013 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. In dem Film geht es insbesondere um den Eichmann-Prozess und Arendts Zeitungsreportage dazu. In deren Kontext entwickelte die Philosophin die für viele provokante These von der Banalität des Bösen. „Ist das Böse wirklich banal?“, fragt dazu Thomas Assheuer in der Zeit; sein Artikel ist eine wohlwollende, aber auch kritische Würdigung des Trotta-Films, die sich besonders mit jener umstrittenen Auffassung des Bösen sowie ihrer Präsentation im Film beschäftigt.

Zu Hans Jonas
Die Erfahrungen von Auschwitz haben die jüdische Theologie nachhaltig beinflusst. Hans Jonas, der selbst aus Deutschland flüchtete und dessen Mutter im KZ Auschwitz ermordet wurde, beschäftigte sich mit dieser religionsphilosophischen Problematik. In seinem Buch Der Gottesbegriff nach Auschwitz setzte er sich vor dem Hintergrund des Holocaust insbesondere mit der Vorstellung der göttlichen Allmacht kritisch auseinander und motivierte außerdem viele weitere kritische Überlegungen:

  • Online-Portal
    Hans-Jonas-Zentrum
    Hans Jonas war nicht nur Religionsphilosoph, sondern beschäftigte sich auch mit Fragen des technischen Fortschritts und seinen Manipulationsmöglichkeiten sowie den möglichen fatalen Konsequenzen für Mensch und Welt. Eines seiner bekanntesten Werke ist  Das Prinzip Verantwortung, das 1979 erschien. Jonas behandelt darin moralphilosophische, bioethische Fragen und sieht den kategorischen Imperativ Kants im Hinblick auf diese zeitgenössischen Herausforderungen als nicht mehr ausreichend an. Er müsse durch die folgende Maxime ergänzt werden: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“

Literaturempfehlung
Magazin: Philosophie und Nationalsozialismus
Das Philosophie-Magazin hat eine Sonderausgabe zu einzelnen Philosophen und ihrem Verhältnis zum Nationalsozialismus und seinen Folgen herausgegeben und anschaulich bebildert. Online gibt es einen kleinen Einblick in das Magazin.

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2. Konzepte

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Die Rubrik „Konzepte“ greift zentrale philosophische Begriffe der Sendungen auf und verweist mit Hilfe kurzer Erläuterungen und Kommentare auf vertiefende Ressourcen wie Internet-Portale, Online-Videos und klassische Bücher. Auch hier kann nach eigenem Ermessen und Vorwissen übersprungen oder tiefer eingetaucht werden.

2.1 Geschichtsbewusstsein

Bezug Manuskript: S. 2; Bezug Audio: 00:25

Online-Interview (7:53)
Es geht nicht um Schuld,
es geht um Geschichtsbewusstsein
(Deutschlandradio Kultur)
In einem kurzen Interview macht der Historiker Norbert Frei deutlich: Es geht nicht um Schuld, es geht um Geschichtsbewusstsein. Unabhängig von Generationen ist die Kenntnis von Geschichte notwendig. Nicht nur Zeitzeugenschaft, sondern auch andere Formen der Erinnerung, wie die Dokumentation von Quellen, können helfen, Bewusstsein und Interesse zu wecken. Nur so kann sich die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Geschichte entwickeln.

Zum Geschichtsbewusstsein
Für „Geschichtsbewusstsein“ findet sich keine einheitliche Definition. In verschiedene Konzepte führt der Wikipedia-Artikel Geschichtsbewusstsein ein. Hier wird eingangs unterschieden zwischen Geschichtlichkeit und dem Bewusstsein der Zeitlichkeit. Der Begriff des Geschichtsbewusstseins hat jedoch insbesondere auch eine kulturpolitische Dimension. Der Artikel verweist auf weitere Begriffe wie Geschichtskultur und Geschichtsbild.

Online-Artikel (PDF, 8 S.)
Soziales und kollektives Gedächtnis (Aleida Assmann)
Der gut lesbare Beitrag von Aleida Assmann erklärt lebensnah die Unterscheidung der verschiedenen Begriffe des sozialen, kollektiven und kulturellen Gedächtnisses. Unter Punkt 4) untersucht Assmann am Beispiel des Holocaust-Gedächtnisses die Grenzen der Identität. Sie geht auf aktuelle Debatten wie die Diskussion um den kulturellen Universalismus ein, den sie anhand von Beispielen untersucht. Sie formuliert das Anliegen, in der Entwicklung von nationenübergreifenden Gedächtniskulturen die Grundlage für globale Menschenrechtspolitik zu schaffen. Hierzu empfiehlt sich auch der Artikel der taz „Kollidierende Gedächtnisse“ zu Assmanns 2013 erschienenem Buch Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur.

Buch-Empfehlung
Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (Astrid Erll)
Dieses Buch bietet eine interdisziplinäre Einführung zu den zentralen Kategorien von Gedächtnis und Erinnerung. Erll gibt einen Überblick über die Geschichte der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung. Sie beschäftigt sich ausführlich mit verschiedenen Aspekten von Erinnerungskulturen und benachbarten Begriffen wie „kollektive Identität“. Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis sowie eine Leseprobe finden sich auf den Verlagsseiten. Die Autorin ist Professorin am Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

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2.2 Die Schuld der Deutschen

Bezug Manuskript: S. 15; Bezug Audio: 18:00

Online-Artikel (PDF, 7 S.)
Karl Jaspers: Die Schuldfrage (Johann Jakob Grund)
Der Artikel veranschaulicht das Wirken von Karl Jaspers in der Nachkriegszeit. Autor Johann Jakob Grund hebt hervor, dass Jaspers der erste Nicht-Emigrierte war, der sich systematisch und philosophisch mit den Schrecken des Nationalsozialismus auseinandersetzte. Diesem Thema widmete sich Karl Jaspers insbesondere in seinem 1946 veröffentlichten Werk Die Schuldfrage.

Online-Artikel (ZEIT Online)
Karl Jaspers politische Schriften (Walter Hinderer)
Der Zeit-Artikel stellt anschaulich die verschiedenen politischen Schriften von Karl Jaspers vor. Dabei werden nicht nur einzelne Werke behandelt, sondern auch im historischen Kontext beleuchtet und in Bezug auf andere Philosophen wie Hannah Arendt, Jürgen Habermasund Immanuel Kant untersucht.

Interview-Transkript
Es gibt keine Kollektivschuld“ (Deutschlandfunk)
Alfred Grosser, geboren 1925 in Frankfurt, verließ 1933 mit seiner jüdischen Familie Deutschland und emigrierte nach Frankreich. Er, als Verfolgter und Widerstandskämpfer in der Resistance, erteilt der Idee der Kollektivschuld eine Absage, da er sie für zu unbestimmt hält. Eine weitere Stellungnahme von Alfred Grosser präsentiert die Zeitschrift Focus unter dem Titel „Die Rückkehr der Kollektivschuld“.

Online-Artikel (PDF, 40 S.)
Nationales Stigma und Kollektivschuld (Barbara Wolbring)
In einer differenzierten Darstellung setzt sich Barbara Wolbring mit der komplexen und schwierigen Debatte um den Begriff der Kollektivschuld im Kontext nationalsozialistischer Verbrechen auseinander. Sie bezieht den mythologisch-archaischen Begriff des Stigmas in ihre Überlegungen ein und interpretiert das Leugnen und „Beschweigen“ nationalsozialistischer Greueltaten als Abwehr eines Stigmas, welches sie als einen fundamentalen Verlust von Ansehen und Ehre deutet. Die Autorin erläutert, dass dieses archaische Verhaltensmuster überwunden werden müsse. Das Benennen und Anerkennen der historischen Schuld müsse im Sinne einer christlich-psychoanalytischen Haltung als wesentlicher Schritt zu einer Form der Heilung – die sie auch als Erlösung bezeichnet – angesehen werden, welche nur durch Vergebung erreicht werden könne.

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2.3 Historische Verantwortung

Bezug Manuskript: S. 5, 15; Bezug Audio: 03:26, 18:00

Online-Video (6:59)
Was ist Verantwortung? (ZEIT Akademie)
Dieses kurze Video ist dem Begriff der Verantwortung gewidmet. Julian Nida-Rümelin untersucht in dieser Folge seiner philosophischen Online-Vorträge, welche Formen von Verantwortung es gibt und wie Verantwortung mit Handlungen, Gründen und Freiheit zusammenhängt. Er stellt fest, dass Verantwortung in allen Kulturen und zu allen Zeiten als wichtiges moralisches Konzept vorkommt.

Online-Artikel (Neue Züricher Zeitung)
Historisches Unrecht begreifen (Holm Tetenz)
Der Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung führt in das Buch Verantwortung für historisches Unrecht von Michael Schefczyk ein. Im Diskurs ist es oft schwierig, Verbrechen adäquat zu beurteilen. Schefczyk meint, dass diese Schwierigkeit unter anderem darin liegt, dass wir Verbrechen zu individualisiert betrachten; das System des Verantwortungs- und Schuldindividualismus versagt, sobald man Schuldigkeit und Verantwortung nicht mehr einer kausal abhängigen Handlung zuordnen kann, wie es bei einem Kollektiv der Fall ist. Er ist allerdings auch der Meinung, dass die vorhandene große Dichte an moralischen Kriterien ausreichend ist, um kollektiv begangene Verbrechen angemessen zu beurteilen.

Online Video (56:01)
Verantwortung in einer komplexen Welt? (SRF)
In der Sendung Sternstunde Philosophie diskutiert Katrin Gentinetta mit dem Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann die Aufgaben und Grenzen von Verantwortung in der heutigen komplexen Welt. Denn Verantwortung zuzuschreiben ist meist nicht einfach und Verantwortlichkeit kann oft nicht eindeutig bestimmt werden. So gehen die Gesprächspartner beispielsweise Fragen nach wie: Kann man ein Abstraktum wie „die Politik“ für etwas verantwortlich machen kann? Haben Kollektive überhaupt eine Verantwortung? Mit dem Begriff der Verantwortung haben wir in unserem praktischen, alltäglichen Leben immer wieder zu tun. Liessmann meint, dass die Philosophie dazu beitragen kann, „Verantwortung“ als Begrifflichkeit zu klären und aufzuzeigen, welche anderen Begriffe mit der Verantwortung zusammenhängen. Außerdem weist er darauf hin, dass es im Laufe der Geschichte unterschiedliche Verwendungsweisen des Begriffs gab und uns damit aber auch eine Folie an die Hand gegeben wird, um festzustellen, worum es hier und heute geht, wenn wir von Verantwortung sprechen.

Online-Artikel (PDF, 29 S.)
Verantwortung neu denken (Dominik Heiß)
Dominik Heiß diagnostiziert in seinem Buch Verantwortung in einer modernen Gesellschaft, dass sich „Verantwortung“ zu einer Schlüsselkategorie im gesellschaftlichen Diskurs entwickelt hat. Er stellt allerdings dabei fest, dass die traditionelle Auslegung des Begriffs in der Gegenwart versagt. Heiß versucht nun ein neues, zeitgemäßeres Konzept der Verantwortung zu erarbeiten. In der hier vorliegenden Einleitung gibt er dem Leser einen Einblick in traditionelle Definitionen und Untersuchungen zum Verantwortungsbegriff und weist auf deren Schwächen hin.

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2.4 Vom Umgang mit Geschichte

Bezug Manuskript: S. 17; Bezug Audio 19:42

Die Stadt Frankfurt am Main ist untrennbar mit der wechselvollen Geschichte des jüdischen Lebens vor Ort verbunden. Viele jüdische Bürger mussten im Nationalsozialismus aus der Stadt flüchten. Die Geschichte der Frankfurter Juden reicht aber bis ins 15. Jahrhundert zurück; um 1462 wurden Juden in der „Judengasse“ ausgegrenzt und isoliert. Zahlreiche Orte bezeugen noch heute die Geschichte des jüdischen Lebens in Frankfurt. Die folgenden Quellen weisen exemplarisch auf, welche konkreten Formen des Umgangs mit Frankfurter Geschichte bestehen.

Webseite
Jüdisches Frankfurt
Auf dieser Seite werde Örtlichkeiten der Mainmetropole vorgestellt, an denen heute jüdisches Leben stattfindet oder an solches erinnert wird. Beispiele sind die beeindruckende Synagoge im Westend oder die Gedenkstätte Börneplatz.

Webseite
Leben vor und nach dem Holocaust
Das Portal stellt vielfältige Fotografien zum Thema „jüdisches Leben in Hessen“ zur Verfügung.  Zu den folgenden Themen können Bilder aufgerufen werden: „Familie“, „Arbeit“, „Schule und Ausbildung“, „Freizeit“, „religiöses Leben“, „öffentliches Leben“, „Album der Familien“, „Naziverfolgung“, „Reaktionen auf Naziverfolgung“ und andere mehr. „Schule und Tipps“ präsentiert insbesondere Hinweise zur Nutzung der bereitgestellten Materialien im schulischen Kontext. Darüber hinaus werden weiterführende Links und Literaturhinweise aufgeführt.

Website
Jüdisches Museum und Museum Judengasse
Das Museum Judengasse erinnert an das ab 1462 entstandene Ghetto, welches Juden lokal ausgrenzte und isolierte. Gemeinsam mit dem Jüdischen Museum bietet es Besuchern zahlreiche Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit dem Judentum und seiner Geschichte.

Online-Artikel
Geschichte der Goethe-Universität (Universitätsarchiv Frankfurt)
Das IG-Farben-Gebäude der Universität Frankfurt ist der ehemalige Firmensitz des Chemieunternehmens IG-Farben, welches im Nationalsozialismus für die Herstellung des Gases Zyklon-B verantwortlich war. Das ursprüngliche zur Schädlingsbekämpfung entwickelte Gift wurde zur Ermordung von Millionen von Juden genutzt. Heute sind in dem Gebäude die universitären Räume und Bibliotheken der Geisteswissenschaften verortet, unter anderem auch die Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie und das Fritz-Bauer-Institut. Zahlreiche Bildertafeln in den Gängen geben heute einen Einblick in die einstige Nutzung des Gebäudes.

Online-Artikel
Verlorene Denker (Universität Studieren Erforschen)
Die, sich mit der Zeit des Holocaust beschäftigende Spurensuche war die größte Herausforderung für das Projekt „Verlorene Denker“ zur Vertreibung jüdischer Professoren an der Frankfurter Universität. Studierende des Historischen Seminars produzierten in Kooperation mit dem Hessischen Rundfunk zum 100-jährigen Jubiläum der Goethe-Universität einen Radiobeitrag. Das Manuskript der knapp einstündigen Sendung lässt sich hier nachlesen. Ein kurzer Bericht über das Projekt findet sich auf Seite 29 einer Ausgabe des Unireports der Goethe-Universität.

Online-Artikel
Straßen-Umbenennung als Erinnerung (Goethe Universität Frankfurt am Main)
Vor kurzem wurden drei Straßen in direkter Umgebung der Goethe-Universität umbenannt, im speziellen der ehemalige Grüneburgplatz in Norbert Wollheim-Platz. Der ehemalige NS-Zwangsarbeiter Wollheim führte Anfang der 50er-Jahre erfolgreich einen Prozess gegen den Chemiekonzern IG-Farben. Zwei weitere Straßen erhielten die Namen der bedeutenden Frankfurter Denker Theodor W. Adorno und Max Horkheimer.

Online-Portal
Wie geht es weiter? – Wir sind dafür verantwortlich (ARD)
„Steine und Stacheldraht allein reichen nicht im Kampf gegen das Vergessen“ – zu diesem Ergebnis kommt Andrzej Kacorzyk. Er ist stellvertretender Direktor der Gedenkstätte Auschwitz und engagiert sich als Leiter des Internationalen Bildungszentrums zu Auschwitz und zum Holocaust. Derzeit wird die staatliche finanzielle Förderung für den Erhalt der dortigen Objekte eingesetzt. Projekte, Workshops und ähnliche Bildungsangebote für die folgenden Generationen können davon jedoch nicht unterstützt werden.

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3. Personen

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Informationen zu den Interviewpartnern der Sendung und den einschlägigen Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte finden Sie in der folgenden Auflistung.

# Hannah Arendt
Hannah Arendt (1906 – 1975) war eine deutsch-jüdische Philosophin. Sie studierte Philosophie bei Heidegger, Husserl und Jaspers, Theologie bei Bultmann, außerdem klassische Philologie. Vor Ihrer Emigration nach Frankreich zur Zeit des Nationalsozialismus arbeitete Arendt im Untergrund für die deutschen Zionisten. In Paris war sie maßgeblich für die zionistische Jugendarbeit verantwortlich, bevor sie 1941 in die USA flüchtete. Dort war sie zunächst für die deutschsprachige Zeitschrift Der Aufbau tätig. Später lehrte sie an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten Philosophie, unter anderem an der New School for Social Research in New York. In Was ist Politik greift Arendt Elemente der politischen Theorie Rousseaus auf. Das Dossier „Aus Politik und Zeitgeschichte“ der Bundeszentrale für politische Bildung widmet sich der Philosophin und ihren politischen Ideen anlässlich ihres hundertsten Geburtstags.

# Saaba Nur Cheema
Saaba Nur Cheema (* 1987) ist Projektleiterin in der Jugendbegegnungsstätte Anne Frank und Diplom-Politologin. Seit 2013 arbeitet sie in der Leitung des Bildungsprojektes „Kaum zu glauben – Religionen im Gespräch“. Außerdem war sie von 2010 bis 2011 mitverantwortlich für das Projekt „Kinderrechte – global und lokal“. 2004 nahm sie ihre Tätigkeit als Ausstellungsbegleiterin in der Jugendbegegnungsstätte Anne Frank auf. Außerdem ist sie freie Mitarbeiterin in der Menschenrechtsbildung bei Projekttagen zu „Rassismus, Rechtsextremismus, Zivilcourage und Zusammenleben.“

# Anne Frank
Anne Frank wurde 1929 in Frankfurt am Main geboren und starb 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen im Alter von 15 Jahren. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft musste sie 1933 mit ihren Eltern nach Amsterdam flüchten. Ab 1942 lebten sie dort versteckt in einem Hinterhaus, das noch heute zu besichtigen ist und nach ihr benannt wurde (Anne-Frank-Haus). Wie sie diese Zeit erlebte, beschrieb sie in ihrem Tagebuch, welches ihr Vater nach ihrem Tod veröffentlichte. Es ist bis heute das wohl berühmteste Beispiel für das Schicksal von Millionen von Juden, die Opfer des nationalsozialistischen Regimes wurden. Ein aktueller Spielfilm der ARD beschäftigt sich mit Anne Franks Schicksal.

# Martin Heidegger
Martin Heidegger (1889 – 1976) war ein deutscher Philosoph und Rektor der Freiburger Universität in der Zeit des Nationalsozialismus. Bekannt wurde Heidegger durch sein unvollendetes Hauptwerk Sein und Zeit (1927), in welchem er das menschliche „Dasein“ als ein „In-der Welt-Sein“ betrachtete; er legte damit eine grundlegend neue fundamentalontologische Basis. Heidegger studierte zunächst katholische Theologie, dann auch Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften in Freiburg. Besonders prägte ihn die Philosophie Edmund Husserls, bei dem er seit 1919 als Assistent angestellt war. In dieser Zeit lernte er auch Karl Jaspers kennen. Ab 1923 war Heidegger als Professor für Philosophie in Marburg tätig. 1933 wurde er Mitglied der NSDAP und unterhielt Bestrebungen, das politische System auch auf den universitären Kontext übertragen. Dennoch stand er in engem Kontakt mit der Jüdin Hannah Arendt, die von seinem Denken maßgeblich beeinflusst wurde. Heidegger gilt als einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts; dennoch wird sein Denken und Wirken hinsichtlich Antisemitismus und NS-Propaganda heute kritisch beurteilt und diskutiert. Thomas Assheuer setzt sich in seinem Artikel „Er spricht vom Rasseprinzip“ in der Zeit kritisch mit Heideggers Verhältnis zum Nationalsozialismus auseinander.

# Karl Jaspers
Karl Jaspers (1883 – 1969) ist einer der populärsten deutschen Philosophen der Nachkriegszeit. Nach der Machtübernahme durch Adolf Hitler wurde Jaspers die Lehrberechtigung entzogen, da er sich weigerte, sich von seiner jüdischen Ehefrau zu trennen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beteiligte er sich am Wiederaufbau des Heidelberger Universität. In dieser Zeit beschäftigte er sich kritisch mit der Haltung der Deutschen zum NS-Regime und wurde dafür selbst heftig kritisiert. In seiner Schrift Die Schuldfrage entwickelte er ein Konzept von Schuld, welches heute noch Einfluss auf politische Diskussionen hat.

# Michael Schefczyk
Michael Schefczyk (* 1967) studierte Philosophie, Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre an der Ludwigs-Maximilians-Universität München und der Universität Köln. Seit 2013 ist er Professor für praktische Philosophie an der Leuphana-Universität Lüneburg. In seinem 2011 erschienen Buch Verantwortung für historisches Unrecht systematisiert er in Anlehnung an Karl Jaspers‘ Werk Die Schuldfrage die Begriffe der Kollektivschuld und vor allem der moralischen Schuld. Außerdem geht er auf die Problematik der Wiedergutmachung von vergangenem Unrecht ein. Rezensionen zu dem Buch versammelt das Online-Kulturmagazin Perlentaucher.

# Céline Wendelgaß
Celine Wendelgaß (* 1985) ist in der Jugendbegegnungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main tätig. Sie studierte Soziologie und Erziehungswissenschaften. Seit 2008 ist sie Ausstellungsbegleiterin und seit 2009 Ausstellungskoordinatorin in der Begegnungsstätte.

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4. Didaktik

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Die Forderung, daß Auschwitz nicht
noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.
Theodor W. Adorno

4.1 Curriculare Bezüge

Bei der didaktischen Bearbeitung dieses Themas bietet sich eine fächerübergreifende Herangehensweise an.

Lehrplan Ethik:

  • 9G.3 – Recht und Gerechtigkeit III
  • Q2 – Vernunft und Gewissen
  • Q3 – Recht und Gerchtigkeit in Gesellschaft, Staat und Staatengemeinschaft: Gerechtigkeitsbezogene Begründungen verantwortlichen Handelns

4.2 Gedenkstättenpädagogik

Online-Artikel (SoWi Online)
Der Gedenkstättenbesuch (Susanne Popp)
Die Autorin Susanne Popp macht deutlich, dass im engeren Sinne der Gedenkstättenpädagogik nicht jede Erinnerungsstätte an die Verbrechen des Nationalsozialismus zugleich eine Gedenkstätte ist. Denn dafür bedarf es eines pädagogischen Angebotes, das den Besuch einer Gedenkstätte mit Schülerinnen und Schülern als Bestandteil der historischen und politischen Bildung zu gestalten erlaubt. Für die Jugendlichen überlagern sich verschiedene Ebenen: die Begegnung mit einer historischen Rekonstruktion, die Begegnung mit dem „Ungeheuerlichen“ (Adorno) und die Problematik eines gegenwärtigen deutschen Selbstverständnisses. Insbesondere die Entwicklung einer positiven kollektiven Identität aus einem „negativen Eigentum“ stellt eine große Herausforderung für jedwede deutsche Generation dar, erst recht für die Jugendlichen, denen der Bezug dazu über die Eltern- und Großelterngeneration schon weitestgehend fehlt. Hieraus erwächst die Wichtigkeit eines Gedenkstättenbesuches innerhalb der schulischen geschichtlichen und politischen Bildung für eine „Erziehung nach Auschwitz“.

Gedenktafel Konzentrationslager Buchenwald
(Quelle: Wikimedia Commons)

Webseite
Gedenkstätte Buchenwald
In der Gedenkstätte Buchenwald gibt es differenzierte Bildungsangebote, erarbeitet und unterstützt durch eine gedenkstättenpädagogische Abteilung. Bei einem Besuch mit Jugendlichen kann sich jeder davon überzeugen, wie die Grundsätze der Bildungsarbeit in der gedenkstättenpädagogischen Arbeit mit Leben erfüllt werden. Die verschiedenen Angebote, Geschichte erfahrbar zu machen, kommen den Interessen und Zugangswegen der jugendlichen Besucher entgegen. Informationen über Möglichkeiten für Gruppen und einen Überblick über angewandte Methoden vermitteln die Bildungsangebote der Gedenkstätte.

Webseite & Buchempfehlung
Verunsichernde Orte
Diese Webseite vom Pädagogischen Zentrum des Fritz-Bauer-Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt am Main informiert über Weiterbildungsangebote in der Gedenkstättenpädagogik. Die Print-Publikation Verunsichernde Orte (herausgegeben von Barbara Thimm, Gottfried Kößler und Susanne Ulrich und 2010 bei Brandes und Apsel erschienen) vereint in den Beiträgen verschiedene Aspekte der Gedenkstättenpädagogik. Auf der Publikationsseite findet sich auch das Inhaltsverzeichnis. Herausgegriffen seien hier der Beiträge von Kößler „Der Gegenwartsbezug gedenkstättenpädagogischer Arbeit“ und von Oliver von Wrochem „Geschichtsnarrative und reflexives Geschichtsbewusstsein im Bildungsprozess“. Ergänzend dazu stellt ein Schaubild auf den Seiten der Universität Mainz Bezüge zwischen der Entwicklung des Geschichtsbewusstseins und  Kompetenzen im Geschichtsunterricht her.

Zum pädagogischem Umgang mit dem Holocaust
Die folgenden Quellen liefern Beiträge zu der Frage, wie thematische Vermittlung insbesondere gegenüber Kindern und Jugendlichen im Lichte der deutschen Geschichte gestaltet werden kann.

Buchempfehlungen:

  • Gautschi, Peter (2012): Geschichte lehren. Lernwege und Lernsituationen für Jugendliche. 5. Auflage. Zürich: Schulverlag plus AG
  • Gautschi, Peter (2009): Guter Geschichtsunterricht. Grundlagen, Erkenntnisse, Hinweise. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag

4.3 Filme im Unterricht

Buch-Empfehlung
Philosophie im Film (Jörg Peters, Martina Peters, Bernd Rolf)
Das Filmangebot zum Holocaust ist in vielerlei Hinsicht überwältigend. Daher ist eine gute didaktische Vorbereitung besonders wichtig. Auf den bei Buchner erschienenen Band Philosophie im Film wurde in den didaktischen Zusatzmaterialen zu Sendung 05 bereits verwiesen. Unter dem Themenkreis „Verantwortliches Handeln“ stellen die Autoren die Filme Jakob der Lügner und Schindlers Liste als Unterrichtsprojekte vor. Die Aufgaben für die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich mit Kants Moralphilosophie und auch Schopenhauers Grundlagen der Moral. Im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Film Schindlers Liste kann der Online-Artikel des Focus „Letzter Überlebender von Schindlers Liste“ genutzt werden. Im Kontext der Filmanalyse von Jakob der Lügner bietet es sich an, den DDR-Film von 1975 mit der Hollywood-Verfilmung von 1999 zu vergleichen.

Online-Video (2:53)
Nackt unter Wölfen
Dieser Trailer bietet Einblick in den gleichnamigen Film, der wichtige Aspekte des Geschichtsbewusstseins thematisiert. Es handelt sich um die Neuverfilmung von Bruno Apitz‘ Roman Nackt unter Wölfen. In die Planung der Dreharbeiten flossen grundlegende Erkenntnisse der historischen Forschung mit ein. Im Gegensatz zur Erstverfilmung konnten so einseitige Darstellungen wie die der DDR-Propaganda vermieden werden. Der neue Film wurde in der ARD ausgestrahlt.

Webseite
Online-Materialien der bpb
Auf einer speziellen Seite stellt die Bundeszentrale für politische Bildung ihre Filmhefte zur Verfügung. Jeweils ein Heft beschäftigt sich mit einem besonderen Film. Es werden Hintergrundinformationen und weiterführende Materialien zur Verfügung gestellt, die für den Unterricht genutzt werden können.

  • Einige der Filmhefte beschäftigen sich mit Filmen, die zu dem hier behandelten Thema gut passen: Ghetto, Sophie Scholl – Die letzten Tage, Der neunte Tag, Leni muss fort.
  • Geheimsache Ghettofilm: Hier bietet die bpb ein Angebot für die Sekundarstufe II. Der Dokumentarfilm dient der Auseinandersetzung mit der NS-Propaganda und dem verantwortlichen Umgang mit historischen Quellen. Darüber hinaus wird für die Lehrenden didaktisches Material für drei Unterrichtsmodule zur Verfügung gestellt.

Online-Materialien (PDF, 32 S.)
Begleitmaterialien zu Hannah Arendt (Cornelia Hermann)
Auf der offiziellen Webseite zum Spielfilm Hannah Arendt (siehe 1.2) stehen umfangreiche Materialien für die schulische und außerschulische Bildung bereit. Das PDF enthält Hintergrundinformationen zu den historischen Figuren des Films, zeichnet den Eichmann-Prozess und den folgenden Aufruhr um Arendts These der Banalität des Bösen nach und ergänzt dies schließlich mit vielfältigen Aufgabenstellungen für den Unterricht. Die Materialien sind zur Verwendung ab der 10. Klasse empfohlen.

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