Zusatzmaterialien zur Folge 09

Ist Sterben Privatsache?

Interessierte Hörerinnen und Hörer finden auf dieser Seite weiterführende Informationen zum Sendungsthema als Zusatzmaterial. Philosophische Neulinge und Fortgeschrittene erwarten ganz unterschiedliche Angebote zum Stöbern, Überfliegen oder Weiterdenken. Zeitmarkierungen erleichtern die  Bezüge zur Sendung für Lehrkräfte; Seitenangaben verweisen Multiplikatoren auf die Manuskripte.

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Die Materialien wurden zum Zugriffszeitpunkt 19.1.2015 erstellt von:
Kevin Charles Bornath, Hannah Fuchs, Leonore Havemann (Studierende)
Sebastian Boll, M. A.; Dr. des. Jakob Krebs; OStR i. H. Sabine Reh
Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Inhalt

1. Perspektiven
– 1.1 Aktuelles zur Sterbehilfedebatte
– 1.2 Klassische Perspektiven auf den Tod
2. Konzepte
– 2.1 Tod
– 2.2 Sterben
– 2.3 Suizid
– 2.4 Sterbehilfe
3. Personen
4. Didaktik

Tagxedo Sterben

1. Perspektiven

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Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an.
So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts:
Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr.
Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die Gestorbenen,
denn wo jene sind, ist er nicht, und diese sind ja überhaupt nicht mehr da.

Epikur

Epikurs Argument, dass der Tod uns nichts angeht, scheint zunächst einzuleuchten. Denn unser Tod ist ja nur da, wenn wir es nicht sind. Aber dennoch ist der Tod stets um uns. Geliebte Menschen sterben, wir trauern, und irgendwie haben wir doch das Gefühl, dass der Tod uns etwas nimmt. Was der Tod selbst eigentlich ist, bleibt das große Unbekannte, das jeden irgendwann erwartet. Doch auch wenn wir nicht wissen, was der Tod ist, so wollen wir doch ein gewisses Maß an Kontrolle über den Prozess des Sterbens haben, der in dieses Ungewisse führt. Fragen der Autonomie und Würde geraten hier in Konflikt mit dem Wert des Lebens und ethischer Verantwortung. Aktuell ist vor allem die Debatte um Sterbehilfe ein Ausdruck dieser Problematik. Aber auch Rufe nach einer neuen Sterbekultur, in der würdevolles Sterben möglich sein soll, werden laut.

Die Rubrik „Perspektiven“ bietet zunächst einige allgemeine Hinweise auf die Relevanz des Sendungsthemas und seine philosophischen Hintergründe. Spezifische Erläuterungen folgen dann in der Rubrik „Konzepte“.

1.1 Aktuelles zur Sterbehilfedebatte

Bezug Manuskript: S. 4, 13; Bezug Audio 2:40, 15:40

Sterbehilfe
Sterbehilfe bezeichnet zum einen Unterstützung und Hilfe beim Sterben, zum anderen die aktive Tötung schwerkranker oder sterbender Menschen. Die Fragen „Wann darf ein Mensch sterben?“ und „Wer darf darüber auf welcher Grundlage entscheiden?“ werden im Rahmen der Debatte um das Für und Wider der Sterbehilfe ausführlich und kontrovers diskutiert. Die Bundeszentrale für politische Bildung bietet hier eine Einführung zum Thema Sterbehilfe von Ralf J. Jox an. Er stellt verschiedene Formen der Sterbehilfe – passive, aktive, indirekte Sterbehilfe und assistierte Selbsttötung – vor, geht dabei auf die praktische Bedeutung ein, behandelt die deutsche Rechtslage und diskutiert die damit einhergehenden ethischen Fragen.

Autonomie
Der Begriff „Autonomie“ kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus „autos“ („selbst“) und „nomos“ („Gesetz“) zusammen. Mit Autonomie ist für gewöhnlich ein Zustand der Selbstbestimmung, Unabhängigkeit oder Entscheidungsfreiheit gemeint. Insbesondere in Kants Ethik spielt die Autonomie des Willens (der nur durch die Vernunft bestimmt wird) eine entscheidende Rolle. Andere Theorien wie die von Nietzsche, Marx, Freud oder dem Behaviorismus stellen die Autonomie des Menschen grundlegend in Frage.
Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert Autonomie vor allem in juristischer Hinsicht. Hier bedeutet Autonomie das Recht einer Person auf Regelung der eigenen Rechtsverhältnisse. In Bezug auf Sterbehilfe oder auch Suizid stellt die Selbstbestimmung des Menschen einen unabdingbaren Aspekt dar. Wird angenommen, dass der Mensch frei über sich bestimmen kann, sein Wille autonom ist, so spräche dies auch dafür, dass er über sein Leben und seinen Tod entscheiden kann. Andererseits kann angezweifelt werden, ob der Mensch tatsächlich autonom sein kann, wenn er doch in Gemeinschaft lebt und von seiner Umgebung beeinflusst wird. Auch die Tatsache, dass es sich bei der Sterbehilfe um Hilfe von anderen handelt, die wiederum ihre Handlungen rechtfertigen müssen, macht den Menschen abhängig und verkompliziert die Debatte.

Sterbebegleitung
Sterbebegleitung bedeutet in erster Linie, einem Sterbenden Beistand zu leisten. Dies kann durch seelsorgerische, pflegerische sowie medizinische Betreuung realisiert werden. Ein Hospiz unterstützt die Menschen beim Sterbeprozess und versucht, das Lebensende so gut wie möglich zu organisieren und zu gestalten. „Geht vom Hospiz eine neue Sterbekultur aus, wie Hospizvertreter immer wieder behaupten und fordern?“, fragt Stefan Dreßke in seinem Artikel „Sterbebegleitung und Hospizkultur„. Der Artikel gibt einen Überblick über den historischen Hintergrund und die Entwicklung des Hospizes, geht dabei auf kulturelle Aspekte ein, schildert ein Fallbeispiel und erklärt die Organisation von Sterbeverläufen.

Würde
Viele Menschen haben Angst, würdelos zu sterben, und oftmals wird der aktuelle Umgang mit schwerkranken oder pflegebedürftigen Menschen ebenso beschrieben. Doch was ist Würde eigentlich? „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – so fordert es das Grundgesetz. Unantastbar meint, dass einem jeden Menschen das Recht auf seelische wie körperliche Unversehrtheit zusteht. Dieses Recht, welches jedem Menschen unabhängig seiner Ethnie zukommt, findet sich bereits beim römischen Philosophen Cicero, welcher dem Menschen aufgrund seiner Vernunftbegabung eine gesonderte Stellung zuschreibt. Einem ähnlichen Prinzip folgt der christliche Gedanke, den Menschen als ein Ebenbild Gottes zu begreifen. Durch seine Beziehung zu Gott gebühre jedem menschlichen Leben Anerkennung. Jeder Mensch sollte uneingeschränkt und autonom in seinem Handeln und Denken sein dürfen. Immanuel Kant konkretisierte diese Forderung, indem er den Menschen zu einem Selbstzweck erhob. Diese Forderung verlangt, dass Menschen im Umgang miteinander den Anderen niemals als Mittel zum Zweck degradieren. Stattdessen sollten alle Handlungen das Wohlergehen der Mitmenschen berücksichtigen. Der Bayerische Rundfunk bietet hier zur Definition des Begriffes „Würde“ einen umfassenden Audio-Beitrag, der die Entwicklung des Begriffs und seine Ambivalenzen aufzeigt.

Altruismus
Der Begriff „Altruismus“ leitet sich vom französischen „altruisme“ („Nächstenliebe“) und dem lateinischen „alter“ („der Andere“) ab. Kennzeichnend im Handeln und Denken ist demnach die Rücksicht auf andere, die Selbstlosigkeit und die Uneigennützigkeit. Nicht das eigene Wohl und der eigene Nutzen sind entscheidend (dies wäre Egoismus), sondern die Gemeinnützigkeit und das Wohl der anderen. Der französische Philosoph Auguste Comte forderte erstmals den Altruismus als „sittliche Maxime“ – „für den anderen leben“ sollte dabei als Lebensmotto gelten. Gian Domenico Borasio hat untersucht, wie sich die Wertevorstellungen von Sterbenden hin zum Altruismus ändern. Zum einen zeigt dies laut Borasio, was wirklich wichtig ist im Leben, nämlich die Beziehungen zu anderen Menschen. Zudem führt dies aber auch dazu, dass Sterbende die Bedürfnisse anderer höher werten als die eigenen. Daraus kann die Gefahr entstehen, dass Sterbende aus Rücksicht auf andere, denen sie keine Kosten oder Mühen verursachen wollen, Sterbehilfe fordern.

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1.2 Klassische Perspektiven auf den Tod

Bezug Manuskript: S. 1, 12; Bezug Audio 0:30, 14:40

Doch jetzt ist es Zeit fortzugehen:
für mich, um zu sterben, für euch, um zu leben.
Wer von uns dem besseren Los entgegengeht,
ist uns allen unbekannt – das weiß nur Gott.

Sokrates (nach Platon)

Online-Text (textlog.de)
Die Apologie des Sokrates (Platon)
Dieser berühmte und gut verständliche Text enthält Sokrates‘ Verteidigungsrede, in welcher er sich vor Gericht gegen den Vorwurf verteidigt, die Jugend Athens mit seiner Philosophie zu verderben. Sokrates‘ Verteidigung scheitert und er fügt sich seinem Schicksal. Im Angesicht seines bevorstehenden Todes stellt er die Frage, ob der Tod überhaupt etwas sei, vor dem man sich fürchten müsse.
Auch Platons Phaidon (Online-Text) ist von herausragender Bedeutung, wenn es um das Thema Tod geht. Hier stellt Sokrates eine Theorie von der Unsterblichkeit der Seele vor. Sokrates zufolge lernt der Mensch durch das Philosophieren, sich immer mehr auf seine Geistlichkeit zu besinnen. Dadurch beginnt ein Prozess der Loslösung der Seele vom Körper. Im Tod kann sich die Seele dann vom Körperlichen befreien. Entsprechend hat der Tod hier eine durchaus positive Konnotation.

Online-Text (Uni Saarland)
Brief an Menoikeus (Epikur)
Im Brief an Menoikeus spricht sich Epikur gegen eine Angst vor dem Tod aus, da diese unbegründet sei. Für Epikur ist der Tod das Ende der Wahrnehmung und das Ende vom Leid. Deshalb „geht [der Tod] uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr“.

Online-Text (The Montaigne Project; französisch)
Les Essais (Michel de Montaigne)
Wer des Französischen mächtig ist, kann bei „The Montaigne Project“ Montaignes berühmte Essays im Original lesen. In dem Essay „Philosophie heißt sterben lernen“ (Que Philosopher C’Est Apprendre à Mourir) erläutert Montaigne, dass das Ziel des Lebenslaufes der Tod ist und er uns deshalb etwas angehen muss. Durch die Beschäftigung mit dem Tod könne man dem Tod jedoch seine „furchtbare Fremdartigkeit“ nehmen und sich auf das Sterben vorbereiten. Durch das „Sterben lernen“ befreie sich der Mensch von aller Unterwürfigkeit und allem Zwang. Eine frei verfügbare englische Version des Essays gibt es auf der Seite der Oregon State University.

Online-E-Book (PDF, 173 S.)
Tractatus logico-philosophicus (Ludwig Wittgenstein)
„Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Er ist keine Tatsache der Welt“, schreibt Ludwig Wittgenstein in dieser logisch-philosophischen Abhandlung und folgert daraus, dass nur derjenige ein glückliches Leben führen könne, der in der Gegenwart lebe und den Tod nicht fürchte – denn für das Leben in der Gegenwart existiere kein Tod. Der Philosoph versucht somit analytisch aufzuzeigen, wie grundlegende Probleme und Fragestellungen auf „dem Mißverständnis der Logik unserer Sprache“ beruhen. Leben und Tod könnten schließlich nur sprachlich koexistieren, weil ihre Wesen sich gegenseitig ausschließen – und: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“.

Audio-Podcast (23:00)
Die Frage nach Sein und Zeit (Bayerischer Rundfunk)
Im Radiobeitrag des Bayerischen Rundfunks wird Martin Heideggers bekanntes und komplexes Werk Sein und Zeit auf verständliche Weise vorgestellt. In diesem Werk widmet Heidegger sich im zweiten Kapitel den Grenzen des Daseins und damit einhergehend dem „Sein zum Tode“. Heidegger untersucht den Tod im Hinblick auf das Sein, im Sinne von Dasein oder In-der-Welt-sein. Sterben bedeutet für ihn das „Zu-Ende-kommen des Daseins“. So fragt er in seiner Abhandlung: „Besagt Sterben nicht Aus-der-Welt-gehen, das In-der-Welt-sein verlieren?“ Den eigenen Tod erlebt man demnach nicht, der Tod kann nur durch den Verlust anderer objektiv erfasst werden. Es ist den Lebenden, den Seienden, auch schlicht unmöglich, das Sterben durch den Tod anderer nachzuvollziehen. „Der Tod enthüllt sich zwar als Verlust, aber mehr als solcher, den die Verbleibenden erfahren. Im Erleiden des Verlustes wird jedoch nicht der Seinsverlust als solcher zugänglich, den der Sterbende ‚erleidet‘. Wir erfahren nicht im genuinen Sinne das Sterben der Anderen, sondern sind höchstens immer nur ‚dabei‘.“ Heidegger beschreibt den Tod als existenziales Problem.

Online-Text (PDF, 9 S.)
Death (Thomas Nagel)
Wenn der Tod nur da ist, wenn wir es nicht sind, warum sollte er ein Übel sein? Er kann nicht intrinsisch schlecht sein, wie ein Schmerz, denn der Mensch wäre nicht mehr da, um diesen Schmerz zu spüren. Und dennoch fürchten wir den Tod und sehen ihn als Übel an. Eine Antwort auf die Frage, warum dies so ist, gibt Thomas Nagel. Er meint, dass der Tod immer ein Übel ist, da er uns der möglichen, guten Dinge und Erfahrungen des Lebens beraubt. Er ist also im Vergleich zu dem, was wir haben könnten (Leben), schlecht. Einen umfassenden Einblick in die Argumentation und etwaige Gegenargumente bieten hier auch die Yale-Vorlesung von Shelly Kagan und der Beitrag von Steven Luper in der Stanford Encyclopedia of Philosophy.

Online-Text (PDF, 6 S)
Brief an Lucilius über den Freitod (Seneca)
Leicht verständlich verteidigt der römische Philosoph Seneca in seinem Brief an Lucilius den Freitod und beschreibt Szenarien, in denen es sogar ehrenvoll sei, sich selbst zu töten. Er spricht sich dabei vor allem für ein selbstbestimmtes Leben und Ableben aus. Das bedeutet für Seneca jedoch auch, dass der Freitod aus Todesangst verwerflich bleibt, da man die eigene Autonomie aufgibt und sich der Bestimmung durch andere ergibt und ihnen womöglich sogar vorgreift.

Online-Aufsatz (Uni Duisburg, 6 S.)
Von der Selbstentleibung (Immanuel Kant)
Philosophisch anspruchsvoller setzt sich
Immanuel Kant in diesem Aufsatz mit dem Freitod und der moralischen Pflicht zur Selbsterhaltung auseinander. Kant spricht sich in der Metaphysik der Sitten explizit gegen die „Selbstentleibung“ aus – vor allem gegen diejenige aus „Lebensüberdruss“. In der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten geht Kant nicht nur auf die Pflicht ein, die ein Individuum sich selbst gegenüber hat, sondern weist auch darauf hin, dass andere Menschen durch den Tod betroffen sind. Dies ist besonders im Kontext der Sterbehilfedebatte ein interessanter Aspekt, den es zu berücksichtigen gilt.

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2. Konzepte

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Die Rubrik „Konzepte“ greift zentrale philosophische Begriffe der Sendungen auf und verweist mit Hilfe kurzer Erläuterungen und Kommentare auf vertiefende Ressourcen wie Internet-Portale, Online-Videos und klassische Bücher. Auch hier kann nach eigenem Ermessen und Vorwissen übersprungen oder tiefer eingetaucht werden.

2.1 Tod

Bezug Manuskript: S. 2, 18; Bezug Audio 1:40, 22:10

Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Er ist keine Tatsache der Welt.
Ludwig Wittgenstein

Online-Text
Antike Philosophie und der Tod
Auf der Homepage des Deutschen Altphilologenverbands findet sich eine Übersicht von Ansichten antiker Philosophen zum Tod, verfasst von Stefan Büttner-von Stülpnagel. Darin werden unterschiedliche Deutungen des Todes reflektiert und mit Begriffe der Unsterblichkeit, der Seele und des ewigen Schlafes in Beziehung gesetzt. Insgesamt erwähnt die antike Epoche teilweise sehr anschauliche Vorstellungen, wie etwa die der Schattenwelt (bei Homer) oder den des nicht endenden Schlaf ohne Träume (Sokrates) bzw. die der leibunabhängigen Existens der Seele.

Online-Bericht
Ist der Tod unbegreifbar?
In diesem Bericht von Wittwer werden zwei entgegengesetzte Denkrichtungen darüber, ob mit dem Tod das Leben vollständig endet, angesprochen: die naturalistische Position – zu der Wittwer selbst zählt – bejaht dies. Demgegenüber meint die anti-naturalistische Auffassung, dass zwar der Körper, nicht jedoch auch die Seele oder der Geist sterbe. Die Tragweite des Todes mit den eigenen Lebensbezügen und der Lebensfunktion des Körpers in Beziehungen zu bringen, stellt den Menschen vor die Schwierigkeit, den Tod und die daraus zu schließenden Folgerungen zu verstehen. Im weiteren wird von Wittwer die These vertreten, dass man in diesem Denkstreit sinnvoll und angemessen über den Tod sprechen kann.

Vorlesungs-Videos (26x ca. 40:00, englisch)
Vorlesungsreihe „Death“ (Shelly Kagan)
Die Yale-Universität bietet online die Vorlesungsreihe „Death“ von Professor Kagan an. Die 26 englischsprachigen Vorlesungsaufnahmen behandeln Themen und Fragestellungen wie „Was ist eine Person“, „Existiert eine Seele?“, „Was ist Identität?“, „Was ist der Tod?“, „Ist Tod ein Übel?“, „Was ist der Wert des Lebens?“, „Angst vor dem Tod“ und „Suizid“. Neben den Videos wird auch noch weiterführende Literatur angegeben.

Literaturempfehlungen (englisch)
The Oxford Handbook of Philosophy of Death
Das Handbuch versucht die Fragen zu beantworten, was der Tod eigentlich ist und wie sich der Tod auf andere Bereiche des Lebens (wie Identität oder Moral) auswirkt. Das einführende Kapitel des Buches kann unter obiger Adresse kostenlos gelesen werden. Auch der Cambridge Companion to Life and Death bietet einen umfassenden Überblick über philosophische Positionen zu Leben und Tod. Dabei werden zunächst metaphysische Konzepte vorgestellt, um dann die Bedeutung von Leben und Tod zu beleuchten und schlussendlich moralische Fragen, wie die des Tötens, zu diskutieren.

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2.2 Sterben

Bezug Manuskript: S. 9, 17; Bezug Audio 11:30, 21:15

Was bedeutet „Sterben“?
Der Begriff „Sterben“ bezeichnet den Prozess, der vom Leben in den Tod führt. In medizinischer Hinsicht werden in diesem Prozess drei Phasen unterschieden: der klinische Tod (Kreislaufstillstand), der Hirntod (das Hirn stellt seine Funktionen ein, andere körperliche Funktionen können erhalten werden) und der biologische Tod (letzte Phase, in der der Körper auch eindeutige Todeszeichen zeigt). Problematisch ist vor allem das Hirntod-Konzept, das oftmals ethische Probleme aufwirft, wenn es zum Beispiel um Organspenden geht. Darüber hinaus wurde das Sterben Dritter umfassend aus psychologischer Sicht beleuchtet. Besonders einflussreich ist hierbei Elisabeth Kübler-Ross‘ „On Death and Dying„, in dem fünf Stadien des Trauerns beschreiben werden.

Online-Video (56:01)
Schöner Sterben (Scobel)
In diesem Beitrag diskutiert Gert Scobel mit dem Theologen und Soziologen Reimer Gronemeyer, dem Leiter des Vivantes-Hospiz Michael de Ridder und dem Philosophen Héctor Wittwer über das Sterben und die Frage, wie eine neue Sterbekultur etabliert werden kann. Das Online-Portal der 3sat-Sendung bietet zusätzlich umfassende Materialien zum Thema Sterben und Sterbekultur. Als besonders interessant ist hier die Rolle der Finanzierbarkeit von Pflege und Gesundheit in einer ökonomisierten Welt hervorzuheben.

Online-Portal
Leben mit dem Tod (ARD-Themenwoche)
Im Zuge der ARD-Themenwoche „Leben mit dem Tod“ finden sich auf dieser Seite umfassende Audio-, Video- und Textbeiträge sowie Literaturhinweise. In der Kategorie „Wenn ich einmal sterbe – Im Leben den Tod gestalten“ wird beispielsweise besprochen, was man schon während der Lebenszeit tun kann, um sich auf den Tod vorzubereiten. Es wird ein Überblick über die Rechtslage, das Erstellen von Vollmachten, Bestattungen usw. gewährt. „Wenn jemand stirbt – Gemeinsam bis ans Lebensende“ informiert darüber, wie die letzten Lebensphasen würdevoll verbracht werden können, was während des Sterbens passiert und wie Angehörige Abschied nehmen können. Die letzte Kategorie, „Wenn jemand gestorben ist – Was nach dem Sterben kommt“ beleuchtet, was die Hinterbliebenen bedenken müssen und wie Menschen trauern.

Online-Dossier (PDF, 40 S.)
Tod und Sterben (APuZ, Heft der bpb)
Das Heft „Tod und Sterben“ der Bundeszentrale für politische Bildung umfasst sieben Beiträge. Jeder Beitrag behandelt dabei einen anderen Aspekt. Der Essay von Thomas Macho („Sterben heute”) beschäftigt sich mit der zunehmenden Enttabuisierung des Todes, die beispielsweise in der Populärkultur sichtbar wird.

  • Irmhild Saake („Gegenwarten des Todes im 21. Jahrhundert“) zeigt anhand einer Studie, wie unsere Todesbilder gerade damit zusammenhängen, dass der Tod nicht um uns ist.
  • Gerd Göckenjan („Sterben in unserer Gesellschaft – Ideal und Wirklichkeit“) beschäftigt sich damit, was „gutes Sterben“ ist und wie sich Ideal und Wirklichkeit darstellen.
  • Stefan Dreßke („Sterbebegleitung und Hospizkultur“) geht der Frage nach, ob vom Hospiz eine neue, (ideale) Sterbekultur ausgeht, die „gutes Sterben“ ermöglicht.
  • Klaus Dörner („Leben und Sterben: die neue Bürgerhilfebewegung“) beschreibt, wie Bürgerhilfebewegungen auf die Alterung der Gesellschaft und damit einhergehende Probleme reagieren, und fordert die Politik auf, dem zu folgen.
  • Ludger Fittkau und Petra Fehring („Zur Geschichte der Sterbehilfe“) zeigen anhand der Geschichte der Sterbehilfe, dass „private“ Autonomie und gesellschaftlicher bzw. staatlicher (ökonomischer) Nutzen von Euthanasie stets „zwei Seiten einer Medaille“ sind.
  • Svenja Flaßpöhler („Die Freitodhilfe – ein humaner Akt?“) diskutiert ethische Probleme, die sich aus Freitod- bzw. Sterbehilfe ergeben.

 

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2.3 Suizid

Bezug Manuskript: S. 7, 12; Bezug Audio 7:30, 14,50

Zum Suizid
Das Thema Suizid fand lange Zeit in der Gesellschaft keine große Beachtung; es wurde sogar tabuisiert. Laut dem Statistischen Bundesamt gehört der Suizid aber zu den häufigsten Todesursachen und macht so einen bedeutenden Teil der Todesursachenstatistik aus. Beispielsweise starben im Berichtjahr 2006 „mehr als 1 % aller Menschen in Deutschland durch eine vorsätzliche Selbsttötung/-vergiftung und damit fast doppelt so viele wie durch in der Todesursachenstatistik ausgewiesene Verkehrsunfälle“. Die suizidale Handlung löste bereits in der Antike Debatten darüber aus, ob die Selbsttötung moralisch und ethisch vertretbar ist. Die unterschiedlichen Bezeichnungen im deutschsprachigen Raum unterstreichen die konträren Meinungen zum Thema. So wird beispielsweise in der Religion bis heute nicht von „Suizid“, sondern von „Selbstmord“ gesprochen – in der Philosophie dagegen von „Freitod“. Innerhalb der Philosophiegeschichte gibt es jedoch ebenfalls unterschiedliche Ansichten und Meinungen darüber, ob und wann es gerechtfertigt ist, sich das Leben zu nehmen. Der Philosoph, Psychotherapeut und Autor Martin Poltrum diskutiert in einem Sonderbeitrag der Fachzeitschrift „Spectrum Psychiatrie“ verschiedene Thesen über den Selbstmord als „Zeichen der menschlichen Freiheit“, indem er diverse philosophische und psychiatrische Positionen einander gegenüberstellt.

Online-Artikel (Zeit)
Literatur, mit dem Leben bezahlt (Peter Henning)
Der französische Schriftsteller Éduard Levé schreibt das Buch „Selbstmord“ und begeht kurz darauf Suizid. Die Zeit beschreibt im Artikel diese „finster-faszinierende Meditation über den Freitod“. Der Schreibprozess und die damit verbundene Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben scheint die Vorbereitung auf seine eigene Handlung gewesen zu sein – die Selbsttötung wirkt wie eine logische Konsequenz. In seinem Werk gibt der Autor tiefe Einblicke in die Psyche des Protagonisten und schildert seine Entfremdung von sich selbst und der Welt.

Online-Artikel (der Freitag)
Herr über das eigene Leben (Nikolas Westerhoff)
Darf sich der Mensch das Leben nehmen? „Das Phänomen Selbstmord stellt Moralphilosophen, Schriftsteller und Psychiater vor ungelöste Rätsel.“ Der Beitrag „Herr über das eigene Leben“ auf der Internetpräsenz des Freitag gibt einen Überblick über die Suizidforschung und die philosophischen Positionen von bspw. Kant, Sartre, Schopenhauer, Aristoteles und Platon.

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2.4 Sterbehilfe

Bezug Manuskript: S. 9, 14; Bezug Audio 10:50, 16:25

Online-Portal
Regelung zur Beihilfe zur Selbsttötung (Deutscher Ethikrat)
Die Protokolle und Präsentationen des öffentlichen Teils der Plenarsitzung des Ethikrats zur Regelung der „Beihilfe zur Selbsttötung“ bieten einen interessanten Einblick in die aktuelle Debatte. Dabei werden zunächst terminologische Grundlagen gelegt, um dann ethische und verfassungsrechtliche Aspekte zu diskutieren. Auch die ad-hoc Empfehlung des deutschen Ethikrats kann in diesem Dokument nachgelesen werden.

Online-Video (57:58)
Der Geplante Tod (SRF)
In der Sendung Sternstunde Philosophie des SRF zum Thema „Der Geplante Tod“ diskutiert Barbara Bleisch mit Saskia Frei von Exit und dem Palliativmediziner Roland Kunz über den geplanten Tod im Alter und die Sterbehilfe.

Online-Portal (Artikel und Video, 2:08)
Aktive Sterbehilfe – auch auf Verlangen – ist strafbar (3sat)
Der Artikel gibt einen Überblick zur rechtlichen Beurteilung der Sterbehilfe in Deutschland und in Europa. Aktive, indirekte, passive Sterbehilfe sowie die Beihilfe zur Selbsttötung werden dabei differenziert erläutert. Weitere Videobeiträge zum Thema Sterbehilfe finden sich in der Mediathek.

Online-Portal
Sterbehilfe“ bei Zeit Online
Die Schlagwortsuche „Sterbehilfe“ auf der Internetpräsenz „Zeit Online“ ergibt verschiedene Artikel über die aktuelle Debatte zum Thema Sterbehilfe. Die Beiträge behandeln in unterschiedlicher Weise die rechtliche Beurteilung, ethische Aspekte, Erfahrungsberichte von Ärzten oder Betroffenen und weisen auf Bücher hin, die sich mit der Sterbehilfedebatte auseinandersetzen.

  • Der Berliner Palliativmediziner Uwe Christian Arnold schildert in einem Interview mit der Zeit seine Eindrücke und Meinungen zum Thema Sterbehilfe. Eindrucksvoll, informativ und verständlich berichtet er von seinen Erfahrungen als Sterbehelfer – „ein Gespräch über unerträgliche Leiden, tödliche Medikamente und den Zwang zum Durchhalten“.
  • „Das Durcheinander ist furios“, schreibt Gabriele von Arnim in der Zeit über die rechtliche Situation von Sterbehilfe und Palliativmedizin: „Selbst Ärzte, Betreuungsrichter oder Anwälte wissen oft nicht, wann eine Straftat vorliegt, wann eine Maßnahme zwar nicht illegal, aber standesrechtlich verboten ist.“ Von Arnim stellt deswegen zwei Autoren vor, welche mit ihren neuen Büchern Klarheit in die verwirrende Debatte bringen wollen, dabei aber verschiedene Ansätze bezüglich des Umgangs mit Sterbewilligen vertreten: Uwe-Christian Arnold, Urologe, erfahrener Sterbehelfer und Autor von Letzte Hilfe. Ein Plädoyer für das selbstbestimmte Sterben hilft offiziell beim Suizid, weil dies im Gegensatz zur aktiven Sterbehilfe nicht verboten ist — vor allem mit einem Medikamentenmix. Gian Domenico Borasio hingegen steht für menschliche Nähe beim letzten Geleit. Der Professor für Palliativmedizin in Lausanne und München bietet mit seinem Buch Selbstbestimmt sterben. Was es bedeutet. Was uns daran hindert. Wie wir es erreichen können nach eigenen Angaben einen Einblick ins „Sterben für Fortgeschrittene“.

Online-Transkript (Radiobeitrag)
Sterbehilfe in anderen Ländern (Deutschlandradio)
Niederlande, USA und China – Sterbehilfe im Vergleich. Die Niederlande sind das Land mit der liberalsten Sterbehilferegelung. Immer mehr todkranke Menschen beanspruchen dort das Recht, zu entscheiden, wann sie aus dem Leben treten wollen. In China dagegen ist das Töten auf Verlangen strafbar.

Online-Artikel (Spiegel Online)
Sterbehilfe in Belgien (Benjamin Dürr)
Der Artikel im Spiegel berichtet vom Fall des belgischen Sexualstraftäters Frank van den Bleeken, der sich in einem Gerichtsverfahren das Recht auf aktive Sterbehilfe erstritten hat. Der Artikel zeigt die Ambivalenz einer staatlich legitimierten Sterbehilfe auf.

Literaturempfehlung
Das Konzept der Menschenwürde und
die realistische Utopie der Menschenrechte (Jürgen Habermas)
In seinem Aufsatz verteidigt Habermas Kants deontologischen Ansatz und erläutert anhand des Luftsicherheitsgesetzes von 2005, warum ein Rechtsstaat unbedingt moralisch und sein oberstes Ziel der Schutz der Würde des Menschen sein sollte. Der Artikel bietet einen modernen Ansatz zu der These, dass der Utilitarismus keinen normativen Charakter haben darf, und nennt die Gefahren, die einer Gesellschaft drohen, in der Werte von Menschenleben gegeneinander abgewogen werden und in der der Mensch keinen Zweck an sich mehr darstellt. Siehe: Habermas, J. (2010). „Das Konzept der Menschenwürde und die realistische Utopie der Menschenrechte“, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 58. S. 343–57, Marburg: Akademie Verlag.

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3. Personen

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Informationen zu den Interviewpartnern der Sendung und den einschlägigen Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte finden Sie in der folgenden Auflistung.

# Gian Domenico Borasio
Gian Domenico Borasio, geboren 1962, ist Mediziner und Professor für Palliativmedizin an der Universität Lausanne. Er studierte Medizin in München und begründete dort das Interdisziplinäre Zentrum für Palliativmedizin. Darüber hinaus schrieb er das sehr erfolgreiche Buch Über das Sterben. Was wir wissen. Was wir tun können. Wie wir uns darauf einstellen. Weitere Publikationen und Informationen zu seinen Forschungsgebieten finden sich auf der Seite der LMU München. Außerdem kann in der ZDF-Mediathek ein Videobeitrag (29:45) abgerufen werden, in dem Borasio auf der Buchmesse über seine Publikation spricht.

# Epikur
Epikur (341 – 270 v. Chr.) war ein griechischer Philosoph und Begründer des Epikureismus. Seine Lehre umfasst die klassischen Bereiche der Philosophie: Physik, Erkenntnislehre und Ethik. Seine Theorie der Physik ist durch den Atomismus gekennzeichnet, also die Annahme, dass sich die Natur aus kleinsten Teilchen zusammensetzt. Diese (nicht wahrnehmbaren) Atome bewegen sich auf natürliche Weise in senkrechtem Fall, wobei es durch selbstverursachte Abweichungen zu Atomverbindungen kommen kann. Die Grundlage von Epikurs Erkenntnislehre ist, dass empirisches Wissen, Empfindung und Wahrnehmung von Schmerz und Lust unfehlbare Kriterien sind. Durch den radikalen Materialismus erklärt sich auch seine Fokussierung auf das Diesseits: Laut Epikur existiert die Seele nicht im Jenseits weiter, Verweise auf Strafe oder Belohnung im Jenseits werden also irrelevant. Entsprechend sieht er die Angst vor dem Tod nur als Quell für Unlust und irrationale Begierden. Das glückliche Leben, welches ein Kernmotiv seiner Ethik ist, kann nur durch die Abwesenheit von physischem Schmerz und mentalen Belastungen hervorgebracht werden. Dieser Zustand wird Ataraxie (Seelenruhe) genannt und bildet das Ziel seiner hedonistischen Lehre. Die Philosophie dient, so Epikur, vor allem als Therapie, die die Seele „heilt“ und zur Ataraxie führt. Seine Lehren verbreitete Epikur nicht zuletzt in der „Kepos“ (dem „Garten“), wo er mit seinen Schülern und Anhängern lebte. In der Kepos wurden Menschen aus verschiedensten Schichten zusammengebracht – auch Frauen. Epikur legte einen sehr hohen Wert auf Freundschaft, die in der Kepos gefunden werden sollte. Er starb im Alter von ca. 70 Jahren. Sein Schaffen ist nur in Fragmenten, durch die Texte seiner Anhänger und Angaben von Cicero, Plinius dem Jüngeren und Seneca überliefert.

# Svenja Flaßpöhler
Svenja Flaßpöhler, geboren 1975, studierte Philosophie, Germanistik und Sport an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und promovierte in Philosophie. Die Philosophin, Autorin und stellvertretende Chefredakteurin des Philosophie Magazin hat die Bücher Mein Tod gehört mir. Über selbstbestimmtes Sterben und Mein Wille geschehe. Sterben in Zeiten der Freitodhilfe geschrieben. Weitere Details zu den Büchern und weiteren Werken Flaßpöhlers können auf ihrer Homepage nachgelesen werden.

# Wladimir Jankelewitsch
Wladimir Jankelewitsch (1903 – 1985) war ein französischer Philosoph und Musikwissenschaftler. Seine zuletzt erschienenen Werke sind Die Ironie und Der Tod. Die Fragen, mit denen er sich in seinem Werk Der Tod beschäftigt, sind beispielsweise: „Warum ist der Tod eines Menschen immer eine Art Skandal? Wie kommt es, daß man sich nicht längst an dieses natürliche und doch stets zufällige Geschehen gewöhnt hat?“ Das Werk ist als Leitlinie seiner gesamten Philosophie zu verstehen. Weitere Informationen zu Jankelewitsch werden präzise in einem Beitrag von Deutschlandradio zusammengefasst.

# Immanuel Kant
Immanuel Kant (1724 – 1804) gehört zu den prominentesten Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte. Er wurde am 22. April 1724 in Königsberg (heute Kaliningrad, Russland) als viertes von acht Kindern geboren. Während seiner Schulzeit erhielt er eine strenge religiöse Erziehung. Bereits mit sechzehn Jahren studierte er an der Königsberger Universität zahlreiche Fachgebiete, darunter Philosophie, Physik und Mathematik. Im Todesjahr seines Vaters (1746) unterbrach er das Studium und blieb bis zur Wiederaufnahme 1754 als Hauslehrer beschäftigt. Nach der Habilitation im Jahr 1755 erhielt er die Stelle eines Privatdozenten, u.a. für Logik, Metaphysik, Mechanik, Mathematik, Naturrecht, Pädagogik, Moralphilosophie und Theologie. Im Jahr 1770 wurde er nach einigen erfolglosen Bewerbungen auf den Königsberger Lehrstuhl für Logik und Metaphysik berufen. Fast sein ganzes Leben verbrachte Kant in seiner Heimatstadt, wo er am 12. Februar 1804 starb.
Zu Kants Hauptwerken zählen die Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft, Kritik der Urteilskraft sowie die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.
In seiner Kritik der reinen Vernunft untersucht Kant die Grundlagen menschlicher Erkenntnisfähigkeit. Zu der Frage, wie es überhaupt möglich sei, einen Gegenstand zu erkennen, formuliert Kant eine neuartige Antwort:  Nicht der Mensch habe sich nach den Gegenständen zu richten, sondern die Gegenstände seien dem Erkenntnisvermögen des Menschen unterworfen. Dabei setzt er im Bemühen, zu einer sicheren Erkenntnis zu gelangen, zunächst auf die Erfahrung. Eine reine, von aller Erfahrung unabhängige Erkenntnis (a priori) sei nicht möglich.
Alle menschlichen Erfahrungen sind jedoch bestimmten Erkenntnisbedingungen unterworfen, denen Kant  in seiner Reflexion zu den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnissen nachgeht. So ist menschliche Erfahrung nur unter den Bedingungen von Raum und Zeit sowie nach der Maßgabe spezifischer Kategorien (Qualität, Quantität, Relation, Modalität) möglich.
Diese Fundierung der menschlichen Erkenntnis im Erfahrungsbegriff mündet in die Destruktion der tradierten Gottesbeweise.

# Jürgen Manemann

Jürgen Manemann, geboren 1963, ist Direktor des Forschungsinstituts Philosophie Hannover. Nach einem Studium der katholischen Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster promovierte und habilitierte er im Fach Fundamentaltheologie. Zwischen 2004 und 2009 hatte er die Professur für Christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt inne. Seine Schwerpunkte liegen in der Erforschung und Weiterentwicklung der Politischen Theologie. Weitere Details zu seiner Arbeit können auf der Seite des Forschungsinstituts gefunden werden.

# Michel de Montaigne
Michel Eyquem de Montaigne (1533 – 1592) ist vor allem durch sein Hauptwerk „Essais“ bekannt geworden. Er lebte im Zeitalter der Rennaissance, der Reformation und der Glaubenskämpfe. Sein Werk wurde zum einen durch seine Herkunft aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, zum anderen durch die religiösen Kriege seiner Zeit und nicht zuletzt durch seine philosophischen Vorbilder Seneca und Plutarch geprägt. Michel de Montaigne genoss eine humanistische Ausbildung in Schulen in Bordeaux und Toulouse. Nach einem Rechtsstudium wurde er zunächst Parlamentsrat in Bordeaux, heiratete mit 32 die Tochter eines Ratskollegen und wurde Vater von sechs Kindern, von denen nur eines überlebte. In Beruf und Leben anerkannt, zog er sich im Alter von 38 Jahren in den Wachturm seines Schlossgutes Montaigne zurück. Insgesamt neun Jahre verbrachte er dort in seiner Bibliothek. Hier entstanden seine berühmten Essays, in denen er versuchte, „Innenschau“ zu halten. Indem er sein eigenes Verhalten und seine Gefühle beobachtete und niederschrieb, wollte er der Vielfalt menschlicher Verhaltensweisen auf die Spur kommen. So verdanken wir ihm die Entstehung der literarischen Essayform. Obwohl Montaigne allen und allem gegenüber eine skeptische Haltung einnahm, war er doch lebensbejahend und heiteren Gemüts. „Que sais-je“ (Was weiß ich?), soll er immer gesagt haben. Montaigne wusste zu viel, um unkritisch sein zu können. Für sein Leben hat er sich einen goldenen Mittelweg ausgesucht. Als aufgeklärter Skeptiker wollte er weder die Welt beherrschen noch willenloses Opfer sein. Er war ein eher konservativer Politiker und blieb Zeit seines Lebens dem katholischen Glauben treu. Nach seiner Zeit im Denkturm begab er sich mit Freunden auf eine Reise in verschiedene europäische Städte, u.a. nach Venedig und nach Rom zum Papst. Während er sich auf dieser Reise befand, wurde er zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt. Er nahm dieses ehrenvolle Amt dankend an und wurde sogar noch ein weiteres Mal gewählt. Danach zog er sich wieder in seinen Turm zurück, um weiter an den Essays zu arbeiten. Schon zu seiner Zeit wurden seine Werke sowohl in Frankreich als auch in England viel gelesen. Im Alter von 59 Jahren starb er auf seinem Schloss in Montaigne infolge eines Nierenstein-Leidens.

# Seneca
Lucius Annaeus Seneca (um 1 v. Chr. – 65 n. Chr.) ist der bedeutendste Vertreter der stoischen Philosophie. Der zentrale Aspekt der römischen Stoa ist nicht mehr der Mensch als politisches Wesen, wie bei den griechischen Philosophen Platon und Aristoteles, sondern der Mensch als Individuum mit seinen elementaren Lebensproblemen. Im Vordergrund der Philosophie stehen demnach die Schwierigkeiten der Selbstfindung im gesellschaftlichen Leben, die Verarbeitung von Misserfolgen und die eigene Klärung dessen, was im Leben wirklich bedeutend und wichtig ist. Senecas Philosophie ist demnach als eine Anleitung und Verbesserung des individuellen Seelenlebens zu verstehen. Genaueres über den Stoiker, seine Philosophie und seinen Werdegang steht im Philosophie-Wörterbuch.

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4. Didaktik

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4.1 Curriculare Bezüge

Online-Portal (Landesschulamt)
Entwurfsfassungen der neuen Kerncurricula Philosophie und Ethik
Seit ihrer Veröffentlichung im November 2014 können die Entwürfe der neuen Kerncurricula für die gymnasiale Oberstufe breit diskutiert werden. Die Einordnung der fachlichen Inhalte der Sendung erfolgt hier exemplarisch. Zu folgenden Unterrichtsinhalten ist eine Zuordnung möglich:

  • Kerncurriculum – Sekundarstufe 1:
    Inhaltsfelder „Gewissen und Verantwortung“, „Freiheit und Würde“
  • Lehrplan Ethik (Realschule) 9.1:
    „Selbstbestimmung und Vernunft“, 9.4 „Sterben – eine Privatangelegenheit?“
  • Lehrplan Ethik (Gymnasium) Sekundarstufe 1:
    „Freiheit und Würde des Menschen: Freiheit unter dem Anspruch der Vernunft – die Menschenrechte“
  • Lehrplan Ethik (Gymnasium) Q1:
    „Menschenbilder in Philosophie und Wissenschaft: Anthropologische Voraussetzungen verantwortlichen Handelns“
  • Lehrplan Philosophie E1:
    „Philosophische Anthropologie – Existenz und Sinn“

4.2 Lern-Ressourcen

Online-Portal
Tod und Sterben (Hessischer Bildungsserver)
Der hessische Bildungsserver stellt zum Thema Tod und Sterben eine umfassende Link- und Materialsammlung für das Fach Ethik bereit. Unter anderem sind ganze Unterrichtseinheiten für unterschiedliche Jahrgangsstufen und zu verschiedenen Aspekten des vielschichtigen Themas zu finden. Eine Unterrichtseinheit beschäftigt sich etwa damit, wie Lehrerinnen und Lehrer damit umgehen können, wenn eine Schülerin oder ein Schüler einer Klasse ums Leben kommt. Auch zum Thema Sterbehilfe und Sterbebegleitung werden Hinweise und Materialien aufgeführt.

Online-Portal
Aktion Schulstunde „Leben mit dem Tod“ (ARD)
Im Zuge der ARD-Themenwoche „Leben mit dem Tod“ sind unter der Rubrik »Aktion Schulstunde« Unterrichtsmaterialien für Grundschulklassen zu finden. Besonders hervorzuheben sind die Literaturhinweise zu aktuellen Kinderbüchern, die das Thema Tod und Sterben behandeln und die eine Ergänzung zu den in diesen Online-Materialien aufgeführten Leseempfehlungen darstellen. Interessant sind auch die Lehrerinfos, die Angebote zu verschiedenen thematischen Schwerpunken enthalten: Teil 1: Das Sterben, das kommt und geht; Teil 2: Der Tod die letzte Reise; Teil 3: Das Danach – Schluss, aus und vorbei?

Online-Portal
Tod und Trauer (Planet Wissen)
Planet Wissen bietet einen multimedialen und vielfältigen Einblick in die Themenbereiche „Bestattungskultur“, „Mumien“, „Selbsttötung“, „Sterben“ und „Trauer“. Beispielsweise werden unterschiedlichste Bestattungsrituale vorgestellt, verschiedene Bezeichnungen für die Selbsttötung erläutert und diverse Formen des Trauerns präsentiert. Für die Schule besonders interessant könnte hier der Beitrag „Sterben 2.0“ sein, in dem das Sterben im digitalen Zeitalter behandelt wird.

Literaturempfehlungen
Literaturtipps zum Thema Tod, Sterben und Trauer (klartext!)
Sterben, Tod und Trauer – das Kinder- und Jugendhospiz Balthasar bietet mit der Info-Seite „Klartext!“ ein Literaturangebot für Jugendliche und junge Erwachsene, das in schwierigen Lebenslagen Hilfe und Unterstützung leisten soll. Die dort angegebenen Bücher eigenen sich ebenfalls, um erstmals in den Themenkomplex einzuführen. Beispielsweise geht es in dem Jugendbuch „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von John Green um eine Liebesgeschichte von zwei an Krebs erkrankten Jugendlichen. 2014 wurde der erfolgreiche Jugendroman verfilmt. Den Trailer finden Sie hier. Weitere ausgewählte Buchempfehlungen:

  • „Die Brüder Löwenherz“, ein Kinderbuchklassiker zum Thema Geschwisterliebe, Tod und Trauer, wurde bereits 1974 von Astrid Lindgren veröffentlicht, hat an Aktualität aber nichts eingebüßt. Eine Buchbesprechung finden Sie hier. Die Verfilmung des Buches wurde 1978 auf der Berlinale vorgestellt. Hier geht es zum Trailer.
  • Für „Die wunderbare Reise der kleinen Sofie“ erhielt Els Pelgröm 1986 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Es wird die Geschichte eines todkranken kleinen Mädchens erzählt, das in einer einzigen Nacht das Leben kennen lernen will. Vom Verlag für Kindertheater gibt es eine Bühnenbearbeitung.
  • Peter Pohl erzählt in „Du fehlst mir, du fehlst mir“ die Geschichte der Zwillingsschwestern Cilla und Tina. Kurz vor dem vierzehnten Geburtstag der beiden kommt Cilla durch einen Unfall ums Leben. Mit der Trauer der zurückgebliebenen Tina beschäftigt sich das Jugendbuch. Auf Seite, die Sie über den Link aufrufen können, finden Sie unter anderem eine Leseprobe.
  • Love Aubrey“ (in Deutschland: „Mich gibt’s auch noch“) von Suzanne La Fleur erzählt die Geschichte von Aubrey, die durch einen Unfall den Vater und die jüngere Schwester verliert. Die Mutter verlässt Aubrey, die daraufhin von ihrer Großmutter aufgenommen wird. Hier finden Sie eine Buchbesprechung.
  • In „Eine Welt für Madurer“ erzählt Roberto Piumin auf sehr poetische Weise die Geschichte eines schwerkranken Jungen, der bald sterben muss. Miriam Pressler stellt das Buch vor.
  • Du bist tot – ich lebe“ (hrsg. v. Gabriele Knöll) enthält Erfahrungsberichte von Kindern, deren Geschwister gestorben sind. Auch Eltern, die ein Kind verloren haben, kommen zu Wort. Die sehr vielfältigen Texte versuchen begreiflich zu machen, was Kinder empfinden, die eine Schwester oder einen Bruder verloren haben.

Film- und Serienempfehlungen
Es gibt Menschen, die zwar noch leben könnten, ihr Leben aber aus guten Gründen beenden möchten, zum Beispiel weil ihre Lebensqualität durch schwere Krankheit oder hohes Alter stark beeinträchtigt ist. Muss ihnen aus moralischen Gründen die aktive Sterbehilfe versagt werden? Oder gibt es Situationen, in denen es geboten sein könnte, Menschen dabei zun helfen, ein leidvolles Dasein zu beenden? Fragen wie diesen gehen die folgenden Spielfilme nach. Sie beschäftigen sich auch mit dem Problem des schmerzvollen Prozesses der Sterbebegleitung und der Trauer um den Verlust geliebter Menschen.

  • Miele – Honig„: Im Mittelpunkt dieses italienischen Films der Regisseurin Valeria Golino steht die Sterbehelferin Irene, die regelmäßig nach Mexico fliegt, um dort das Einschläferungsmittel Lamputal zu besorgen. Eine kurze Besprechung finden Sie hier.
  • Das Meer in mir“ („Mar adentro“, Regie: Alejandro Amenabar): Über 30 Jahre lang kämpft der schwerstbehinderte Spanier Ramon Sampedro um das Recht, sein Leben in Würde beenden zu dürfen. Der Film setzt sich differenziert mit dem kontroversen Thema Sterbehilfe auseinander.
  • Halt auf freier Strecke„: Dieser von der Kritik hochgelobte Spielfilm des deutschen Regisseurs Andreas Dresen aus dem Jahr 2011 erzählt die Geschichte eines Mannes, der mit seiner Familie ein beschauliches Leben in einem Reihenhaus am Stadtrand Berlins führt, bis er mit der Diagnose eines inoperablen Hirntumors konfrontiert wird. Einfühlsam wird dargestellt, wie die Familie des Protagonisten mit dem Sterben des Familienvaters umgeht.
  • Amour“ (Regie: Michel Haneke): Im Zentrum des kammerspielartig inszenierten Dramas steht ein in inniger Liebe verbundenes Ehepaar (Anne und Georges) am Ende seines Lebens. Anne erleidet einen Schlaganfall, in dessen Folge sie halbseitig gelähmt ist. Das Leiden der ehemaligen Klavierlehrerin unter der zunehmenden körperlichen Beeinträchtigung wird eindringlich dargestellt. Georges bemüht sich, seiner Frau beizustehen, so gut er kann, ist mit ihrer existenziellen Not aber zusehends überfordert. Der vielfach prämierte Film, der unter anderem 2012 in Cannes die Goldene Palme erhielt, wurde treffend als liebevolles Sterbedrama bezeichnet.
  • Eine neue Chance“ („Things we lost in the fire“, Regie: Susanne Bier): Am Anfang des Films verliert die Protagonistin Audrey Burke ihren Lebensgefährten Brian. Der Film erzählt, wie sie versucht, mit dem Verlust und mit ihrer Trauer fertig zu werden.
  • Das Zimmer meines Sohnes“ („La Stanza del figlio“): Das Familienleben des Psychoanalytikers Giovanni und seiner Frau Paola droht am Verlust des gemeinsamen Sohnes Andrea, der beim Tauchen tödlich verunglückt, zu zerbrechen. Der Film von Nanni Moretti setzt sich einfühlsam mit dem Thema Trauern auseinander.

Die Simpsons und Sterbehilfe
Als Einstieg zum Thema Sterbehilfe bietet sich die Simpsons-Episode „Corrida de Toro“ (22:00) an. In dieser Episode wird die Stadt Springfield ausgewählt, Heimat einer Profi-Football-Mannschaft zu werden. Dies scheitert jedoch aufgrund eines Missgeschicks des Großvaters der Familie Simpson. Dieser gerät in Selbstzweifel über seinen Nutzen für die Gesellschaft und beschließt daher, sich das Leben zu nehmen. – Zeichentrickserien eignen sich für den schulischen Unterricht nicht nur aufgrund ihrer Kurzweiligkeit, sie bieten zudem auch einen abgesteckten Mikrokosmos und eine Überzeichnung von Konflikten. Die in dieser Episode angeschnittene Thematik des Freitods kann durch die Erarbeitung philosophischer Positionen, etwa der von Seneca, vertieft werden. Die besagte Episode ist auf DVD erhältlich: Die Simpsons, Staffel 17, Episode 16.

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