Zusatzmaterialien zur Folge 05

Was können wir wissen?

Interessierte Hörerinnen und Hörer finden auf dieser Seite weiterführende Informationen zum Sendungsthema als Zusatzmaterial. Philosophische Neulinge und Fortgeschrittene erwarten ganz unterschiedliche Angebote zum Stöbern, Überfliegen oder Weiterdenken. Zeitmarkierungen erleichtern die  Bezüge zur Sendung für Lehrkräfte; Seitenangaben verweisen Multiplikatoren auf die Manuskripte.

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Die Materialien wurden zum Zugriffszeitpunkt 1.12.2014 erstellt von:
Judith Dieter, Kerstin Erlen, Julia Kretzschmann (Studierende)
Sebastian Boll, M. A.; Dr. des. Jakob Krebs; OStR i. H. Sabine Reh
Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Inhalt

1. Perspektiven
– 1.1 Wissen und Wissensgesellschaft
– 1.2 Zum philosophischen Hintergrund
2. Konzepte
– 2.1 Fundamente des Wissens
2.2 Rationalismus – Wissen durch Denken
– 2.3 Empirismus – Wissen durch Erfahrung
– 2.4 Rechtfertigung von Überzeugungen
2.5 Wissen, Zweifeln, Glauben
3. Personen
4. Didaktik

tagxedo Wissen

 

1. Perspektiven

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Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.
Aristoteles

Der Mensch ist ein neugieriges Wesen. Schon in unserer Kindheit wollen wir wissen, wie die Dinge in der Welt funktionieren und warum. Im Erwachsenenalter scheint sich unser Wissensdrang verändert zu haben: Wir wissen dann wie man liest, schreibt und am Essenstisch sitzt, dass die Erde eine Kugel und der Mount Everest der höchste Berg unseres Planeten ist. Das wissen wir, weil es uns von anderen Menschen beigebracht wurde, weil wir es gelesen oder irgendwo aufgeschnappt haben. Immer wieder muss der Mensch jedoch erkennen, dass er nicht alles wissen kann. Auch wenn es in Bibliotheken und Datenbanken ein „menschliches Gedächtnis“ zu geben scheint, der Mensch wird nie allwissend sein. Also stellt sich die Frage: Was wollen und was können wir eigentlich wissen?

Die Rubrik „Perspektiven“ bietet zunächst einige allgemeine Hinweise auf die Relevanz des Sendungsthemas und seine philosophischen Hintergründe. Spezifische Erläuterungen folgen dann in der Rubrik „Konzepte„.

1.1 Wissen und Wissensgesellschaft

Bezug Manuskript: S. 8, 16; Bezug Audio 10:30, 22:50

Online-Audio-Podcast (hr info – 13:03)
Was kann ich wissen?
Harald Lesch wendet sich in der kurzweiligen Sendereihe „Philosophie für Fußgänger“ den vier Kantischen Fragen zu. Der Beitrag zur Frage „Was kann ich wissen?“ beleuchtet Immanuel Kants Überlegungen zur Erkenntnistheorie. Dieser und weitere Lesch-Beiträge können online nachgehört und heruntergeladen werden.

Online-Video-Bildungskanal (ARD-Alpha)
Was wir noch nicht wissen
In der Sendungsreihe von ARD-Alpha geht es um die ungeklärten Fragen des Lebens. Die Macher dieser spannenden Reihe kurzer Internet-Videos widmen sich sowohl praxisnahen (“Warum müssen wir schlafen?”) als auch wissenschaftlich-abgehobenen Fragen (“Existiert der Mond auch, wenn keiner hinsieht?”). Die Beiträge zeigen, dass wir bezüglich vieler Aspekte unseres Lebens tatsächlich kein fundiertes Wissen haben.

Online-Artikel (Spiegel Online)
Warum wir niemals alles wissen werden
Dieser Artikel begegnet dem Thema des Wissensdurstes sozusagen “vom anderen Ende”, nämlich ausgehend von der Tatsache, dass wir niemals alles wissen werden. Das klingt zunächst enttäuschend, allerdings sind wir damit im positiven Sinne herausgefordert uns klarzumachen zu welchem Zweck wir eigentlich etwas wissen wollen.

Online-Portal (UNESCO)
Wissensgesellschaft
Die deutsche UNESCO-Kommission bietet auf ihrer Internetseite Informationen rund um das Thema “Wissens- und Informationsgesellschaft” an, unter anderem zu den Punkten Wissenserwerb, Wissensvermittlung und soziale Medien.

Online-Essay (Martin Heidenreich)
Merkmale der Wissensgesellschaft
Das Schlagwort „Wissensgesellschaft“ ist unter Geisteswissenschaftlern ein gleichermaßen populärer wie streitbarer Begriff. Genau wie mit „Informationsgesellschaft“ oder dem von Kulturwissenschaftlern bevorzugten Begriff „Postmoderne“ versucht man, das soziale und wirtschaftliche Leben des postindustriellen Zeitalters (seit den späten 1960er-Jahren) zu charakterisieren. In seinem Essay untersucht der Soziologe Heidenreich, inwiefern Wissen (im Sinne der Wissenschaften und der Informationstechnologie) für unsere Gesellschaft zentral ist. Heidenreich steht dem Begriff „Wissensgesellschaft“ jedoch kritisch gegenüber. Fraglich sei, ob eine Gesellschaft durch Rekurs auf „Wissen“ definiert werden kann, da schlussendlich keine Gesellschaft ohne Wissen auskomme. Trotzdem könne der Begriff genutzt werden, um die Besonderheiten der heutigen Gesellschaft zu beleuchten.

Seminar-Manuskript (Elke Brendel – PDF, 65 S.)
Wissenschaftstheorie
Wie schafft die Wissenschaft eigentlich Wissen? Um neue Erkenntnisse zu erhalten betreiben wir Forschung. In den verschiedenen Wissenschaften führt man Untersuchungen durch und denkt über Probleme und mögliche Lösungen nach. Wissenschaft muss dabei bestimmte Anforderungen erfüllen, um auch als solche gelten zu können. Brendel gibt in diesem Skript einen Überblick über die Theorie der Wissenschaften.

Online-Transkript (Helmut Schmidt – EITonline)
Zur Verantwortung der Wissenschaften
„Nach zwei Weltkriegen, nach Auschwitz, nach Hiroshima, nach einer weltweit großen Zahl ekelhafter Diktaturen im Laufe des 20. Jahrhunderts geht es mir für das neue Jahrhundert um das Bewusstsein der Verantwortung für die Folgen. Es geht mir um Weitsicht, um Urteilskraft im Blick auf die ungewollten, zugleich aber immer möglichen Folgewirkungen.“ – Helmut Schmidt thematisiert in seiner Rede 2011 zum 100. Geburtstag der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft die heutige soziale Verantwortung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Handy-App (neon.de)
Unnützes Wissen
Ist Wissen eigentlich immer nützlich? Das hängt wohl maßgeblich vom Kontext ab. Die Zeitschrift Neon hat inzwischen zwei Bücher mit “unnützem Wissen” herausgegeben und verbreitet auch online Erkenntnisse, die niemand braucht. Sogar eine Handy-App existiert, mit der man sich jeweils das neueste unnütze Wissen auf das Smartphone laden kann! Interessant ist es erstaunlicherweise dann oft trotzdem – oder wussten Sie schon, dass Fledermausmännchen entweder ein großes Hirn oder große Hoden haben?

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1.2 Zum philosophischen Hintergrund

Bezug Manuskript: S. 2, 14; Bezug Audio 1:50, 20:00

 Ich weiß, dass ich nichts weiß.
Sokrates

Begriffsbestimmung
Was ist Wissen? – Die klassische Definition

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – dieser Satz wird dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben. Er stellte damit die Frage, welche Wissensansprüche wir philosophisch reflektiert aufrechterhalten können. Um darauf antworten zu können, müssen wir uns zunächst klarmachen, was Wissen überhaupt ist. Sokrates und sein Schüler Platon suchten deshalb nach einer allgemeingültigen Definition von Wissen.

Platon diskutiert in seinem Dialog Theaitetos (online auf ZENO.org) mögliche Definitionen des Wissensbegriffs. Die Dialogteilnehmer Sokrates und Theaitetos gehen davon aus, dass Wissen in unmittelbarem Zusammenhang mit Wahrheit stehen muss. Das bringt sie zu dem Definitionsversuch, dass Wissen wahre Meinung sein könnte. Doch das kann nicht stimmen. Sokrates führt als Beispiel den Richter an. Richter müssen nach Hörensagen urteilen. Sie bilden sich Meinungen über ihre Fälle. Gute Richter erwerben wahre Meinungen über Fälle; dennoch erlangen sie damit kein Wissen. Es muss der Definition also noch etwas hinzugefügt werden. Diese zusätzliche Eigenschaft von Meinungen wird als eine bestimmte Form der Begründung bestimmt: Wissen ist wahre Meinung mit Erklärung. Im Sinne dieser Definition Platons galt nachfolgend jahrhundertelang die Auffassung, dass Wissen gerechtfertigte, wahre Meinung ist. Erst im Jahr 1963 erfolgte ein echter Bruch mit dieser Annahme.

Wissenschafts-Blog (Leonie Seng)
50 Jahre Gettier-Fall oder -Fail?
Im Jahr 1963 veröffentlichte Edmund Gettier seinen nur knapp drei Seiten umfassenden Aufsatz „Is Justified True Beliefe Knowledge?“. Gettier argumentiert, dass die klassische Definition des Wissens unzureichend ist, weil es Fälle von wahrer, gerechtfertigter Meinung gibt, die kein Wissen sind. In ihrem Blog beschreibt Leonie Seng verständlich und kurzweilig das Gettier-Problem. Die Szenarien, in denen die klassische Definition des Wissens versagt, mögen konstruiert erscheinen. Nimmt man sie aber ernst, kommt man nicht um die Feststellung umhin, dass Personen hier schlichtweg Glück darin haben, dass ihre begründeten Meinungen wahr sind.

Kann Wissen aber eine Sache des Glücks oder Pechs sein? Seit Gettiers Einwand gab es viele Versuche, die klassische Definition des Wissens zu modifizieren oder so zu ergänzen, dass der Fall des epistemischen Glücks ausgeschlossen ist. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Gettier-Aufsatzes trafen 2013 Erkenntnistheoretiker an der Uni Erlangen für einem Workshop zusammen. In ihrem Aufsatz gibt Seng auch einen kurzen Überblick über die dort vertretenen Positionen.

Online-Comic (Zachary Weinersmith – engl.)
Smith and Jones
Einer der ursprünglichen Gettier-Fälle wird hier in Form eines Internet-Comics veranschaulicht.

Online-Artikel (Gerhard Ernst – Information Philosophie)
Der Wissensbegriff in der Diskussion
Mit diesem Online-Artikel bietet Ernst einen sehr kompakten Überblick zu aktuellen erkenntnistheoretischen Diskussionen. Neben einigen Erläuterungen historischer Hintergründe widmet sich der Artikel insbesondere dem Verhältnis von internalistischen und externalistischen Theorieansätzen, der Naturalisierung von Theorien des Wissens, der Tugendepistemologie sowie den Debatten um den Kontextualismus. In Ernsts Artikel wird dem Leser schnell klar, dass Philosophen sich für eine ganz bestimmte Form des Wissens interessieren; sehr häufig begegnet man Formulierungen wie „Person X weiß, dass …“.

Das Wort „Wissen“ taucht in unserer Sprache tatsächlich in verschiedenen Variationen auf. Wir sagen zum Beispiel manchmal, dass wir wissen, wie man einen Kuchen backt, oder dass wir wissen, wer wir sind. Diese Formen von „Wissen“ beziehen sich auf gewisse Fertigkeiten (im Englischen prägnant: „know-how“) oder auf eine bestimmte Art der Kenntnis (so sagt man im Englischen auch „to know a person“). Die Form des Wissens, mit der sich die Philosophie hauptsächlich beschäftigt, ist jedoch eine andere, nämlich eben jenes Wissen, das mit „dass“-Sätzen ausgedrückt werden kann (englisch „know-that“). So kann man wissen, dass Löwen und Hauskatzen miteinander verwandt sind, oder dass die Winkelsumme im Dreieck immer 180 Grad beträgt, oder dass man gestern bei einem Fußballspiel war. Dies nennt man auch propositionales Wissen: Wissen, das sich auf Sätze bezieht („Ich weiß: Gestern war ich bei einem Fußballspiel„). Diese Wissensform ist es, die man auch als Erkenntnis bezeichnet und die in der Epistemologie begrifflich erfasst werden soll.

Zur philosophischen Erkenntnistheorie
In der theoretischen Philosophie bezeichnet man das Fachgebiet, das sich mit dem Phänomen des Wissens befasst, als Erkenntnistheorie (Epistemologie). Den Epistemologen geht es aber nicht nur darum, eine allgemeingültige Definition des Wissens aufzustellen. Viele diskutieren außerdem die Frage, ob so etwas wie menschliche Erkenntnis – also Wissen – denn tatsächlich möglich ist. Diejenigen Philosophen, die das bezweifeln, gehören dem Skeptizismus an und fordern damit die Erkenntnistheoretiker heraus. Denn diese wollen zum einen Aufschluss über die Natur, den Ursprung und den Umfang menschlicher Erkenntnis geben, müssen zum anderen aber erst einmal zeigen, unter welchen Bedingungen es diese überhaupt gibt.

Innerhalb der modernen Erkenntnistheorie kann man eine Einteilung in fünf große Themenkomplexe vornehmen, so wie sie am Philosophischen Institut der LMU München erfolgt:

  1. Ein erkenntnistheoretisches Thema ist die Frage nach den Bedingungen von Wissen: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit wir von einem bestimmten Gegenstand Wissen haben? Dass es nicht reicht, eine wahre begründete Meinung zu haben, hat uns Gettier gezeigt. Trotzdem bleibt die Frage bestehen: Wie gut müssen die Gründe für unsere Meinungen sein, damit wir etwas wissen?
  2. Die Frage nach der Struktur von Erkenntnis bildet einen zweiten Themenkomplex. Wie begründen wir unsere Meinungen? Gibt es womöglich ein epistemisches Fundament, auf dem unser Wissen oder unsere Meinungen aufbauen? Oder sollte man Wissen eher als ein durch Meinungen gesponnenes Netz begreifen, das ein zusammenhängendes Ganzes bildet?
  3. Ein drittes Teilgebiet der Erkenntnistheorie ist seine Naturalisierung. Die Vertreter der naturalistischen Position sehen die empirischen Wissenschaften als grundlegend für das menschliche Wissen an. Das heißt, dass Erkenntnistheorie nichts anderes ist – oder sein sollte – als eine empirische Theorie der Kognition. Eine Frage ist dann, in welcher Beziehung Erkenntnistheorie und kognitive Psychologie zueinander stehen und ob die Erkenntnistheorie in letztere überführt werden kann.
  4. Außerdem beschäftigen sich Epistemologen mit den Quellen von Wissen und Erkenntnis. Es lassen sich sechs mögliche Wissensquellen unterscheiden: Wahrnehmung, Erinnerung, Introspektion, Induktion, Schlussfolgern und die Bezeugung durch andere.
  5. Der Skeptizismus ist ein Grundproblem und somit auch ein wichtiges Themengebiet der Erkenntnistheorie. Er verweist darauf, dass es denkbare Szenarien gibt, in denen (fast) alle unsere Überzeugungen falsch sind; und wir können nicht ausschließen, dass wir uns in einem solchen Szenario befinden. Dem skeptischen Einwand kann man auf verschiedene Weisen begegnen:
  • Man kann versuchen, ihn zu widerlegen, indem man zeigt, dass Wissen über die Welt – trotz der skeptischen Argumente – möglich ist.
  • Man kann dem Skeptiker mit einer therapeutischen oder theoretischen Diagnose seines eigenen Arguments begegnen, d. h. zu zeigen versuchen, dass das skeptische Problem selbst nicht hinreichend begründet ist.
  • Oder man kann zugestehen, dass der Skeptiker Recht hat. Dann stellt sich die Frage, welche Geltung unsere Praxis, in der Wissensansprüche zentral sind, noch haben kann.

Begriffsbestimmung
Kontextualismus
Eine in der Erkenntnistheorie momentan vieldiskutierte Frage ist die, ob die Standards für Wissen (also beispielsweise eine gerechtfertigte, wahre Meinung) in jeder Situation gleich sind. Für das Gegenteil – und damit für einen erkenntnistheoretischen Kontextualismus – hat unter anderem der Amerikaner Keith DeRose argumentiert. Eines seiner Gedankenexperimente läuft wie folgt:
Hannah will mit ihrer Freundin Sarah einen Gehaltsscheck bei der Bank einlösen. Als sie an einem Freitagnachmittag dort vorbeifahren, sehen sie eine sehr lange Warteschlange. Hannah sagt: „Wir kommen besser morgen wieder; ich weiß zufällig, dass die Bank auch samstags offen hat.“ Hannah hat sich tatsächlich erst kürzlich über die Öffnungszeiten der Bank informiert. Es scheint also, dass ihre Wissensbehauptung korrekt ist. Dann aber erinnert Sarah sie daran, dass die Einlösung des Schecks noch an diesem Wochenende außerordentlich wichtig ist, weil sonst ihr Konto nicht mehr gedeckt ist und dadurch allerhand Scherereien drohen. Daraufhin korrigiert sich Hannah: „Du hast Recht, ich hätte wohl nicht sagen sollen, dass ich weiß, dass die Bank auch morgen noch offen hat. Wir lösen den Scheck besser gleich ein.“

Die philosophische Frage lautet: Ist es sinnvoll, dass Hannah ihre Wissensbehauptung zurückzieht? Ist es gar der Fall, dass sie zuerst wusste, wie die Öffnungszeiten der Bank sind, dann aber daran erinnert wurde, wie viel von ihrer Behauptung abhängt, und es deswegen nicht mehr wusste? Oder wusste sie es von vornherein nicht? Der Kontextualist würde sagen: Ob jemand etwas weiß, hängt tatsächlich unter anderem davon ab, wie viel in der fraglichen Angelegenheit auf dem Spiel steht. Eine Übersicht in Stichworten bietet Christian Nimtz mit den Folien zu einer Vorlesung über den Kontextualismus.

Online-Vorlesungs-Aufzeichnung (Paul Hoyningen-Huene – 3 x 50:00)
Grundbegriffe der Erkenntnistheorie I – III
Die Vorlesung “Einführung in die theoretische Philosophie” aus dem Wintersemester 2013/14 von Hoyningen-Huene (Leibniz Universität Hannover) ist online verfügbar. In den Vorlesungen „Grundbegriffe der Erkenntnistheorie I bis III“ widmet sich Hoyningen-Huene der philosophischen Wissensproblematik. Im Video werden auch die Vorlesungsfolien eingeblendet, so dass man den Ausführungen des Dozenten gut folgen kann. Folgende Themenkomplexe werden behandelt:

Buch-Empfehlung (Peter Bieri)
Analytische Philosophie der Erkenntnis
Einen guten Überblick über zeitgenössische Positionen in der Erkenntnistheorie gibt dieser von Peter Bieri herausgegebene Band. Besonders die von Bieri verfasste Einleitung bietet einen verständlichen Einstieg in die Problemfelder der Erkenntnistheorie. Die Aufsätze – von namhaften Philosophen wie Donald Davidson und Willard Van Quine – sind nach ihren Kernproblematiken geordnet. Das sorgt dafür, dass für den Leser stets der rote Faden erkennbar bleibt.

Online-Portal (Goethe-Universität)
Religionsphilosophische Forschung
Religionen scheinen eine ganz bestimmte Art von Wahrheit zu beanspruchen. Sie stellen die Fragen des Wissens und Glaubens in einen theologischen Kontext. Die Religionsphilosophie hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, diese religiöse Form beanspruchter Wahrheit zum Gegenstand philosophischen Denkens zu machen. Das Institut für religionsphilosophische Forschung der Goethe-Universität Frankfurt arbeitet interdisziplinär, vor allem am Dialog zwischen den Religionen, aber auch an der Frage, wie sich Naturwissenschaften und Religionen in einer postsäkularen, pluralistischen Gesellschaft begegnen können.

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2. Konzepte

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Wir sind normalerweise davon überzeugt, viele verschiedene Dinge über die Welt und uns zu wissen. Es gibt die Vielfalt der Wissenschaften, welche immer neue Erkenntnisse hervorbringen. Philosophen wie Sokrates und Descartes lehren uns zugleich aber auch, dass wir an unserem Wissen zweifeln können. Daher stellt sich die Frage, woher wir unser Wissen erlangen, was die Quellen unseres Wissens sind. In der Philosophie wurde diese Frage in verschiedenen Ansätzen beantwortet.

Die Rubrik „Konzepte“ greift zentrale philosophische Begriffe der Sendungen auf und verweist mit Hilfe kurzer Erläuterungen und Kommentare auf vertiefende Ressourcen wie Internet-Portale, Online-Videos und klassische Bücher. Auch hier kann nach eigenem Ermessen und Vorwissen übersprungen oder tiefer eingetaucht werden.

2.1 Fundamente des Wissens

Bezug Manuskript: S. 8, 15; Bezug Audio 11:30, 22:00

 SOKRATES:
Und glaubst du, daß das Wissen, sowie ich es jetzt meinte,
zu finden eine Kleinigkeit ist und nicht viel mehr unter
die gar schwierigen Aufgaben gehört?
THEAITETOS:
Beim Zeus, unter die allerschwierigsten, glaube ich.

(aus Platons Dialog Theaitetos)

Online-Vorlesungsfolien (Christian Nimtz – PDF, 8 S.)
Was heißt in der Philosophie Fundamentalismus?
Wissensansprüche und Überzeugungen müssen begründet werden. Dies geschieht durch Rekurs auf weitere Überzeugungen oder vorausgesetztes Wissen. Was passiert, wenn wir immer weiter nach einer Begründung fragen? Die Erkenntnistheorie nennt hier drei grundsätzliche Möglichkeiten. Erstens könnte es sein, dass wir schlichtweg ohne Abbruch fragen würden; das heißt wir gerieten in einen sogenannten infiniten Regress. Zweitens könnte es sein, dass wir bei der Begründung eines Wissensanspruchs irgendwann wieder bei der eigentlich zu begründenden Überzeugung ankämen; dann wäre die Begründung zirkulär. Eine dritte Option ist der erkenntnistheoretische Fundamentalismus, der davon ausgeht, dass es ein Fundament des Wissens gibt, das aus gesicherten, unbezweifelbaren Überzeugungen besteht und bei dem nicht mehr sinnvoll weiter nach Begründungen gefragt werden kann. Die Vorlesungsfolien von Christian Nimtz von der Universität in Bielefeld geben einen Überblick. Die zwei wichtigsten Spielarten des

Online-Vorlesungsfolien (Holm Bräuer – PDF, 162 S.)
Die Suche nach dem Wissen
Für das Thema Wissen interessant sind die Vorlesungsfolien zur Einführung in die Erkenntnistheorie aus dem Sommersemester 2013. Auf der Institutsseite von Holm Bräuer der philosophischen Fakultät der Technischen Universität Dresden lassen sich neben wissenschaftlichen Publikationen auch Materialien aus der Lehre finden. Sowohl der Laie als auch der wissenschaftliche Veteran können hier mit Gewinn einen visuellen Exkurs zu Wissen und Wahrheit unternehmen. Die Folien sind so anschaulich gestaltet, dass der Umfang durchaus erfreuen kann. Die Suche nach der Wahrheit wird durch weitere Folien (PDF 179 S.) unterstützt. Leicht verständlich wird die Theorie des erkenntnistheoretischen Fundamentalismus Schritt für Schritt hergeleitet.

Buch-Empfehlung
Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie (Thomas Grundmann)
Zur verständlichen und dabei vertiefenden Lektüre ist das Buch von Thomas Grundmann geeignet. Im Klappentext heißt es: „Diese Einführung ist sinnvoll für Leser ohne besondere Vorkenntnisse aus unterschiedlichen Disziplinen, Studierende der Philosophie; sie ist aber auch für philosophische Kenner eine Gewinn bringende kritische Orientierungshilfe.“ Wie die 386 Buchseiten gegliedert sind, zeigt das Inhaltsverzeichnis. Um den Fundamentalismus geht es im 5. Kapitel.

Begriffsbestimmungen
Rationalismus und Empirismus
Erkenntnistheoretische Rationalisten und Empiristen stimmen in der Frage überein, dass Wissensbegründungen früher oder später abbrechen – das heißt, dass es bestimmte Überzeugungen gibt, die zwar andere Überzeugungen begründen, selbst aber nicht weiter begründet werden müssen. Sie streiten jedoch darüber, welche Art von Überzeugung dafür in Frage kommt. Der Rationalismus, dessen frühester und prominentester Vertreter Descartes war, besagt, dass unser Wissen auf nichts anderem beruhen kann als unserem Denken: Einige wenige Wahrheiten können wir als unmittelbar evident einsehen. Descartes nennt hier den berühmten Satz “Ich denke, also bin ich”, den man nicht bezweifeln kann, ohne sich dadurch selbst zu widersprechen. Der Empirist hingegen ist überzeugt, dass Wissen nur aus der Erfahrung stammen kann. Unter “Erfahrung” wird hier die Gesamtheit unserer Wahrnehmungen verstanden; Wissen beruht schlussendlich auf den sogenannten Sinnesdaten, das heißt auf den Informationen, die wir durch unseren Wahrnehmungsapparat über die Außenwelt erhalten.

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2.2 Rationalismus – Wissen durch Denken

Bezug Manuskript: S. 2, 10; Bezug Audio 1:50, 14:30

Schon vor Jahren bemerkte ich, wie viel Falsches ich von Jugend
auf als wahr hingenommen habe und wie zweifelhaft alles sei,
was ich später darauf gründete; darum war ich der Meinung,
ich müsse einmal im Leben von Grund auf alles umstürzen
und von den ersten Grundlagen an ganz neu anfangen, wenn
ich später einmal etwas Festes und Bleibendes in den
Wissenschaften errichten wollte.
Descartes

René Descartes (1596 – 1650)

Online-Video (ARD, Denker des Abendlandes – 29:03)
Descartes
Harald Lesch und Wilhelm Vossenkuhl stellen René Descartes in ihrer Reihe “Denker der Abendlandes” auf unterhaltsame Weise vor. Im angeregten Gespräch heben die beiden Philosophen Descartes als den großen Denker heraus, der den Umschwung zur modernen Philosophie bewirkt hat. Sie würdigen ihn darüber hinaus als Vater der modernen Mathematik und der kartesische Methode des Denkens. Auch den Menschen Descartes bringen Lesch und Vossenkuhl dem Zuschauer näher. Descartes gilt als der Begründer des Rationalismus und unten unter “Personen” findet sich ein Kurzportrait.

Online-Podcast (BR alpha – 21:43)
Cogito ergo sum oder die Geburt der Moderne
Dieser Audio-Beitrag aus der Reihe “Philosophie der Aufklärung” vermittelt – angefüllt mit prägnanten Zitaten – verständlich und sachlich Descartes’ Weg zur Erneuerung des philosophischen Denkens. Ein sicheres Fundament sollte Ausgangspunkt für alle anderen Wissenschaften sein. Zu diesem Zweck wandte Descartes eine Methode an, die man als radikalen Zweifel bezeichnet: Er geht hypothetisch davon aus, dass alles, was bezweifelt werden kann, tatsächlich falsch ist. Hierunter fallen sämtliche Überzeugungen über die Außenwelt, ja sogar über den eigenen Körper. Erst bei der Seele macht Descartes Halt: Wenn ich schon zweifle, dann kann ich zumindest nicht mehr bezweifeln, dass ich existiere und zweifle. Der berühmte Satz „Ich denke, also bin ich“ steht also am Ende einer radikalen Zweifelsoperation. In dem Beitrag wird ebenfalls Descartes‘ Substanzlehre von der ausgedehnten und der denkenden Substanz (res cogitans und res extensa) vorgestellt.

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2.3 Empirismus – Wissen durch Erfahrung

Bezug Manuskript: S. 9, 13; Bezug Audio: 12:50, 18:40

 Nehmen wir also an, der Geist sei, wie man sagt,
ein unbeschriebenes Blatt, ohne alle Schriftzeichen, frei
von allen Ideen; wie erhält er seine Einrichtung? Wie
gelangt er zu dem gewaltigen Vorrat an Ideen, womit ihn
die geschäftige schrankenlose Phantasie des Menschen in
nahezu unendlicher Mannigfaltigkeit ausgemalt hat? Woher
hat er all das Material für sein Überlegen und seine
Erkenntnis? Ich antworte darauf mit einem einzigen Worte:
aus der Erfahrung. Auf sie gründet sich unsere gesamte
Erkenntnis, von ihr leitet sie sich letztendlich her.
John Locke

John Locke (1632 – 1704)

Online-Video (3sat, Philosophisches Kopfkino – 2:22)
Was ist eigentlich Empirismus?
Sehr alltagstauglich bringt der 3sat-Artikel aus der Reihe Philosophisches Kopfkino dem Leser den Empirismus nahe. Die Welt erschließt sich laut Empirismus über Erfahrungen, ob mit dem Chemiebaukasten oder der Keksdose. Im dazugehörigen Online-Video (2:22) wird die kurze Einführung humorvoll animiert.

Online-Vorlesungsfolien (Uwe Meyer – PDF, 10 S.)
Locke und der Empirismus
Eine kurze, auf universitärem Niveau gehaltene Information zu John Locke und dem Empirismus geben zehn Vorlesungsfolien von Meyer von der Universität Osnabrück. Hier wird die empiristisch geprägte, angelsächsische Philosophie der kontinentalen Philosophie des Rationalismus gegenübergestellt. Alles, was der Geist wahrnimmt, bezeichnet Locke als “Idee”. Doch auch der Empirismus stößt bei der Suche nach dem Fundament des Wissens auf Probleme, die auf den Folien ebenfalls kurz skizziert werden.

Online-Podcasts
Zu den Vertretern des Empirismus
Wichtige Vertreter des Empirismus sind neben John Locke Thomas Hobbes und David Hume. Sie gehen von der sinnlichen Erfahrung als Basis aller Erkenntnis aus. Nach Vorbild der exakten Wissenschaften soll auch die Philosophie neu begründet werden. Eine intensive Auseinandersetzung wird dabei mit den Vertretern des erkenntnistheoretischen Rationalismus geführt. Wer das Fundament des Wissens für sich beanspruchen kann, um sein Theoriegebäude darauf zu errichten, ist heftig umstritten. Zu diesem Thema gibt es ein interessantes und sich ergänzendes Angebot an Online-Podcasts.

  • Thomas Hobbes und John Locke (Online-Video, 29:00, ARD/BR)
  • David Hume (Online-Video, 29:54, ARD/BR)
    In der Reihe “Denker des Abendlandes” stellen Harald Lesch und Wilhelm Vossenkuhl die Vertreter des Empirismus vor. Im Dialog der Gesprächspartner werden dabei die Erkenntnisse von Hobbes, Locke und Hume an praktischen Beispielen entwickelt und interessante biographische und historische Hintergründe beleuchtet.
  • Empirismus – Die Welt als Erfahrung (Online-Audiobeitrag, 22:34)
    Aus der Reihe “Philosophie der Aufklärung” seien diese beiden Hörbeiträge empfohlen. England an der Schwelle der industriellen Revolution – dies ist der Hintergrund, vor dem der Empirismus an Fahrt gewann.

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2.4 Rechtfertigung von Überzeugungen

Bezug Manuskript: S. 4, 9; Bezug Audio 3:50, 12:40

Es gibt keine tabula rasa. Wie Schiffer sind wir,
die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es
jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen
neu errichten zu können.
Otto Neurath

Wie können wir zu richtigen Überzeugungen kommen? Zwei alternative philosophische Konzepte, die nicht von der Annahme eines Wissensfundaments ausgehen, sind der Kohärentismus und der Pragmatismus. Beide versuchen den skeptischen Szenarien findiger Philosophen etwas entgegenzusetzen.

Online-Vorlesungsfolien (Ansgar Beckermann – PDF, 23 S.)
Was genau ist Kohärentismus?
Der Kohärentismus besagt: Jede Überzeugung bedarf der Stützung durch andere Überzeugungen. Alle Überzeugungen stehen miteinander im Zusammenhang. Kohärenz ist gegeben, wenn alle Überzeugungen durch andere gestützt werden und dabei kein Widerspruch entsteht. Ein kohärentes System ist holistisch, das heißt ein in sich geschlossenes Ganzes. Die Vorlesungsfolien stammen von Beckermann von der Universität Bielefeld.

Online-Video (3sat, Philosophisches Kopfkino – 3:37)
Was ist eigentlich Pragmatismus?
In der 3sat-Reihe Philosophisches Kopfkino findet sich eine unterhaltsame Einführung zum Pragmatismus in nur dreieinhalb Minuten. Der Pragmatismus betont die praktischen Aspekte des Denkens und Handelns. Er bringt zum Ausdruck, dass allgemeiner und abstrakter Zweifel nicht ausreicht, um unsere Überzeugungen ins Wanken zu bringen; nur durch begründete Zweifel lassen sich unsere Überzeugungen herausfordern. Als Begründer des Pragmatismus gilt Charles S. Peirce. Neben ihm ist William James Vertreter dieser Strömung. Der Pragmatismus hat sich nach frühen Anfängen bei Bacon und Kant gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in Amerika etabliert. Hier der zum Video gehörende 3sat-Artikel.

Online-Vorlesungsfolien (Christian Nimtz – PDF, 9 S.)
Skeptizismus
Der Skeptizismus beschäftigt sich mit der Frage, ob Wissen überhaupt möglich ist: Vielleicht gibt es gar keine gemeinsamen Merkmale all der Fälle, die wir unter “Wissen” subsumieren. Davon jedenfalls geht der Skeptizismus aus, laut Duden eine „den Zweifel zum Prinzip des Denkens erhebende, die Möglichkeit einer Erkenntnis der Wirklichkeit und der Wahrheit infrage stellende Richtung der Philosophie.“ Einen Überblick zum Skeptizismus geben die Vorlesungsfolien von Nimtz von der Universität in Bielefeld. Weitere Materialien zum philosophischen Gedankenexperiment, ob wir ausschließen können, dass wir nur als Gehirn in einem verkabelten Nährstofftank existieren finden sich hier:

Buch-Empfehlung (Thomas Grundmann)
Der Wahrheit auf der Spur
Einen Eindruck des Buchs von Grundmann gibt die Rezension, die Elke Brendel in der Zeitschrift Grazer Philosophische Studien veröffentlicht hat. Das Buch verhilft zu einem weiterführenden Verständnis verschiedener Wissenskonzeptionen. Der klassischen Definition des Wissens liegt eine internalistische Konzeption zugrunde. Das heißt: Maßgebend für Wissen sind bestimmte kognitive Vorgänge beim (oder “im”) Subjekt – im klassischen Fall das Vorliegen einer Rechtfertigung. Anders beim erkenntnistheoretischen Reliabilismus (auch Verlässlichkeitstheorie des Wissens genannt), der auf einer externalistischen Konzeption beruht, also auf der Annahme, dass es ausreicht, wenn das Subjekt in einem bestimmten objektiven Verhältnis zur Wahrheit steht. Dem Reliabilismus zufolge kann nur derjenige Wissen haben, der über einen verlässlichen Überzeugungsbildungsprozess verfügt.

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2.5 Wissen, Zweifeln, Glauben

Bezug Manuskript: S. 11, 18; Bezug Audio 15:40, 24:40

Gott ist das Vollkommenste, was es gibt;
da ein Gott, der bloß gedacht wäre und nicht existierte,
weniger vollkommen wäre als ein Gott, den es gibt,
muss also Gott existieren.
Anselm von Canterbury

Online-Zeitschriftenartikel (Jörg Frey – Hermeneutische Blätter)
Der ungläubige Thomas
In der Figur des ungläubigen Thomas ist der Zweifel – tief eingeprägt in die abendländische Kultur – auch außerhalb der Philosophie über Jahrtausende lebendig. Diesem prominenten biblischen Skeptiker kommt eine Vermittlerrolle zwischen Zweifel und Glauben zu, so Frey von der Universität Zürich in der Zeitschrift Hermeneutische Blätter.

Anselm von Canterbury (1033 – 1109)

Online-Video (ARD – 30:01)
Anselm von Canterbury und sein Gottesbeweis
In der Reihe “Denker des Abendlandes” sind Harald Lesch und Wilhelm Vossenkuhl im Gespräch über Anselm von Canterbury. Sie beschreiben seine Auseinandersetzung zwischen Vernunft und Glauben im elften Jahrhundert. Auf dem Weg zur Erkenntnis suchte Anselm zuerst nach einer Definition der Wahrheit. Erst auf dieser Grundlage entstand sein Gottesbeweis. Eingebettet in einen historischen Exkurs würdigen Lesch und Vossenkuhl in ihrem unterhaltsamen Dialog Anselms Beweis als eine Brücke über den Abgrund des Zweifels.

Zur Suche nach dem Gottesbeweis
Warum wollen die Philosophen Gott beweisen? Seit der Antike versuchten Philosophen, die Existenz Gottes zu begründen. Im Hochmittelalter hat nach Anselm von Canterbury auch Thomas von Aquin gleich auf fünf Wegen Gott zu beweisen gesucht. In der Neuzeit kommt Immanuel Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ zu dem Ergebnis, dass Gott allein mit der Vernunft weder beweisbar noch widerlegbar ist. Dazu müsste der Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren überschritten werden. Dass Gott nicht beweisbar ist, heißt jedoch nicht, dass er nicht existiert.

  • Was ist der Glaube?
    (Online-Video, 2:54)
    Das Philosophische Kopfkino von 3sat stellt hier kurz und knapp die Suche des Menschen nach Grundsätzen des Glaubens vor.
  • Logische Formalisierung vom Glauben
    (Online-Artikel, academia.edu)
    Auch Glauben lässt sich in logische Formen bringen. Hier wird der Gottesbeweis von Anselm von Canterbury mit Elementen der Aussagenlogik formalisiert dargestellt.
  • Infragestellung von Gottesbeweisen
    (Online-Vorlesungsfolien, PDF, 5 S.)
    Zusammengefasst auf fünf Vorlesungsfolien von Uwe Meyer von der Universität Osnabrück lässt sich hier nachlesen, dass dieser Gottesbeweis aus dem elften Jahrhundert bereits zu Lebzeiten Anselms von dem Mönch Gaunilo von Marmoutiers in Frage gestellt wurde.
  • Gottesbeweis bei René Descartes
    (Online-Podcast, 3:30)
    In der Audioreihe PhilosophenUndDenker kann man den Gottesbeweis bei René Descartes nachvollziehen. Unendlichkeit und Vollkommenheit sind die Eigenschaften nur eines Wesens, von Gott – so erklärt es Descartes in seinem Gottesbeweis.
  • Kritik der reinen Vernunft
    (Online-Text)
    Kant hat in der Kritik der reinen Vernunft (drittes Hauptstück, dritter Abschnitt) eine Nomenklatur der Gottesbeweise entwickelt. Danach lassen sich physikotheologische, kosmologische und ontologische Gottesbeweise unterscheiden.

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3. Personen

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Informationen zu den Interviewpartnern der Sendung und den einschlägigen Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte finden Sie in der folgenden Auflistung.

# Elke Brendel
Elke Brendel ist Professorin für Logik und Grundlagenforschung an der Universität Bonn. Neben Logik gehören auch Argumentationstheorie, Erkenntnistheorie, Sprachphilosophie und Wissenschaftsphilosophie zu ihren Arbeitsschwerpunkten. Brendel hat unter anderem Bücher über den Zusammenhang von Wahrheit und Wissen geschrieben.

# René Descartes
René Descartes (1596 – 1650) ist ein Vertreter des Rationalismus, der erkenntnistheoretischen Gegenposition zum Empirismus. Die wichtigsten Werke des französischen Philosophen sind die Abhandlung über die Methode, richtig zu denken und Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen (1637) und vor allem die berühmten Meditationen (1641), in denen Descartes den Versuch unternimmt herauszufinden, was man als Mensch sicher wissen kann. Um eine Antwort auf seine Ausgangsfrage zu finden, wendet Descartes den methodischen Zweifel an. Er hinterfragt zunächst alles, von dem er bisher glaubte, es sicher zu wissen. Insbesondere Erkenntnisse, zu denen wir mit Hilfe sinnlicher Erfahrungen gelangen, zweifelt Descartes an, da uns unsere Sinne häufig täuschen. So nehmen unseren Augen beispielsweise einen Strohhalm, den wir ins Wasser halten, als geknickt wahr. Mit seinem berühmten Cogito-Argument gelangt Descartes schließlich zu dem, was er als Fundament der Erkenntnis akzeptieren kann:

“Zweifellos bin also auch Ich […] so lange ich denke, ich sei etwas. Nachdem ich so alles genug und übergenug erwogen habe, muß ich schließlich festhalten, daß der Satz ‚ ‘Ich bin, Ich existiere’, so oft ich ihn ausspreche oder im Geiste auffasse, notwendig wahr sei.” (II, 3).

Gerade indem Descartes sich als zweifelnd erfährt, muss er sich selbst als existent annehmen. Damit glaubte er, einen verlässlichen Ausgangspunkt für alle weiteren Erkenntnisse gefunden zu haben. Nicht zuletzt mit seinem Cogito-Argument hat Descartes die Diskussionen der modernen Philosophie entscheidend beeinflusst.

# Edmund Gettier
Edmund Gettier (geboren 1927) erlangte als Philosoph große Bekanntheit durch seinen nur drei Seiten umfassenden Aufsatz „Is Justified True Belief Knowledge?“ von 1963. Er wirft das Problem auf, dass wahre, gerechtfertigte Meinung als Definition des Wissens entgegen einer weit verbreiteten Annahme unzureichend ist. Die Klasse dieser und ähnlich gelagerter Problemfälle wird inzwischen als die der Gettier-Fälle bezeichnet, obgleich sich ähnliche Argumente allgemeiner auch schon bei Ludwig Wittgenstein und Bertrand Russell finden.

# Thomas Grundmann
Thomas Grundmann ist Professor für Philosophie an der Universität Köln. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Erkenntnistheorie, Sprachphilosophie, Kant sowie die Philosophie des Geistes.

# David Hume
David Hume (1711 – 1776) war ein schottischer Ökonom, Historiker und als Philosoph ein bedeutender Vertreter des Empirismus und der Aufklärung. Er verfasste Schriften zur Erkenntnistheorie, Religionsphilosophie, Ethik und Politik sowie zur Geschichtswissenschaft. Zu seinen wichtigsten Werken gehören A Treatise of Human Nature (1739), An Enquiry Concerning Human Understanding (1748/58), An Enquiry Concerning the Principles of Morals (1751) und Dialogues Concerning Natural Religion (1779). Von seinen Werken wurde unter anderem Immanuel Kant maßgeblich beeinflusst.

# Immanuel Kant
Immanuel Kant (1724 – 1804) gehört zu den prominentesten Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte. Er wurde am 22. April 1724 in Königsberg (heute Kaliningrad, Russland) als viertes von acht Kindern geboren. Während seiner Schulzeit erhielt er eine strenge religiöse Erziehung. Bereits mit sechzehn Jahren studierte er an der Königsberger Universität zahlreiche Fachgebiete, darunter Philosophie, Physik und Mathematik. Im Todesjahr seines Vaters (1746) unterbrach er das Studium und blieb bis zur Wiederaufnahme 1754 als Hauslehrer beschäftigt. Nach der Habilitation im Jahr 1755 erhielt er die Stelle eines Privatdozenten, u.a. für Logik, Metaphysik, Mechanik, Mathematik, Naturrecht, Pädagogik, Moralphilosophie und Theologie. Im Jahr 1770 wurde er nach einigen erfolglosen Bewerbungen auf den Königsberger Lehrstuhl für Logik und Metaphysik berufen. Fast sein ganzes Leben verbrachte Kant in seiner Heimatstadt, wo er am 12. Februar 1804 starb.
Zu Kants Hauptwerken zählen die Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft, Kritik der Urteilskraft sowie die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.
In seiner Kritik der reinen Vernunft untersucht Kant die Grundlagen menschlicher Erkenntnisfähigkeit. Zu der Frage, wie es überhaupt möglich sei, einen Gegenstand zu erkennen, formuliert Kant eine neuartige Antwort:  Nicht der Mensch habe sich nach den Gegenständen zu richten, sondern die Gegenstände seien dem Erkenntnisvermögen des Menschen unterworfen. Dabei setzt er im Bemühen, zu einer sicheren Erkenntnis zu gelangen, zunächst auf die Erfahrung. Eine reine, von aller Erfahrung unabhängige Erkenntnis (a priori) sei nicht möglich.
Alle menschlichen Erfahrungen sind jedoch bestimmten Erkenntnisbedingungen unterworfen, denen Kant  in seiner Reflexion zu den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnissen nachgeht. So ist menschliche Erfahrung nur unter den Bedingungen von Raum und Zeit sowie nach der Maßgabe spezifischer Kategorien (Qualität, Quantität, Relation, Modalität) möglich.
Diese Fundierung der menschlichen Erkenntnis im Erfahrungsbegriff mündet in die Destruktion der tradierten Gottesbeweise.

# Thomas S. Kuhn
Thomas S. Kuhn (1922 – 1996) war ein amerikanischer Wissenschaftshistoriker und Philosoph. Besondere Bekanntheit erlangte er durch sein Buch The Structure of Scientific Revolutions (Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen), das 1962 erschien. Der Begriff des „Paradigmas“ bzw. „Paradigmenwechsels“ in den Wissenschaften ist zentraler Bestandteil seiner Wissenschaftstheorie.

# Platon
Platon (427 – 347 v. Chr.) war ein Schüler von Sokrates. In zahlreichen seiner Werke beschäftigt sich Platon mit der Philosophie  seines Lehrers und der von diesem entwickelten Methode des sokratischen Dialogs (Mäeutik). Da Sokrates selbst keine Schriften hinterlassen hat, sind wir hinsichtlich der Kenntnisse über den Vater der klassischen antiken Philosophie und sein Denken auf Überlieferungen angewiesen, vor allem auf die Werke Platons und Xenophons.  Sokrates Hinrichtung hat Platon tief erschüttert, wovon u.a. die Apologie des Sokrates zeugt. Platon gilt als einer der einflussreichsten Denker des Abendlandes, der für die folgenden zentralen Bereiche der Philosophie grundlegende Positionen formuliert hat, mit der sich auch zeitgenössische Philosophen noch auseinandersetzen: Metaphysik (Platons Ideenlehre), Ethik (Lehre vom glücklichen Leben/Eudaimonia), Anthropologie, Staatstheorie (Politeia), Kosmologie, Kunsttheorie und Sprachphilosophie.
In seinem Buch „Prozess und Realität“ bezeichnet Michael Hampe Alfred North Whitehead alle philosophischen Bemühungen nach Platon als Fußnoten zu demselben.

# Hilary Putnam
Hilary Putnam (geboren 1926) ist ein amerikanischer Philosoph, der vor allem in den Bereichen Sprachphilosophie und Philosophie des Geistes tätig ist. Die Vorstellung von einem „Gehirn im Tank“ thematisiert er am Anfang seines Werkes „Vernunft, Wahrheit und Geschichte“.

# Markus Schrenk
Markus Schrenk ist seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Seminar der Wilhelms-Universität Münster. Zuvor übernahm er Professurenvertretungen der theoretischen Philosophie an der Universität Köln wahr. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Metaphysik, Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie. Eine seiner aktuellen Veröffentlichungen beschäftigt sich mit der Metaphysik der Naturwissenschaften.

# Sokrates
Sokrates (ca. 469 – 399 v. Chr.) ist neben Platon und Aristoteles einer der wichtigsten Philosophen der griechischen Antike. Bekannt war Sokrates zu Lebzeiten vor allem für seine markante Gesprächsführung, mit der er zum philosophischen Denken anregte. Dabei fand die Methode der sogenannten Mäeutik („Hebammenkunst“) Verwendung: Eine Person gelangt zu Erkenntnis, indem sie durch entsprechende Fragen zum eigenen Nachdenken angeregt wird und sich einen Sachverhalt selbst erschließen kann. Wissen wird auf diese Weise von der Person „geboren“ – der Fragende ist sozusagen die „Hebamme“. Von Sokrates selbst sind keine Schriften überliefert. Mit 70 Jahren wurde er wegen Gottlosigkeit und Verderbung der Jugend angeklagt und zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt. Oft wird ihm der Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ zugeschrieben. Er bezieht sich auf seine Grundannahme des (Nicht-)Wissens: Sokrates ist sich bewusst, dass er nichts weiß, und weiß insofern doch wieder mehr als Menschen, die vorgeben, sicheres Wissen zu haben.

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4. Didaktik

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In der Rubrik “Didaktik” finden Sie Bezüge zum philosophischen Unterricht sowie weiterführende Lehr- und Lernmaterialien. Die Beiträge sind selbstverständlich nicht nur Lehrkräften vorbehalten und laden zum Stöbern und Nachlesen ein.

Der weiß, dass er nichts weiß,
wie alle andern auch nichts wissen.
Nur weiß er, was die anderen
und er noch lernen müssen.
Carlo Karges (Novalis)

4.1 Curriculare Bezüge

  • Entwurfsfassungen der neuen Kerncurricula Philosophie und Ethik
    Seit ihrer Veröffentlichung im November 2014 können die Entwürfe der neuen Kerncurricula für die gymnasiale Oberstufe breit diskutiert werden. Die Einordnung der fachlichen Inhalte der Sendung erfolgt hier exemplarisch. Zu folgenden Unterrichtsinhalten ist eine Zuordnung möglich.
  • Zur Philosophie:
    E1 Einführung in die Philosophie
    Themenfeld 1: Was ist und soll Philosophie? Was kann ich wissen? (Erkenntnisphilosophie)
    Themenfeld 5: Metaphysik Mensch und Glaube
    Q2 Erkenntnis und Wissenschaft
    Themenfeld 1: Erkenntnis und Wahrheit – Erkenntnis, Wahrheit und Wirklichkeit: Erkenntnistheorien
  • Zur Ethik:
    E2 Ethik und Religion
    Themenfeld 2: Glaube und Vernunft
    Q4 Mensch, Natur und Technik
    Themenfeld 2: Technik und soziale Welt

 

4.2 Die Sokratische Methode

 

SOKRATES:
Ja auch hierin geht es mir eben wie den Hebammen,
ich gebäre nichts von Weisheit, und was mir bereits
Viele vorgeworfen, daß ich Andere zwar fragte, selbst
aber nichts über irgend etwas antwortete, weil ich
nämlich nichts kluges wüßte zu antworten, darin haben
sie Recht … Die aber mit mir umgehn, zeigen sich
zuerst zwar zum Teil gar sehr ungelehrig; hernach aber
bei fortgesetztem Umgange alle denen es der Gott
vergönnt wunderbar schnell fortschreitend, wie es
ihnen selbst und Andern scheint; und dieses offenbar
ohne jemals irgend etwas von mir gelernt zu haben,
sondern nur selbst aus sich selbst entdecken sie viel
Schönes, und halten es fest.
(aus Platons Dialog Theaitetos)

Online-Artikel Sokratische Methode (Manfred Rosenbach)
Lehren und Lernen mit der sokratischen Methode
Sokrates und Platon begleiten uns nicht nur seit über 2000 Jahren durch die Erkenntnistheorie. Sie haben auch wichtige Beiträge zur didaktischen Aufbereitung des Erwerbens von Wissen beigesteuert. In der sokratischen Methode wird das Lehren mit der Hebammenkunst (Mäeutik) verglichen; die Lehrenden sind die Geburtshelfer des Wissens. Diese didaktische Methode trägt den Namen von Sokrates, weil Platon in seinen Dialogen Sokrates als Meister und Lehrer auftreten lässt. Manfred Rosenbach hat dazu didaktische Materialien für die Schulpraktischen Seminare in Berlin erstellt.

Online-Video (29:19) (BR)
Sokrates – der fragende Lehrer
In der Reihe „Denker des Abendlandes“ sind Harald Lesch und Wilhelm Vossenkuhl im Gespräch über Sokrates, den wohl bekanntesten Philosophen der Antike. Harald Lesch fragt: „War Sokrates ein Streetworker der Vernunft?“ Auf dem Marktplatz von Athen stellt Sokrates eine neue, besondere Art von Fragen, Fragen danach, was etwas ist, „ti estin“-Fragen oder Definitionsfragen. Mit der Hebammenkunst geht Sokrates nach einem bestimmten Verfahren vor, dem „Elenchos“. Dies ist die zentrale Methode, mit der Sokrates seine Gesprächspartner führt. Lesch und Vossenkuhl demonstrieren dies dem Zuschauer unterhaltsam am Beispiel des Guten mit einem Gespräch über den Geschmack von Birnen.

Zum Elenchos
Das Standard-Elenchos hat folgenden beispielhaften Gesprächsablauf: Sokrates‘ Gesprächspartner, nennen wir ihn T, stellt eine Behauptung auf. Sokrates befragt T, und neben der Behauptung werden durch Sokrates‘ Fragen weitere relevante Überzeugungen herausgefördert, die T äußert. Diese Überzeugungen stehen nun neben der ursprünglichen Behauptung. Doch weil T im Gespräch mit Sokrates nicht alles überblickt hat, sind dabei auch solche Überzeugungen ans Licht getreten, die im Gegensatz, ja Widerspruch zur ersten Behauptung stehen. Nun hat sich der T als jemand erwiesen, der nicht recht weiß, was er denkt und sagt. Dadurch gerät er in Aporie, also Ratlosigkeit und Ausweglosigkeit. Erst jetzt springt Sokrates helfend ein, um die Behauptung von T zu widerlegen. Der demonstrierte Wissensanspruch von T muss erst dem Anerkenntnis von Nicht-Wissen weichen, bevor ein Fortschritt in der Erkenntnis möglich ist.

Zur Geometriestunde
Der Menon-Dialog gilt als das Paradebeispiel der sokratischen Methode. Anliegen von Sokrates ist, die Erinnerung an vorgeburtliches Wissen nachzuweisen. Durch die Wiedererinnerung des ungebildeten Sklavenjungen will Sokrates die Prä-Existenz der Seele beweisen. Im Menon-Dialog entwickelt Sokrates nicht nur die zugrundeliegende fragende Gesprächsform (Elenchos), sondern praktiziert sie auch gleich sehr anschaulich. Der Sklavenjunge in der Rolle des Schülers erhält eine Aufgabe. Er soll aus einem gegebenen Quadrat ein Quadrat mit dem Flächeninhalt von 2a in den Sand zeichnen. Mehrere erfolglose Versuche führen den Schüler in die Ratlosigkeit (Aporie). Dies ist der entscheidende (didaktische) Augenblick. Mit Sokrates‘ Begleitung gelangt der Schüler doch zum Ziel.

SOKRATES:
Sieh nun aber auch zu, was er von dieser Verlegenheit aus,
mit mir suchend, auch finden wird, indem ich ihn immer nur
frage und niemals lehre. Und gib wohl acht, ob du mich je
darauf betriffst, dass ich ihn lehre und ihm vortrage und
nicht seine eigenen Gedanken nur ihm abfrage.
(aus Platons Dialog Menon)

Online-Artikel (Yücesoy, Jänicke, Brune, Gronke – Bildungsserver Berlin-Brandenburg)
Die neosokratischen Gesprächsführung
Der Artikel zur Methode der neosokratischen Gesprächsführung dient als kurze Einführung. Für den Unterricht wurde die sokratische Methode von Leonard Nelson und Gustav Heckmann zum Gruppengespräch erweitert. Bei diesem neosokratischen Gespräch wird die Leitidee beibehalten, dass die Lernenden Erkenntnisse selbst entwickeln. Für den Lehrenden jedoch ist äußerste Zurückhaltung in der Gesprächsleitung geboten. Wesentliche Elemente sind die gemeinsame Konsensfindung und die Ebene des Meta-Gesprächs. Beim Philosophieren in der Schule unterstützt diese Methode wirksam die Entwicklung der Gesprächskultur. Weitere Grundlagen und Anwendungsfelder finden sich im Zusatzmaterial zur ersten Sendung des Funkkollegs.

 

4.3 Philosophieren in Filmen

Die Matrix ist allgegenwärtig, sie umgibt uns, selbst
hier ist sie, in diesem Zimmer. Du siehst sie, wenn du aus
dem Fenster guckst, oder den Fernseher anmachst. Du kannst
sie spüren, wenn du zur Arbeit gehst. Oder in die Kirche,
und wenn du deine Steuern zahlst. Es ist eine Scheinwelt,
die man dir vorgaukelt, um dich von der Wahrheit abzulenken.
Morpheus im Film Matrix

Zum Philosophieren in Filmen
Jetzt können wir Platon noch weiter folgen, diesmal in sein Gedankenexperiment der Höhle (in der Politeia). Wir gelangen dort in ein Szenario bewegter Schattenbilder an der Höhlenwand. Diesen Bildern hat schon Platon eine besondere Kraft zugeschrieben. Doch anders als im Höhlengleichnis haben didaktisch ausgewählte Kinofilme eine produktive Symbolkraft. Sie können im Schulunterricht zur Reflexionseröffnung und als Basis des Philosophierens dienen.

  • Was ist eigentlich Idealismus? (Online-Video, 2:38)
    In der Reihe Philosophisches Kopfkino wird der Zuschauer in Platons Höhle geführt. Platons Ideen als das Wesen aller Dinge begründeten den späteren Idealismus. Dazu entstand der Materialismus als Gegenbewegung. Zum dazugehörigen 3sat-Artikel geht es hier.
  • Matrix (Kino-Trailer, 2:15)
    Das cineastische Spektakel der Matrix-Trilogie wurde weltweit bekannt und greift mehrere wichtige Fragen der Erkenntnistheorie auf.
  • Philosophieren mit Science-Fiction-Filmen (Online-Artikel, PDF, 5 S.)
    In drei Punkten führt Steenblock in diesem Textbeitrag aus, wie die Philosophie auf die Science-Fiction-Kultur zugeht. Für die Didaktik lässt sich dieses Potential nutzbar machen.
  • Philosophie im Film (Buch-Empfehlung)
    Das Autorenteam Jörg Peters, Martina Peters und Bernd Rolf geben mit diesem Buch eine wertvolle didaktische Handreichung für den Film im philosophischen Unterricht mit vielen Filmbeispielen zu übergreifenden Themen wie Wahrnehmen und Erkennen (Blow Up, Matrix) oder Medienwelten (The Truman Show), jeweils mit konkreten Arbeitsaufgaben zu den einzelnen Unterrichtsprojekten. Auf der Verlagsseite sind exemplarische Buchseiten veröffentlicht.

Online-Lernplattform (ZEIT für die Schule)
Einführung zu Descartes
Eine abwechslungsreiche Einführung zu Descartes und seiner Erkenntnistheorie bietet die Lernplattform der ZEIT. Der methodische Zweifel und die darauf aufbauenden erkenntnistheoretischen Schritte werden nicht nur verständlich erläutert, sondern mit Hilfe kleiner Filmsequenzen – zum Beispiel zu den Farbenspielen von Beau Lotto – auf spielerische Weise veranschaulicht. Es werden zudem weiterführende Bezüge hergestellt, etwa zum Film Matrix.

4.4 Mediendidaktik

Mit der Erkenntnistheorie von der Antike über die Aufklärung zum eLearning: Wie sicher sind die Quellen unseres Wissens?

Online-Dossier (bpb)
Urheberrecht
Bevor Lehrende und Lernende sich mit den sogenannten neuen Medien beschäftigen, ist es angeraten, sich über Urheberrechtsfragen zu informieren. Aber natürlich ist ein solcher Einleitungssatz gewissermaßen weltfremd, denn die Begegnung und Erfahrung mit digitalen Medien ist dem in der Regel längst vorausgegangen. Information und Aufklärung schaffen auch hier Kompetenzen – bei Lehrenden und Lernenden. Das Dossier der Bundeszentrale für Politische Bildung veranschaulicht dazu Grundlagenwissen. Interessant ist eine Zeitleiste zur Geschichte des Urheberrechts, die auch verdeutlicht, wie schnell Angebote im Netz nicht mehr aktuell sind.

Internet-Ratgeber
Netzdurchblick
Dieses Projekt von Studierenden der HAW ist ein Internet-Ratgeber für Kinder und Jugendliche und vermittelt altersgerecht Kenntnisse im Netz. Hier gibt es Comics, Videos und Musik. Zu finden ist ein weiterer Beitrag zum Urheberrecht, ein Wissenstest und – nicht zu verpassen –, der Netzdurchblick Rap.

Online-Fachportal
Fachportal Pädagogik
Das Fachportal Pädagogik ist ein Tor zur bildungswissenschaftlichen Fachinformation. Neben Literaturdatenbanken und umfassenden Informationssammlungen zu Wissenschaft und Forschung lassen sich hier aktuelle Anregungen und neue Publikationen finden, so zum Beispiel ein Beitrag zum lebenslangen Lernen mit dem Internet. Das Angebot richtet sich unter anderem an das schulische Lehrpersonal. Die Nutzung ist ohne Anmeldung möglich und kostenfrei.

Online-Veröffentlichung der Universität Kiel (Kübler, Elling)
Wissensgesellschaft
Hans-Dieter Kübler und Elmar Elling haben gesammelte medienpädagogische Beiträge unter dem Titel Wissensgesellschaft. Neue Medien und Ihre Konsequenzen herausgegeben. Der Umfang der Veröffentlichung sollte den interessierten Leser nicht abschrecken, lässt sich doch hier die ganze Vielfalt des Themas auffächern. Besonders interessant für die Schule: Lernen in der Informationsgesellschaft; Claus J. Tully beschreibt neue Lernformen in der Schule vor dem Hintergrund digitalisierter Welten.

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